Hadi Teherani ist ein deutscher Architekt iranischer Herkunft. | Foto: Büro Teherani

Stararchitekt im Interview

Hadi Teherani: „Für junge Mitarbeiter muss es die Londoner City sein“

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Hadi Teherani ist einer der bedeutendsten Architekten der Gegenwart in Deutschland. Mit seinen spektakulären Entwürfen hat der Hamburger in vielen Städten Akzente gesetzt. Jetzt ist er als Preisrichter für den neuen Badischen Architekturpreis nach Offenburg gereist. Unser Redaktionsmitglied Ulrich Coenen hat Teherani Fragen zur Zukunft der Städte und des ländlichen Raums gestellt.

Fernwirken statt Home Office

Seit Beginn des Jahrtausends wachsen die großen Städte, der ländliche Raum kämpft mit Problemen. Wie sieht die Zukunft aus?

Teherani: In Frankfurter Bankenkreisen existiert der Begriff Home Office noch nicht. Das wäre natürlich die Chance für einen Ausgleich zwischen Stadt und Land. Statt Home Office gibt es unter Frankfurter Bankern den Begriff „Fernwirken“. Das klingt nicht nur sehr antiquiert, sondern ist sogar absolut tabu. Insofern werden die Städte weiterhin wachsen. Die gefragten Absolventen der Hochschulen sind sogar sehr wählerisch darin, welche Metropole sie bevorzugen. Selbst große internationale Firmen haben keine Chance, sich dort wenigstens am Rand niederzulassen. Für junge Mitarbeiter muss es zum Beispiel in London die City sein.

Was wird aus dem ländlichen Raum?

Sie haben in den vergangenen fast drei Jahrzehnten in zahlreichen Großstädten wichtige Gebäude geplant und gelten als einer der bedeutendsten Architekten in Deutschland. Spielt der ländliche Raum in Ihrer Arbeit überhaupt eine Rolle oder gehört die Zukunft alleine den Metropolen?

Teherani: Als Architekt stellt man sich der Aufgabe und seinen Herausforderungen. Darum gibt es auch in kleinen Städten und im ländlichen Raum Projekte von uns. Zum Beispiel kleine Wohnhäuser oder auch Gewerbebauten.

Die Kranhäuser in Köln zählen zu den spektakulärsten Projekten von Hadi Teherani. Die mehr als 60 Meter hohen Türme, die an die Form von lastkränen anknüpfen, wurden 2010 auf dem Gelände des alten Kölner Rheinauhafens vollendet. | Foto: Ulrich Coenen

Modern vor historischer Kulisse

Einige Ihrer Projekte sind längst moderne Ikonen, beispielsweise die drei zwischen 2006 und 2010 auf dem Gelände des früheren Kölner Rheinauhafens erbauten Kranhäuser. Sie prägen mit dem gotischen Dom und romanischen Kirchen wie Groß St. Martin das Kölner Rheinufer.

Teherani: Der Dom und die Kirche Groß St. Martin dokumentieren wichtige Epochen der Kölner Geschichte. Eine Stadt, die in die Zukunft blickt, kann sich jedoch nicht allein auf historische Architektur-Erzählungen aus der Stadtgeschichte beziehen. Stadtentwicklung benötigt moderne Architektur-Erzählungen, aus denen irgendwann wieder neue historische Episoden werden, die die Stadtgeschichte anspruchsvoll fortsetzen. Darum bestand unsere Herausforderung im Kölner Rheinauhafen vor allem darin, vor der großartigen historischen Kulisse das moderne Köln zu dokumentieren. Die Kranhäuser erinnern mit dem Bild der alten Hafenkräne an die ursprüngliche Hafennutzung und geben dem Rheinauhafen als Großform städtebaulich ein starkes Rückgrat. Vor allem wird aber mit diesem neuartigen Hochhaustypus der Aufbruch Kölns in die Zukunft unterstrichen.

