Zahnarzt Praxis
Bambusbürste und Zahnpastatabs: Umweltschonend gedacht, aber am Ende zum Teil doch in Plastik, zeigen Frederike Riechers und Zahnarzt Joël Muller. | Foto: Stefanie Prinz

Vorschriften setzen Grenzen

Röntgenbilder nur noch digital – Kappelrodecker Zahnarztpraxis setzt sich für Nachhaltigkeit ein

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In der Kappelrodecker Zahnarztpraxis Muller versucht man, möglichst nachhaltig zu arbeiten. Dabei stellt das Team fest: In einem Medizinbetrieb sind Umweltschutz und Müllvermeidung gar nicht so leicht – und dann ist da ja auch noch Corona.

Wer die Umwelt schonen und Müll sparen will, kann im Alltag einiges tun – das geht aber nicht in jedem Umfeld: Eine Arztpraxis ist so ein Ort, an dem man mit Bemühungen um Nachhaltigkeit an Grenzen stößt. In der Zahnarztpraxis von Joël Muller in Kappelrodeck versucht man es trotzdem.

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Röntgenbilder nur noch digital

Neben dem Umstieg auf Ökostrom und LED-Leuchten und der Anschaffung von möglichst energieeffizienten Geräten spielen hier auch viele kleine Dinge eine Rolle: So gibt es in der Praxis, die Muller 2018 übernommen hat, unter anderem Röntgenbilder nur noch digital statt auf Papier, und kleine Werkzeuge wie zum Beispiel „Luftpuster“ werden fachgerecht aufbereitet und wiederverwendet.

„Viele Zahnärzte verwenden solche Kleingeräte lieber einzeln verpackt, weil das viel weniger Aufwand bedeutet“, sagt Mullers Frau Frederike Riechers, die beim Thema Nachhaltigkeit in der Praxis den sprichwörtlichen Hut auf hat.

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Manche Ideen lassen sich dagegen schwer umsetzen: „Wir testen gerade, wie wir Plastikbecher durch Pappbecher ersetzen können“, sagt Riechers. Die Pappversion sei allerdings oft doch nicht so plastikarm weil polymerbeschichtet.

Außerdem müsse ein Pappbecher auch dichthalten, wenn eine Behandlung einmal länger dauert. Mehrwegbecher aus Kunststoff wiederum müssten den Vorschriften zufolge immer wieder aufbereitet und steril verpackt werden – und so wie in diesem Beispiel landet man in der Praxis am Ende gezwungenermaßen oft doch wieder beim Plastik.

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„Über dieses Thema hat sich wohl einfach noch niemand Gedanken gemacht“, sagt Frederike Riechers. Vieles, was in einem Privathaushalt gut umsetzbar wäre, ist hier nicht möglich: Um etwa Seife in einer Großpackung zu kaufen und in wiederverwendbare kleinere Behälter umzufüllen, bräuchte es einen eigenen Raum mit Lüftung.

Patienten können nicht einfach Handtücher mitbringen

„Für Arztpraxen gelten dieselben Vorschriften wie für Krankenhäuser“, sagt Joël Muller, auch wenn da die räumlichen Voraussetzungen ganz andere seien. „Allgemeinmediziner haben es dabei vielleicht noch ein bisschen leichter“: Da könne für die Behandlungsliege ein eigenes Handtuch anstelle einer Papierunterlage genutzt werden.

Ein Zahnarzt könne einen Patienten dagegen nicht einfach bitten, ein Handtuch zum Umlegen mitzubringen: Für die praxiseigenen Handtücher, etwa in der Toilette, wird hier gegen Keime ein spezielles Waschmittel verwendet. Sollte das Handtuch des Patienten in irgendeiner Form „infiziert“ sein, haftet die Praxis. „Dieses Risiko ist zu hoch, denn ein Zahnarzt arbeitet eben invasiv“.

Und dann kam auch noch die Corona-Pandemie, die manches Bemühen zusätzlich ins Absurde verkehrte: Für die Patienten stehen auf der Toilette Zahnbürsten aus Bambus statt Plastik bereit. Dazu gibt es Zahnpasta in Form von gepressten Tabs, mit denen eigentlich Verpackungsmüll gespart werden soll – wegen eines möglichen Hautkontakts mit den übrigen Tabs müssen diese nun einzeln eingeschweißt werden.

Eigene Kinder als Antrieb für den Einsatz

Eine ganze Reihe Hygienestandards zwänge die Praxis in ein starres Korsett, sagt Frederike Riechers: Die Anforderungen seien in Zeiten der Klimakrise fragwürdig.

Um doch etwas zu tun, hat sich das Kappelrodecker Team der Initiative „Klimaretter – Lebensretter“ angeschlossen (siehe Hintergrund). Auch auf ihren Kanälen im Internet macht die Praxis auf das Thema aufmerksam – von Patientenseite angesprochen worden sei man bisher aber nicht. „Das Bewusstsein ist wohl doch noch nicht so weit verbreitet“, so Riechers und Muller, für die der größte Antrieb für den Einsatz ihre vier Kinder sind: „Sie sollen die Welt, die Vögel und die Insekten, später auch noch so erleben wie wir heute“.

Hintergrund: In der Initiative „Klimaretter – Lebensretter“ haben sich Unternehmen und Beschäftigte der Gesundheitsbranche zusammengeschlossen, die einen Beitrag zum Klimaschutz leisten wollen. Aktionen im Betrieb, die dabei helfen sollen – die Treppe statt den Aufzug benutzt, den Standby-Modus vermieden oder richtig gelüftet – werden in einem Online-Tool gesammelt und in die entsprechende CO2-Ersparnis umgerechnet. Im Gegenzug erhalten die Teilnehmer Unterstützung bei der Umsetzung im Arbeitsalltag. Der erfolgreichste Teilnehmer eines Jahres erhält zudem einen „Klimaretter-Award“. Hinter der Initiative steht die Stiftung „Viamedica“, die dabei vom Bundesumweltministerium und der Nationalen Klimaschutz-Initiative unterstützt wird.