Freiwillige Helfer im Einsatz bei der Tierrettung im Willstätter Ortsteil Hesselhurst | Foto: red

Fall von Animal Hoarding

Bei Großeinsatz in Willstätt fast 50 Tiere geborgen

Ein Fall von sogenanntem Animal Hoarding – krankhaftem Tiersammeln – hat am späten Montagabend in Hesselhurst einen Einsatz von Feuerwehr, Polizei, Veterinäramt und Helfern aus Ortenauer Tierheimen ausgelöst. 23 Katzen, 22 Kaninchen und drei Tauben wurden in dem Willstätter Ortsteil aus dem früheren Pfarrhaus in der Ortenaustraße befreit. Die Tiere wurden dort von einer allein lebenden Frau gehalten. Auch vier Tierkadaver wurden gefunden. Bisher konnte der Kontakt zu der Frau, die gerade in Frankreich vermutet wird, laut Kai Hockenjos, Sprecher des Landratsamtes nicht hergestellt werden. Gegen sie werde ein Tierhalteverbot ausgesprochen. Außerdem wurde Strafanzeige wegen eines Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz erstattet. Was die Ernährung angehe, seien die Tiere in einem guten Zustand gewesen. Die Kater sind kastriert. Einige Tiere hätten aber Augenentzündungen und Durchfallerkrankungen – dementsprechend sehe auch das Haus aus, in dem der Strom abgestellt war.

Blaulicht in Hesselhurst

Blaulicht flackerte in der Nacht zum Dienstag über das stattliche Jugendstilgebäude in Hesselhurst. Das Haus wurde vor einigen Jahren an eine ältere Dame aus Frankreich verkauft. Die Frau lebt recht zurückgezogen, dass sie Tiere hält, hat sich schon herumgesprochen.
Was niemand weiß: Zum Verhalten der Frau passt der amerikanische Begriff „Animal Hoarding“ offenbar perfekt. Umschrieben wird damit laut dem Deutschen Tierschutzbund die Sucht, Tiere zu horten. Wer ihr verfallen ist, hält Tiere in großer Anzahl, ist aber nicht in der Lage, sie angemessen zu versorgen. „Es fehlt an Futter, Wasser, Hygiene, Pflege und tierärztlicher Betreuung“, beschreibt der Tierschutzbund die Symptome. Und: „Die Halter erkennen nicht, dass es den Tieren in ihrer Obhut schlecht geht.“ Dass es sich in Hesselhurst um einen klaren Fall von Animal Hoarding handelt, bestätigt an diesem Abend auch Judith Delong vom Veterinäramt des Ortenaukreises.

Tiere sprangen frei herum

Wie aus Kreisen der Einsatzkräfte zu erfahren ist, sprangen die Tiere in dem Haus und einer zugehörigen Gartenlaube frei herum. Entsprechend übersät war der Wohnraum mit Exkrementen. Einer der Helfer sprach von einer „Messie-Wohnung“. Die Katzen konnten in den völlig verdreckten Räumen zumindest vereinzelt nur gefangen werden, indem Vorhänge über sie geworfen wurden. Ein Helfer soll durch ein Tier sogar verletzt worden sein. Die Eigentümerin selbst war nicht vor Ort, sie soll, wie man im 820-Seelen-Dorf Hesselhurst weiß, nach Lothringen gefahren sein. Weil es in dem Gebäude mangels Strom nicht möglich war, Licht einzuschalten, sorgte die Freiwillige Feuerwehr Willstätt unter ihrem Kommandanten Christian Hetzel für die nötige Beleuchtung.

Wer letztlich die Behörden verständigt hat, war in der Nacht nicht zu klären und auch am Dienstag noch nicht bekannt. Dem Vernehmen nach sollen die Tiere aber noch am Tag ihrer Rettung mit Futter versorgt worden sein, wohl sogar im Auftrag der Besitzerin. Alle von den Helfern geborgenen Tiere sind nun in der Obhut erfahrener Helfer der Tierheime Offenburg und Kehl. Für sie ist „Animal Hoarding“ nichts Neues: Wie Stefanie Götzenberger von der Tierherberge Offenburg bestätigt, kommen vergleichbare Fälle etwa einmal im Jahr vor. Sollten im Hesselhurster Fall nähere Untersuchungen gesundheitliche Mängel ans Licht bringen, so werden auch Tierärzte eingeschaltet.

Abgekapselt von der Realität

„Solche Menschen sind völlig abgekapselt von der Realität“, sagt die Psychologin Andrea Beetz über von Animal Hoarding Betroffene wie die Frau in Hesselhurst. Dreck, tote Tiere und hygienische Mängel nähmen sie gar nicht mehr wahr.