Fraßspuren haben Biber im Taubergießen hinterlassen. | Foto: Jürgen Jäger

Wildnis im Taubergießen

„Hier kann der Biber noch Biber sein“

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Von Hagen Späth

Der Biber ist wieder da. Im Naturschutzgebiet Taubergießen zwischen Rheinhausen und Kappel-Grafenhausen ist das Nagetier, das schon um das Jahr 1830 herum aus dem Oberrheingebiet verschwunden ist, wieder sesshaft geworden. Und von hier aus könnte er auch die Rheinauen weiter nördlich und südlich besiedeln. Die Häufigkeit der Fraßspuren lässt für die Experten keinen anderen Schluss zu.

„Sesshaft geworden“

So lautet jedenfalls die Einschätzung von Bettina Sättele vom Fachbüro für Biberfragen in Ühlingen-Birkendorf. Sie ist seit über 20 Jahren dem Biber auf der Spur und sagt eindeutig: „Der Biber ist im Taubergießen auf jeden Fall sesshaft geworden.“ Spuren des Nagetiers seien hier erstmals im Jahr 2001 gefunden worden, seitdem komme er regelmäßig. „Und seit die Ile de Rhinau renaturiert ist, häufen sich die Nachweise“, sagt die Frau, die immer dann vom Land als Bibermanagerin für Südbaden eingeschaltet wird, wenn es Probleme mit dem Nagetier gibt. Wenn er mit seinen Bauten für Überschwemmungen sorgt oder Gärten untergräbt. Im Dschungel des Oberrheins erwartet sie solche Probleme nicht: „Die Auwälder des Taubergießen sind der ideale Lebensraum für ihn. Hier kann der Biber noch Biber sein. Es gibt viel Platz und es sind kaum Konflikte zu erwarten.“

Abgenagter Baum

Jochen Paleit, der Bürgermeister der Gemeinde Kappel-Grafenhausen, auf deren Gemarkung ein großer Teil des Naturschutzgebiets liegt, hat die Spuren des Nagetiers erstmals vor drei Jahren entdeckt. Seit Herbst vergangenen Jahres sind sie deutlich mehr und häufiger geworden. Er hat den Mann von der Zeitung zu einer Tour in den Taubergießen eingeladen. Paleit steigt in einen Holzkahn, der am Gewässer vertäut ist, hebt sein Fernglas und weist auf einen abgenagten Baum auf der anderen Uferseite: „Dort war der Biber am Werk.“ Ein abgenagter Stamm liegt auf der Seite, weitere folgen flussabwärts der Elz und der Altrheinarme.

Jochen Paleit, Bürgermeister von Kappel-Grafenhausen, hat die Hinweise auf den Nager erstmals vor drei Jahren entdeckt. | Foto: Hagen Späth

„Auch die Bootsführer, die mit ihren Kähnen an Stellen vorbeikommen, wo man zu Fuß nicht hingelangt, berichten dies schon länger“, sagt Paleit. Ob die vermehrten Spuren ein Beleg dafür sind, dass der Biber hier sesshaft geworden ist, da will sich der Bürgermeister aber nicht festlegen. Wenn es so wäre, würde es ihn jedoch freuen: „Wenn der Biber bleibt ist das eine weitere Ergänzung der Artenvielfalt des Naturschutzgebiets.“ Das ist dem Bürgermeister ein wichtiges Anliegen. Auf seine Initiative hin wurde das Projekt Wilde Weiden gestartet. Seit drei Jahren dürfen eine Herde Rinder auf einer 70 Hektar großen Fläche weiden. Die Biologen erwarten, dass durch das Wirken der Tiere – unter anderem durch ihr selektives Fressen und ihren Dung – die Artenvielfalt erhöht wird.

Erfassung schwierig

Der Biber hat im Taubergießen viel Platz, das macht die Erfassung der Anzahl der Tiere schwierig. „Man muss sich schon sehr genau auskennen, um ihn zu sehen“, sagt Sättele. Wer glaubt, ihn schwimmen zu sehen, sehe meist eine Nutria: „Wenn nur der Kopf aus dem Wasser schaut, kann man die beiden leicht verwechseln.“ Deutlich zu unterscheiden seien die beiden jedoch an den Fraßspuren. Es sei nicht so, dass der Biber immer Bauten anlege und Dämme bilde. Gerade im Taubergießen mit seinen vielen Wasserläufen seien seine Bauten ganz schwierig zu finden. Saettele: „Oft lebt er in Erdhöhlen, die er am Ufer in die Böschung gräbt und deren Eingänge überwachsen sind.“ Er könne sich aber auch unter Baumwurzeln einrichten.

Spuren nehmen zu

Einer der Bootsführer, der seit 20 Jahren regelmäßig seinen mit Touristen und Ausflüglern beladenen Kahn durch den Taubergießen gleiten lässt, ist Jürgen Jäger aus Kappel. Das Foto, das den abgenagten Baumstamm zeigt, hat er im März aufgenommen, es stammt aus der Rhinauer Breite im nördlichen Taubergießen. Jäger hat ebenfalls festgestellt, dass die Spuren zunehmen, trifft allerdings die Unterscheidung: „Im Winter mehr, im Sommer weniger. Ich vermute, die Tiere ziehen sich zurück, wenn mehr Bootsfahrer unterwegs sind.“

„Wir sind Bibererwartungsland“

Ganz verabschiedet vom Oberrhein hat sich der Biber schon früh, „etwa um das Jahr 1830 herum“, schätzt Saettele. „Doch seine Ausrottung hat schon im Mittelalter begonnen. Die Menschen haben ihn intensiv bejagt“, sagt sie, Fleisch und Fell, „von Kopf bis Fuß“ wurde er genutzt. Der Todesstoß für das Tier, das früher so stark verbreitet war wie heute die Wasserratte, war dann wohl die Rheinkorrektion durch Tulla in den Jahren zwischen 1817 und 1880. Der Biber verlor seinen Lebensraum. Und jetzt kommt er also zurück. Weiter nach Norden hin sind seine Spuren bisher jedoch spärlich. Vor 15 Jahren ist er in Rheinau-Freistett schon einmal gesichtet worden. Und im Herbst 2013 hat Gunter Hepfer, der Revierförster von Neuried, Fraßspuren im Polder Altenheim entdeckt: „Wir sind Bibererwartungsland. Das war die Stippvisite eines männlichen Jungbibers.“

Keine Gefahr für den geplanten Polder

Vom Regierungspräsidium kommt auf die Frage, ob die Arbeit des Bibers mit seinen Bauten oder den vermehrt abgefressenen Gehölzen eine Gefahr für den geplanten Polder sein könnte, Entwarnung. „Wir müssen ein Auge darauf haben, aber für den Taubergießen sehe ich da keine Gefährdung“, sagt Harald Klumpp, Leiter der Planungsgruppe Offenburg und damit auch zuständig für den Polder Elzmündung. Vor allem im Auslaufbereich müsse man immer auf Äste oder Bäume achten, die Auslaufbauwerke verstopfen können. „Darauf sind aber unsere Planungen ausgelegt. Wir haben immer einen zweiten Abfluss, falls einer einmal verstopft sein sollte“, sagt Klumpp.