„Unsere Kindheit wurde uns gestohlen“: Nele Berl und Melanie Derr haben dieses Bild eines entwurzelten Mädchens gemalt. | Foto: red

Gedenkstunde in Achern

„Kinder ihrer Identität beraubt“

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Von Michael Karle
„Bedrückend und tief beeindruckend.“ So fasste Oberbürgermeister Klaus Muttach die Gedenkfeier anlässlich des 75. Jahrestags der Verschleppung polnischer Mädchen in die Illenau zusammen. Neben einem Vortrag von Stadtarchivarin Andrea Rumpf hatten Mädchen der Illenau-AG des Gymnasiums Achern mit ihrem Lehrer Wolfram Ehmann die Gestaltung der Veranstaltung im Festsaal der Illenau übernommen.

60 Mädchen in Polen geraubt

Das Gedenken galt den 60 Mädchen, die Deutsche in Polen auf offener Straße oder aus Heimen geraubt hatten und die ab Sommer 1942 in ärmlichen Kleidern und mit geschorenen Köpfen vom Bahnhof Achern den Weg in die „Deutsche Heimschule“ in der Illenau angetreten hatten.

Leiden können wir nicht ungeschehen machen

„Mit der Erinnerung an das unmenschliche Unrecht können wir das Leiden nicht ungeschehen machen, gleichwohl doch zu einer besseren Zukunft beitragen“, betonte der Oberbürgermeister, der verdeutlichte, dass am 13. Juni 1942 die ersten Mädchen am Acherner Bahnhof angekommen waren. „Keines dieser Kindern ist freiwillig gekommen. Mit Sprache, Heimat und Familie sind sie ihrer Identität beraubt worden“, so Klaus Muttach.

Zeitzeugin lebt in Achern

Mit einem Blumenstrauß gab der Oberbürgermeister Helene Lanig, damals eines der Polenmädchen und heute Bürgerin der Stadt, stellvertretend das offizielle Versprechen, dass in Achern „Rassismus und jede Form von Menschenverachtung mit aller Entschiedenheit“ bekämpft werden und die Würde des Menschen geachtet wird.

Mädchenverschleppung war Tabu-Thema

Andrea Rumpf führte zusammen mit den Mädchen der Illenau-AG aus, wie das System angelegt war, das den 60 nach Achern gekommenen wie zehntausenden weiteren Mädchen aus Polen zugekommen war. Dass die Kinder aus Polen auch in Achern lange ein Tabu-Thema waren, belegte die Stadtarchivarin mit den juristischen Versuchen, eine entsprechende SWR-Dokumentation in den 1990er-Jahren zu verhindern.

Heinrich Himmler bekannte sich zum Stehlen „germanischen Blutes“

Ausgeführt wurde der „rassekundliche“ Hintergrund der Deportationen ebenso wie klare Formulierungen etwa von Heinrich Himmler, der sich öffentlich und offiziell zum Rauben und Stehlen des „Wertvollen germanischen Bluts“ bekannt hatte. Deutlich wurde die Bedeutung der sogenannten „R-Karte, wie entwürdigende Gutachten zum Verfahren gehört hatten, ehe die Mädchen in die „Deutsche Heimschule nach Achern gekommen waren.

Erfahrungen voller Gewalt, Demütigung und Entwurzelung

„Bei der ersten Untersuchung musste ich mich ausziehen und nackt von Raum zu Raum gehen. Das war so schlimm, deshalb erinnere ich mich noch ganz genau“, zitierten die Mädchen Helene Lanig, führten auch mit anderen Berichten aus, wie unsagbar schlimm und folgenreich Erfahrungen von Gewalt, Demütigung und Entwurzelung waren.

Weitere Mädchentransporte belegt

Von der Abholung der letzten circa 300 Psychiatriepatienten mit den grauen Bussen im Oktober 1940 bis zum Sommer 1942 habe sich die Acherner Illenau vom Deportationsplatz „lebensunwerter“ Menschen zu einem Aufnahmeheim für „rassisch wertvolle“, „volksdeutsche“ Mädchen verwandelt, fasste Andrea Rumpf Grauenhaftes zusammen. Dass am 17. Juli, 10. September und 30. Oktober 1942 weitere Mädchentransporte nach Achern gekommen sind, belegen vorliegende Meldekarten im Stadtarchiv.

Kahlgeschoren, zitternd und verängstigt

Als „kahlgeschoren, zitternd und verängstigt“ seien die Neuankömmlinge von den Südtiroler Mädchen beschrieben worden. Zur „blaugrauen Einheitskutte“ habe ein schmaler Gürtel gehört. Laut Helene Lanig und anderen Mädchen hätten „schreckliche Zustände“ geherrscht. Neben Schlägen hätte auch Haarereißen, Anspucken ins Gesicht, Einsperren im Keller und vielfach erniedrigende Beschimpfungen zu den Erziehungsmaßnahmen gehört, wenn etwa polnisch gesprochen worden sei. „Unsere Kindheit wurde uns gestohlen“, lautete das Zitat eines jungen Mädchens.

Lediglich 14 Personen bei Nürnberger Prozess verurteilt

Dass, wie Andrea Rumpf darstellte, die sogenannte „Repatriierung“ nach dem Krieg vielfach zu weiteren traumatisierenden Erfahrungen führte und die Identität ein zweites Mal geraubt wurde, dass bei den Nürnberger Prozessen lediglich 14 (!) Personen bezüglich dieses systematischen Menschenraubs vor Gericht gestellt und von diesen nur die Hälfte mit einem „milden Urteil“ versehen wurde, gehöre zu den unveränderbaren und ebenfalls himmelschreienden Ungerechtigkeiten der Geschichte.

Gebrochene Seelen

„Die Seele ist ein gebrochener Ast. Er wächst nie mehr zusammen und findet nie mehr seine Lebensruhe.“ Den Inhalt dieser Aussage von Barbara Paciorkiewicz führten zwei Mädchen der Illenau AG mit einem Bild vor, das die Illenau als Gefängnis entwurzelter Mädchen darstellte. Die Heimat in Polen erschien hier nur noch als gelber Farbstreifen am Rand. Der Beifall am Ende galt denen, die Mut und Engagement aufgebracht hatten, dieses Thema in der gegebenen Form in die Öffentlichkeit zu bringen.