Psychische Erkrankungen bei Kindern
Licht am Ende des Tunnels? Dafür brauchen betroffene Kinder und Jugendliche Hilfe, machen reicht ein Impuls, wie sie mit ihren Schwierigkeiten umgehen können. | Foto: Nicolas Armer/dpa

Echo auf DAK-Studie

Kein einheitliches Bild: Wie entwickelt sich die Zahl psychisch erkrankter Kinder in Achern?

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Immer mehr Kinder und Jugendliche haben psychische Erkrankungen wie Angststörungen oder sogar Depressionen. Das ist das Ergebnis einer Studie, die eine Krankenkasse in Auftrag gegeben hat. Wie sieht die Theorie in der Praxis aus?

Die Psychologische Beratungsstelle Achern des Ortenaukreises beispielsweise sei immer „gut“ in Anspruch genommen worden, in den vergangenen Jahren seien aber tatsächlich immer mehr Menschen dort hingekommen, stellt Beratungsstellenleiter Michael Karle fest.

Der Acherner Kinderarzt und Obmann der Kinderärzte in der Ortenau, Markus Wössner, kann aus seiner Erfahrung heraus dagegen keinen Trend erkennen und sieht darüber hinaus Studien wie die genannte kritisch.

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Der Hintergrund: Die DAK hatte die Abrechnungsdaten ihrer minderjährigen Versicherten von 2016 und 2017 auswerten lassen und festgestellt, dass unter den Zehn- bis 17-Jährigen jeweils zwei Prozent eine diagnostizierte Angststörung oder Depression haben. Bundesweit sei die Zahl der Depressionen bei Kindern und Jugendlichen von 2016 auf 2017 um fünf Prozent gestiegen.

Kinderarzt sieht keine Zunahme

Emotionale Dinge könnten in solchen Studien schlecht abgebildet werden, auch seien die entsprechenden Diagnosekriterien schwierig, sagt Kinderarzt Markus Wössner. „Es gibt häufig psychische Erkrankungen, aber ob sie tatsächlich zunehmen, kann ich nicht erkennen.“

Nach Beobachtung der Mitarbeiter der Psychologischen Beratungsstelle handelt es sich bei den meisten Problemen um Essstörungen, Ängste und sogenanntes autoaggressives Verhalten (zum Beispiel „Ritzen“) sowie Drogen- oder Handysüchte, allgemeiner Stress, Mobbing oder zunehmend auch Schulverweigerung.

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Körperliche Anzeichen akzeptierter als „unsichtbare“

Wössner nennt zudem depressive Verstimmungen, Traurigkeit und Antriebslosigkeit, aber auch ADHS könne möglicherweise in diese Kategorie gezählt werden. Äußern könnten sich psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen durch Zurückziehen, in Form von Traurigkeit, aber auch durch Kopfschmerzen und andere körperliche Anzeichen.

Letztere würden noch immer eher akzeptiert als „unsichtbare“ Symptome, sagt Wössner und nennt als Beispiel Eltern in einer Trennungssituation, die darauf fokussiert waren, dass die Beschwerden ihres Kindes körperlich seien, und die gar nicht darüber nachdachten, dass ihre eigene Lage der Auslöser sein könnte.

Das Handy kann ein Ventil sein.

Für beide Experten spielt bei psychischen Beschwerden vor allem das Umfeld der Betroffenen eine wichtige Rolle. So würde in der Acherner Beratungsstelle etwa immer der Lebenszusammenhang eines Kindes betrachtet – die Schule, die Familie und auch die digitale Welt: „Wenn der Bedarf an Aufmerksamkeit in der Familie nicht gestillt wird, kann das Handy ein Ventil sein“, sagt Michael Karle, der mögliche Ursachen auch darin sieht, wie eng (oder eben nicht) der Zusammenhalt innerhalb einer Familie sei. „Das hat auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun: Heute wird seltener oder teilweise gar nicht mehr als Familie am Tisch gegessen, der Austausch fehlt also“, so Karle.

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Jugendliche suchen sich selbst Hilfe

Auch, dass viele Kinder heute mehr Zeit als früher in Betreuungseinrichtungen verbringen, sei für manche gut und wichtig, für andere nicht: Finde etwa die Trotzphase vor allem in der Betreuung statt, fehle Eltern und Kindern in ihrem Verhältnis diese Reibung, durch die sie gemeinsam gehen müssten.

Erhöhten Bedarf an Unterstützung habe Karles Beobachtung nach vor allem die Altersgruppe um das 16. Lebensjahr – und die suche sich auch oft selbst Hilfe.

Das sei Ausdruck des Zeitgeistes und ein gutes Zeichen dafür, dass das Bewusstsein für psychische Probleme größer werde. Insgesamt hätten im vergangenen Jahr rund 500 Familien die Psychologische Beratungsstelle und die Frühen Hilfen des Kreises aufgesucht.

Schon kleine Kinder können differenzieren

Der Berufsverband Kinderärzte warnt unterdessen davor, psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zu unterschätzen. Wie aber unterscheiden etwa Eltern, ob ihr Kind betroffen ist, oder ob sich eher nur die „normale Pubertät“ äußert?

Das hänge vom Leidensdruck ab, sagt Markus Wössner, aber auch davon, wie viel Resilienz, also psychische Widerstandsfähigkeit, die Familie einem Kind mitgegeben habe.

Ein starkes Alarmzeichen sei zum Beispiel die Schulverweigerung, aber auch einfach Traurigkeit: „Schon Sechs- oder Siebenjährige können so differenziert sein und sagen: ,Ich bin oft traurig’.“ Manche Eltern könnten dann besser über solche Phasen hinweg motivieren, andere weniger.