Die Kranhäuser prägen mit ihrer charakteristischen Formensprache das Rheinufer in Köln. | Foto: Ulrich Coenen

Wir fanden es schade

Zu ihren Bauwerken, die fast jeder in Deutschland kennt, gehört der Fernbahnhof am Frankfurter Flughafen, der 1999 eröffnet wurde. Er wurde zwischen 2007 und 2011 nach Plänen des Büros JSK, dessen 2018 verstorbener Chef Helmut W. Joos in Schloss Neuweier in Baden-Baden gewohnt hat, zum Bürohaus „The Squaire“ aufgestockt. Schmerzt so etwas?

Teherani: Es war von Anfang an vorgesehen, dass der Bahnhof überbaut werden sollte. Nach der ungeteilten Begeisterung für den ersten Bahnhof Deutschlands, dessen Betrieb ganz ohne Wind und Wetter auskommt, fanden wir es natürlich schade, dass wir beim Wettbewerb für die Überbauung nicht mit aufgefordert wurden.

In der Tradition des Bauhauses

Sie arbeiten nicht nur als Architekt, sondern auch als Designer, der nicht nur die architektonische Hülle, sondern auch Innenräume mitsamt Einrichtung und Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens gestaltet. Sehen Sie sich damit im Jubiläumsjahr in der Tradition des Bauhauses?

Teherani: Ja genau, auf jeden Fall. Das Bauhaus hat mich schon im Studium fasziniert. Die Denkweise der maßgeblichen Architekten hat mich auf meinem Weg stark beeinflusst. Walter Gropius oder Mies von der Rohe sind wichtige Vorbilder, zum Beispiel das Teeservice oder der Barcelona Chair. Das große Ziel war schon damals, ganzheitlich zu denken. Das ist auch die Grundidee, der Leitfaden meiner Arbeit.

Deutschlandhaus wird falsch eingeschätzt

Es gibt auch Kontroversen um Ihr Werk. Das expressionistische Deutschlandhaus in Hamburg aus dem Jahr 1929 wird abgerissen. Das hat in der Fachöffentlichkeit für Entsetzen gesorgt. Sie haben den Auftrag für den Neubau erhalten. Bedauern Sie nicht, dass eines der markantesten Gebäude in der Hamburger Innenstadt verschwindet?

Teherani: Nein, das Gebäude wird vielfach falsch eingeschätzt, ohne diesen vermuteten Qualitäten in seiner aktuellen, letzten Ausprägung tatsächlich gerecht zu werden. Aus gutem Grund stand das Gebäude nicht unter Denkmalschutz. Wir freuen uns darauf, unserer Stadt ein anspruchsvolleres Gebäude zu schenken.

Nicht bauen wie vor 90 Jahren

Ihr Entwurf für das neue Deutschlandhaus zitiert aber bewusst den zum Abriss frei gegeben Vorgängerbau. In einer Zeit, in der komplette, im Zweiten Weltkrieg untergegangene Gebäude wie das Berliner Stadtschloss oder gar Stadtviertel wie die Frankfurter Altstadt rekonstruiert werden, ist das ein interessanter Aspekt. Was halten Sie von diesen in Fachkreises umstrittenen Rekonstruktionen?

Teherani: Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen dem Deutschlandhaus und den von Ihnen genannten Beispielen. Für das Deutschlandhaus mussten Straßenzüge und kleinteilige Fachwerkhäuser weichen. Ich verstehe, dass man an städtebaulichen Situationen hängt, die sich in die Erinnerung eingebrannt haben. Gebäude originalgetreu zu rekonstruieren ist letztlich jedoch gar nicht möglich. Aus welchem Grund ist sonst im Fall des Brandes der Kirche Notre-Dame in Paris ein Architekten-Wettbewerb im Gespräch. Wie schon beim Berliner Stadtschloss und der Frankfurter Altstadt. Den besseren Weg sehe ich darin, mit modernen Mitteln von den unbestrittenen Qualitäten des Ursprungsbaus auszugehen, aber nicht so zu tun, als würde man im Jahr 1929 bauen, vor 90 Jahren.