Mit der Fertigstellung der Linie D vom Straßburger Zentrum an den Kehler Bahnhof beginnt am Rhein eine neue Zeitrechnung | Foto: Lukas Habura

Jungfernfahrt der Tram

„Historisches Ereignis“ für Straßburg und Kehl

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Es blieb der Fantasie der 400 Ehrengäste überlassen, wie sie das Hupkonzert auf der zu Stoßzeiten chronisch verstopften Europabrücke zwischen Kehl und Straßburg deuten wollten. Begrüßten die Autofahrer die neue Tramlinie über den Rhein, die die wichtige Straßenbrücke zwischen Deutschland und Frankreich entlasten wird? Oder machten sie ihrem Ärger darüber Luft, dass in Kehl Ausnahmezustand herrschte und die Polizei für die von massiven Sicherheitsmaßnahmen begleitete Jungfernfahrt der Tram kurzerhand die Bundesstraße 28 dichtmachte? Tatsache ist: Mit der Fertigstellung der Linie D vom Straßburger Zentrum an den Kehler Bahnhof beginnt eine neue Zeitrechnung. 2,5 Millionen Passagiere, so die Prognose, werden die Verbindung jedes Jahr nutzen.

Unkompliziertes Miteinander

Die politische Dimension gibt es quasi umsonst obendrauf: „In Zeiten, wo die Einen Mauern errichten, bauen wir eine Brücke“, freute sich Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) beim Festakt in Kehl. Er war nicht der einzige, der das unkomplizierte Miteinander der Städte als Zeichen der Hoffnung und des Aufbruchs in einem eher verzagten Europa deutete. Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) sprach von einem „historischen Ereignis“. Nirgendwo sonst auf der Welt gebe es zwei Länder, die ihre Erbfeindschaft überwunden und so wie Deutschland und Frankreich zu echter Freundschaft gefunden hätten.

100 Millionen teure Investition

Eine knappe Viertelstunde dauerte es, bis die beiden nagelneuen Tramzüge die kurze Strecke von der Haltestelle Citadelle am Vauban-Hafenbecken bis zum Kehler Bahnhof geschafft hatte. Im Normalbetrieb wird es gewiss etwas flotter gehen. Die Fahrzeit von Kehl in die Straßburger Innenstadt soll sich durch mehr als 100 Millionen Euro teure Investition schließlich halbieren. Das rückt nicht nur das Straßburger Zentrum dichter an Deutschland heran, die Fahrgäste erreichen auch ohne Umsteigen den TGV-Bahnhof. Von dort nach Paris dauert es dann nur noch eine Stunde und 50 Minuten.

Entwicklungsachse für neues Stadtviertel

Doch die Tram wird nicht nur dem Freizeitverkehr dienen: Rund 3000 Elsässer arbeiten in Kehler Betrieben. Für sie wird vieles einfacher, ebenso wie für die Autofahrer, die sich vielleicht dann nicht mehr morgens und abends auf Stau auf beiden Rheinseiten einstellen müssen. 36000 Fahrzeuge passieren täglich die Europabrücke, 6000 Menschen, so die Prognosen, werden auf die Tram umsteigen. Die Tramlinie D dient zudem als Entwicklungsachse für ein neues Stadtviertel am Rhein. Bis 2030 werden auf rund 250 Hektar Wohnungen für 20000 Menschen entstehen.

Gemeinsame Siegerpose

Kehls Oberbürgermeister Toni Vetrano (CDU) und sein sozialistischer Amtskollege Roland Ries boten  das symbolische Bild des Tages, als sie die Hände zur gemeinsamen Siegerpose verschlangen. Sie und vor allem Vetranos Vorgänger Günther Petry hatten das Tramprojekt nach mehr als einem Jahrzehnt des Stillstands in rekordverdächtiger Geschwindigkeit auf die Schienen gesetzt, wie auch Winfried Hermann anmerkte: Die Franzosen hätten da wohl ein wenig geholfen, witzelte er: „Wir sind normalerweise nicht so schnell.“