Für ein volles Haus sorgten die Camper bei der Informationsveranstaltung zur Zukunft des Campingplatzes am Achernsee | Foto: Michael Moos

Dauercamper in Achern

Investor stößt auf wenig Gegenliebe

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Die gesamte Verwaltungsspitze einschließlich Oberbürgermeister, Bürgermeister, Stadtkämmerer und Fachgebietsleiter war auf dem Podium vertreten – die Hauptpersonen fehlten jedoch: Zur Informationsveranstaltung über die Zukunft des Campingplatzes am Achernsee waren weder der potenzielle Käufer noch der mögliche Pächter eingeladen worden. Dafür füllten rund 300 Camper den Bürgersaal im Rathaus Am Markt  bis zum letzten Platz. Obwohl sich Oberbürgermeister Klaus Muttach mehr als zwei Stunden redlich mühte, ihre zahlreichen Fragen beantworten, blieb am Ende jedoch die zwiespältige Erkenntnis: Niemand kann den Dauercampern im Moment sagen, ob und wie lange sie ihre mit viel Aufwand gestalteten Parzellen noch nutzen können.

Entscheidung im Gemeinderat

Eine erste Weichenstellung erfolgt am kommenden Montag: In öffentlicher Sitzung (Beginn 18.30 Uhr im Bürgersaal des Rathauses Am Markt) entscheidet der Gemeinderat darüber, ob der seit 1991 im Besitz der Stadt stehende Campingplatz an einen Investor veräußert, an einen Interessenten verpachtet oder weiterhin in Eigenregie betrieben wird. Wie sich bei dem Informationsabend zeigte, stehen die Camper dem Verkauf des Areals ablehnend gegenüber, zeigen sich jedoch aufgeschlossen für den Fall einer Verpachtung. Die Dauercamper haben – wie berichtet – unter dem Motto „Die Stadt will uns los werden – wir Camper wehren uns“ eine Initiative gestartet, die nicht nur in den Sozialen Medien bereits auf eine große Resonanz gestoßen ist.

Drei Varianten zur Auswahl

Oberbürgermeister Klaus Muttach hatte eingangs über die zur Wahl stehenden Varianten berichtet. Im Fall einer Verpachtung bestehe ebenso wie im – eher unwahrscheinlichen – Fall der Weiterführung als städtischer Campingplatz ein Investitionsbedarf von 1,55 Millionen Euro. Das Geld will man unter andere, für Neubauten (Rezeption, Sanitärgebäude), für Beleuchtung und Flächenverbesserungen, aber auch für die Überarbeitung des Restaurants ausgeben. Ebenfalls vorgesehen sei die Erstellung von 15 „einfachen Vermietobjekten“. Mit dem möglichen Pächter solle ein Vertrag mit einer Mindestlaufzeit von zehn bis 15 Jahren geschlossen werden. Für die Stadt ergebe sich als Folge der Investitionen ein jährlicher Zuschussbedarf von 130 000 Euro.

Käufer will Gesamtlösung mit „Seehotel“

Der potenzielle Käufer – es handelt sich bekanntlich um den Kehler Investor Jürgen Grossmann – sieht nach Angaben der Stadtverwaltung nicht nur für den Campingplatz, sondern auch für die benachbarte „Seehotel“-Ruine „eine umfassende Neugestaltung“ vor. Dafür will er 20 bis 30 Millionen Euro ausgeben (der ABB berichtete). Laut Muttach steht Grossmann jedoch nur für das Gesamtprojekt zur Verfügung: Sollte er mit dem bisherigen Eigentümer über den Erwerb des „Seehotels“ nicht handelseinig werden, müsste der Verkauf des Campingplatzes „rückabgewickelt“ werden.

Bebauungsplan Voraussetzung für Veränderungen

Keinen Zweifel ließ Muttach daran, dass Veränderungen auf dem Campingplatz in jedem Fall nicht ohne ein Bebauungsplanverfahren vorgenommen werden können. Da dieses mit einer Dauer vor „zwei bis drei Jahren“ zu veranschlagen sei, müsse kein Dauercamper in diesem Zeitraum mit einer Kündigung rechnen. Allerdings seien „Verschiebungen“ oder eine „Neustrukturierung“ des Platzes grundsätzlich nicht auszuschließen.

Camper gegen Verkauf

Wenig Chancen werden einem Weiterbetrieb in städtischer Regie eingeräumt – der Oberbürgermeister verwies dazu unter anderem auf tarifliche Rahmenbedingungen, die den flexiblen Einsatz des Personals deutlich erschweren. Dem stimmten auch die Camper zu, die allerdings einen beträchtlichen Unterschied zwischen dem einst hier tätigen städtischen „Platzverwalter“ Arnold Thierfelder und dem heutigen Personal deutlich machten. Keinen Zweifel ließen die Camper in mehreren Wortmeldungen daran, dass sie eindeutig gegen den Verkauf des Areals sind: „Viele Kommunen haben keine guten Erfahrungen mit Groß-Investoren gemacht.“ Immer wieder betont wurde die vielfach seit Jahrzehnten bestehende Verbundenheit der Bewohner des Campingplatzes mit der Stadt.

Klageverfahren möglich?

Thema der Diskussion war unter anderem auch die Information, dass die Stadt bis vor wenige Wochen mit Dauercampern neue Pachtverträge geschlossen oder ihnen förmliche Genehmigungen für zusätzliche Aufbauten erteilt habe, ohne die Betroffenen über die Möglichkeit einer unter Umständen bald bevorstehenden Kündigung ihrer Parzellen zu informieren. Wenig beeindruckt zeigte sich Oberbürgermeister von dem Hinweis, dass der Stadt Klageverfahren für den Fall der Kündigung der teilweise seit Jahrzehnten bestehenden Pachtverhältnisse drohen könnten. Klaus Muttach verwies auf die bestehenden Verträge, die jeweils zum Jahresende gekündigt werden könnten.

Stichwort
Campingplatz am Achernsee
Im Mai 1991 erwarb die Stadt Achern zum Betrieb eines Strandbads und eines Campingplatzes acht Grundstücke rund um den Achernsee. Der gesamte Kaufpreis einschließlich Nebenkosten belief sich auf 1 748 096 Euro. Der seit 1993 als Eigenbetrieb geführte Campingplatz ist mit drei von insgesamt fünf möglichen Sternen ausgezeichnet. Er verfügt über rund 550 Stellenplätze. Davon sind 350 Stellplätze von Dauercampern genutzt, von diesen sind rund 60 von Acherner Bürgern angemietet. Für die Durchgangscamper sind 200 Stellplätze (inklusive Zeltwiese) vorgesehen, die pro Jahr für rund 13 000 Übernachtungen genutzt werden. Zusätzlich zu seiner ansprechenden Lage am Rande des Schwarzwalds bietet der Campingplatz einen großen Seezugang über eine grasbewachsenen Liegewiese. Durch die durchaus heißen Monate im Sommer, bietet sich der See in der Regel von Mitte Mai bis Anfang September zum Baden an. Der See weist in den letzten Jahren durchgängig eine sehr gute Wasserqualität auf und ist nach Angaben der Stadtverwaltung der attraktivste See, der in Verbindung mit einem Campingplatz im Umkreis von mehr als 90 Kilometer vorhanden ist. Außerdem steht für die Besucher in einem Umkreis von 60 km, ein sehr breites Angebot an unterschiedlichen Ausflugszielen zur Verfügung. 2016 schloss der Campingplatz mit einem Ergebnis von Minus von rund 21 000 Euro.