In Kappelrodeck sind die Schudis los. Die urige Fastnacht lockt in jedem Jahr viele Menschen ins Achertal. | Foto: Roland Spether

Urige Fastnacht im Achertal

In „Kappel“ regieren die Schudis

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Von Roland Spether

Der „Kappler Tsischdi“ eine Woche vor dem Fastnachtsdienstag ist in Kappelrodeck der allerhöchste Feiertag. Deshalb stehen die Schudis im närrischen Herzen des Achertals unter Volldampf. Bis Aschermittwoch geben Duppe, Pröpperle, stumme Bure und Hexen den Ton an und kredenzen Bürgern und Gästen im Zeichen der „Hoorigen Katz – Das Original“, eine Fastnacht, die es zwischen Himmel und Erde kein zweites Mal gibt.

Herzhafte Lebensfreude

Von Geschlecht zu Geschlecht, so scheint es, wird im Ort ein bislang geheimnisvolles und unerforschtes Gen vererbt, das aus einem Kappelrodecker einen weltweit einmaligen „Kappler“ macht, der zu jeder Tages- und Nachtzeit bereit ist, den Schudi zu geben, der herzhaften Lebensfreude freien Lauf zu lassen und ein comedyreifes Feuerwerk zu zünden.

„Thäräs“ kommt mit dem Teppichklopfer

Mit bestem Beispiel geht der Präsident der ruhmreichen Narrenzunft 1811, Josef „Sepp“ Müller, voran, der an Fastnacht in ein hautenges rotes Kostüm mit superhohen High Heels schlüpft, sich „Thäräs“ nennt und mit dem Teppichklopfer dem holden Ehemann und „liedrigem Bürschel“ – im wahren Leben ist dies Ehefrau Liesel Müller – gehörig die Leviten zu verlesen. Doch der lässt sich verständlicherweise nichts gefallen und kontert: „Ich vergleiche die Ehe immer mit einem Besuch im Restaurant. Du meinst immer, das Beste zu bekommen, bis du siehst, was der Nachbartisch bestellt hat“.

Urige „Brätscherei“

Ob Ehegezänk in aller Öffentlichkeit und urige „Brätscherei“ beim Fegen von „Spinnehuddle“, ob „neumodische Hexe mit grüne Hoor“ oder fidele Reisegruppe vom „International Airport Waldulm“ ins hintere Seebach, die Schudis ziehen auch in diesem Jahr alle Register von sprühender Spontaneität und herzerfrischender Fröhlichkeit. Das macht den „Kapplern“ so schnell keiner nach und die Freunde der Schudi-Fastnacht reiben sich dann nur noch verdutzt die Augen, wenn fesche Tänzerinnen direkt aus Las Vegas einfliegen oder galant gekleidete Damen aus Mozarts Zeit flanieren und mit „Falco“ und „Amadeus“ den Schudiabend rocken.

Dann stört es auch nicht, dass waschechte Achertäler „Bure“ einen Rentnerstammtisch abhalten, sich über ihre Krankheiten auszutauschen und so nebenbei einen Vater für des „Büble“ im mitgeführten Kinderwagen vom „Huber Karl“ aus Ottenhöfen suchen. In solchen Situationen kann es für ratlose Männer nur gut sein, wenn fidele Putzfrauen die Staubwedel schwingen, den Männern die hohe Stirn polieren und nebenbei allerlei Geheimrezepte gegen „Knaxen“ im Genick und „Drucke im Buch“ preisgaben.

„Die längste Nacht der Welt“

Dass solch erstklassige „Kappler“ Frauen bei ihren Putzaktionen in den Schudinächten für ihre Ehemänner zu Hause auf dem Sofa entweder für den nächsten Tag „vorgekocht“ oder „ebbes us de Büx“ bereitgestellt haben, ist Ehrensache. Im Notfall werden die Männer einfach mitgenommen und helfen eifrig mit, für „die längste Nacht der Welt“ in Schudihausen zu sorgen, oder als mutiger „Schwoob“ dem Revoluzzer Hecker nebst überzeugten Badenern beim Neutexten der Badischen Nationalhymne in die Quere zu kommen. Doch der Schuss geht gehörig nach hinten los, denn „des schönschde Dorf im Badnerlond isch Kappel – mit Abstond“.

Hier ein paar Eindrücke von der Kappler Fastnacht, im Video festgehalten von unserem Mitarbeiter Roland Spether: