Wildnis Nationalpark
Undurchdringlicher Urwald? Wilde Orte in der Natur – wie hier im Bannwald in der Nähe des Ruhesteins – haben durchaus eine Wirkung auf den Gemütszustand von Menschen. Das macht sich auch das ökumenische Netzwerk Kirche im Nationalpark in einigen seiner Angebote zunutze. | Foto: Bernhard Margull

Interview

Kirche im Nationalpark: So wirkt die Wildnis auf den Menschen

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„Wildnis wirkt wie ein Verstärker“, sagt das ökumenische Netzwerk Kirche im Nationalpark, das selbst mehrere „wilde“ Veranstaltungen im Programm hat. Zwei Sprecherinnen erläutern im Interview, was genau damit gemeint ist.

Welche Wirkung hat Wildnis auf Menschen? Eine Studie des Nationalparks Schwarzwald zeigt erste Zusammenhänge zwischen dem Erleben von wilder Natur und Erholungseffekten. Das macht sich auch das ökumenische Netzwerk Kirche im Nationalpark zunutze, das mehrere „Wildnis-Veranstaltungen“ im Angebot hat.

Darüber, was konkret dahintersteckt, und wie in diesem Fall die kirchliche Sicht aussieht, sprach BNN-Redakteurin Stefanie Prinz mit Helga Klär, Sprecherin der Kirche im Nationalpark, und Katja Dobrocsi, Referentin für Frauenpastoral.

Das Anliegen des Nationalparks deckt sich  mit den Grundanliegen unseres biblischen Glaubens.

Was hat die Kirche mit Wandern im „wilden“ Nationalpark Schwarzwald zu tun?

Helga Klär: Während der Nationalpark beim Thema Natur eher von Evolution sprechen würde, sehen wir noch etwas, was dahintersteckt: eine liebende Kraft, die wir Gott nennen und die für Christen und auch für Juden und Muslime hinter allem Geschaffenen steht. Das Anliegen des Nationalparks, Natur Natur sein zu lassen und diesen Prozess zu schütze, deckt sich aber mit den Grundanliegen unseres biblischen Glaubens, dass die Schöpfung etwas Gutes ist, das wir erhalten, loben und genießen wollen. Ein anderer Punkt ist die „Outdoor-Spiritualität“. Wir meinen: Wenn man draußen unterwegs ist, macht man Erfahrungen, die einem das Herz öffnen, und diese Spiritualität erlebt man im Freien stärker als in einem geschlossenen Raum. Drittens geht es um das Thema „Mikro-Abenteuer“, also die Idee, dass man nicht immer etwas ganz Großes erlebt, sondern vielleicht nach der Arbeit Rucksack und Schlafsack packt und draußen schläft. Bei solchen kleinen Abenteuern merkt man: Wenn ich nicht die üblichen Wege gehe, passiert etwas mit mir. Bei unseren Führungen schauen wir, was um uns da ist – Bannwald, Totholz, neues Wachstum – und sehen dann, welche Lebensthemen das anspricht, Werden und Vergehen zum Beispiel.

Helga Klär Kirche im Nationalpark
Helga Klär ist Sprecherin der „Kirche im Nationalpark“. | Foto: privat

Das heißt, die Natur wirkt größtenteils selbst auf die Menschen, es braucht aber noch einen Fingerzeig auf die übergeordneten Themen.

Katja Dobrocsi: Beides Mal ja. Wenn ich mir die Strecken erschließe, wandere ich allein und mache nichts anderes, als die Natur auf mich wirken zu lassen. Die Themen kommen da ganz von allein. Und wenn ich eine Gruppe führe, bin ich diejenige, die die (Lebens-)Fragen stellt, die vielleicht jede Teilnehmerin für sich spürt; der Reiz liegt aber darin, sie tatsächlich laut zu stellen und dann auch mit der Gruppe darüber ins Gespräch zu kommen. Viele vermuten vorher nicht, dass man in der Gruppe beim Gehen so einfach über tiefgründige Themen oder den Glauben sprechen kann, ohne sich vorher zu kennen. Und manchmal ist es auch die Einladung, miteinander ein Stück schweigend zu gehen und so die Natur und sich selbst mit offenen Sinnen wahrzunehmen. Ich würde es nicht Fingerzeig nennen, sondern eher „Erfahrungsräume anbieten“.

Ich glaube ganz stark an die Kraft des Gehens.

Sie sagen, dass so etwas draußen besser funktioniert als in geschlossenen Räumen. Wie geht das?

Klär: Ich glaube ganz stark an die Kraft des Gehens, weil ich finde, dass dabei meine „innere Welt“ in Bewegung kommt. Wenn ich mich dann entspanne, geht es leichter in die Tiefe – mir wurden bei unseren Touren schon mehrere ganze Lebensgeschichten erzählt.

Dobrocsi: Bei den Menschen, die an unseren Gruppenwanderungen teilnehmen, ist diese Aufgeschlossenheit aber auch grundsätzlich schon da.

Katja Dobrocsi
Katja Dobrocsi ist Referentin für Frauenpastoral. | Foto: privat

Je wilder die Tour war, desto entspannter komme ich nach Hause.

Dass zum Beispiel ein Waldspaziergang an der frischen Luft gut tut, kennt wohl jeder – was ist in einer „Wildnis“ wie im Nationalpark anders?

Klär: Mir persönlich geht es so: Je wilder die Tour war, desto entspannter komme ich nach Hause. Damit ich für so ein Erlebnis empfänglich bin, sind verschiedene Dinge nötig. Zum Beispiel wertet die Natur nicht, sondern ich kann einfach da sein. Außerdem braucht es einen Moment der Entfremdung, etwas, das ich noch nicht kenne – wie die Wildnis. Wenn ich mich da hineinbegebe, gehe ich nie als derselbe Mensch wieder heraus, weil sich bei mir etwas verändert: Ich sehe, dass die Natur dort lebt und stirbt und eine Art Chaos herrscht, dass ich aber trotzdem einfach dort sein kann. Diese sogenannte Resonanz, also eine Anregung von außen, die ich in der Wildnis erlebe, gibt mir ein gutes Gefühl – so ist meine Theorie. Der Begriff der Resonanz stammt von dem Soziologen Hartmut Rosa. Er hat die These aufgestellt, dass ein Leben umso erfüllter ist, je mehr Resonanz man erlebt.

Dobrocsi: Das Nationalpark-Motto „Eine Spur wilder“ spricht mich zum Beispiel auch aus der Perspektive der Arbeit mit Frauen an: Es ist immer noch so, dass Frauenleben eher davon geprägt sind, nicht wild sein zu dürfen. Brav ist nicht mehr das passende Wort, aber die Spuren davon sind da, erst recht bei den älteren, aber auch bei jüngeren Frauen. Meine erste Wanderung ging durch ein Stück Bannwald am Hohen Ochsenkopf und hat den Titel „Wild und beschützt“: Auf dem Weg ist man umgeben von seit 80 Jahren unberührten Bereichen, die durch das Park-Konzept zunehmend wilder werden. Das rührt etwas im Menschen an: Wo spüre ich mich selbst als „ursprünglich“, was an mir ist geprägt von dem, wie ich zu sein habe, und welchen Teil von mir möchte ich selbst als „Nationalpark“ ausrufen und schützen?

Es kann auch unheimlich sein, wenn es im wilden Wald überall knackt und knarzt.

Was kann Wildnis noch mit Menschen machen?

Dobrocsi: Mit Wildnis verbindet man einerseits etwas Romantisches, ich denke zum Beispiel schnell an Ronja Räubertochter oder eine irische Piratenkapitänin im Elisabethanischen Zeitalter. Etwas Verwildertes kann andererseits auch bedrückend sein: Man sieht nicht nur, was da alles Neues gedeiht, sondern eben auch eine Zerstörungswut. Es kann auch unheimlich sein, wenn es im wilden Wald überall knackt und knarzt. Und es gibt eine Gleichzeitigkeit: Wenn ich an einem Karsee stehe, kann ich den im Moment des Anschauens einfach nur schön finden, aber vielleicht habe ich auch ein „Staubkorn-Gefühl“ angesichts der Erdgeschichte, die an diesem Ort schon passiert ist, bevor ich da stand.

Klär: Die Wildnis wirkt dann wie ein Verstärker für solche Gedanken.