Bezahlen ohne Bargeld
Die eigene Karte virtuell auf dem Smartphone: Wer das so einrichtet, kann die Karte künftig stecken lassen und stattdessen an der Kasse das Handy zücken. | Foto: Michaela Gabriel

Nachgefragt im Acherner Handel

In den Kassen landet immer weniger Bargeld

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Das Smartphone als Geldbeutel, die Kontokarte digital im Handy, damit werben derzeit die Banken in der Region für eine neues bargeldloses Bezahlsystem. Die passende App können sich Nutzer eines Android-Handys im Google Play Store laden. Wird das Programm so eingestellt, dass es dauerhaft geöffnet bleibt, soll es an der Kasse beim Händler künftig superschnell und „kontaktlos“ zum Geldfluss kommen – ganz ohne „Wischen und Tippen“. Seine Geheimzahl (PIN) muss man nur dann noch ins Terminal eingeben, wenn man für mehr als 25 Euro eingekauft hat.

Zahlreiche Anfragen vor der Einführung

Aber wollen die Verbraucher überhaupt so schnelle Bezahlvorgänge „im Vorbeigehen“? Wie kommt das neue Verfahren bei der Kundschaft an? Weil das System erst wenige Tage verfügbar ist, könne man dazu noch keine konkreten Aussagen treffen, sagt Rolf Jürgen Vogt von der Volksbank in der Ortenau. Vor der Einführung habe man aber zahlreiche Anfragen gehabt, wann der neue Service eingeführt wird. „Bereits in den ersten Tagen haben einige Hundert Kunden ihre Karte hochgeladen. Die Reaktionen sind durchweg positiv“, freut sich Uwe Dohle, Bereichsleiter Kommunikation bei der Sparkasse Offenburg/Ortenau Das Bezahlen per Handy funktioniere „reibungslos und schnell“.

Extra Kassensysteme für Bezahlen ohne Bargeld

Einige Einzelhändler, die mit ihren Kartenlesegeräten das kontaktlose Bezahlen noch nicht ermöglichen, werden wohl bald aufrüsten. Doch beliebt sind die bargeldlosen Zahlwege bei den Geschäftsleuten nicht wirklich. Denn sie müssen dafür Kassensysteme mit Anschluss an eine Datenleitung anschaffen, haben außerdem Systemkosten und Einmalkosten pro Zahlungsvorgang. Dazu werden Kosten für ein Kartenterminal oder die Miete dafür fällig und der Netzbetreiber verlangt seinen Anteil.

Bezahlen ohne Bargeld
Statt mit Scheinen und Münzen zahlen immer mehr Kunden mit Karte. | Foto: Daniel Karmann

Genau wie Strom für Licht und Klimaanlage brauche ein Händler die technischen Voraussetzungen für bargeldloses Bezahlen, sagt Philipp Schäfer, Vorsitzender des Vereins „Achern aktiv“. Wer bisher nur Kartenzahlung per Lastschrift mit Unterschrift angeboten habe, müsse für das neue Verfahren künftig mehr bezahlen. Der Bargeldanteil in der Kasse sinke, es werde immer häufiger mit Karte bezahlt. Die vermehrte Nutzung von Kreditkarten sorge aktuell für die größte Kostensteigerung im elektronischen Zahlungsverkehr, erklärt Schäfer. Der Kunde wünsche immer häufiger den Zahlungsaufschub um einen Monat pro Kreditkarte. Er werde von den Händlern finanziert. Die Nachfrage nach Bezahlung per Handy sei bisher jedoch gering.

Lastschriftverfahren für Händler günstiger

„Wir werden die technischen Möglichkeiten schaffen“, sagt Axel Hanold vom Modehaus Wolber. Weil aber ungeübte Kunden und Verkäufer den Zahlvorgang verzögern könnten, werde man nicht auf die Anwendung der neuen Methode drängen. Er bekräftigt auch, dass das Lastschriftverfahren mit EC-Karte und Unterschrift für den Händler kostengünstigster ist. Und dass immer noch etwa die Hälfte der Umsätze bar in die Kassen kommt. „Die ältere Generation hat lieber Bargeld, aber auch manche jüngeren Leute, um nicht mehr auszugeben als sie haben“, berichtet Monika Ross, Inhaberin der „Dessous Perle“ in Achern.

Nachfrage nach Zahlung per Handy gering

Die Firma Rauch hat zwar die technischen Möglichkeiten zum Bezahlen per Handy. „Allerdings gibt es vom Verbraucher derzeit noch keine Nachfrage“, so Alexandra Rauch-Klostermann. Etwa die Hälfte aller Umsätze im Laden werde zwar inzwischen mit EC-Karten bezahlt. Bargeld aber sei für den Einzelhandel das kostengünstigste Zahlungsmittel. „Zahlen mit dem Handy ist bei uns bisher noch kein Thema“, ist auch aus dem Gartencenter Decker in Großweier zu hören. Bisher sei das Zahlen mit Bargeld am günstigsten, weiß auch Ingeborg Decker. Doch Gebühren für Münzrollen, die die Banken inzwischen verlangen, verteuern für die Händler auch diese Zahlungsart. 50 Cent pro Rolle Münzgeld ab der fünften Rolle fallen wie es heißt derzeit sowohl bei der Sparkasse als auch bei der Volksbank für die Händler an.

Hintergrund: „Bargeldland“
Knapp 47 Prozent der Umsätze im deutschen Einzelhandel wurden 2017 mit Karte getätigt, hat Rolf Jürgen Vogt von der Volksbank in der Ortenau in einer Statistik nachgelesen. Seit 1,5 Jahren mache man den Kunden das Bezahlen per Karte noch einfacher, indem man es kontaktlos ermöglicht – ohne dass die Karte in ein Terminal gesteckt werden muss. Dennoch muss er zugeben: „Bargeld ist nach wir vor die Nummer 1.“ Vom bargeldlosen Zahlungsverkehr sei man noch weit entfernt. 330 Millionen Euro heben die Volkskbank-Kunden an allen Automaten im Geschäftsgebiet pro Jahr ab. „Der Bedarf an Bargeld ist in den letzten Jahren nur geringfügig gesunken“, stellt Uwe Dohle von der Sparkasse Offenburg/Ortenau fest. An den Automaten im Geschäftsbereich seien 2017 600 Millionen Euro ausbezahlt worden, allein 70 Millionen in der Stadt Achern. Er erinnert daran, dass auch Supermarktketten die Auszahlung von Bargeld anbieten. Deutschland sei nach wie vor ein „Bargeldland“.

Von Michaela Gabriel