Neu ordnen muss der Ortenaukreis die Unterbringung der Flüchtlinge - und die Kapazitäten massiv abbauen. | Foto: Dedert

Springt Achern ein?

Kreis will sich von weiteren Wohnheimen für Flüchtlinge trennen

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Der Ortenaukreis baut unter hohem Druck Kapazitäten in seinen Wohnheimen für Flüchtlinge ab. Das hat Folgen für die Stadt Achern. Sie wird nun voraussichtlich auch das ehemalige Gebäude des Finanzamts in der Hornisgrindestraße in eigene Regie übernehmen, um so weitere Kapazitäten in der so genannten Anschlussunterbringung zu schaffen. Hintergrund: Der Kreis verteilt die Flüchtlinge in seinen Wohnheimen nach zwei Jahren an die Kommunen. Damit entstehen bei ihm freie Kapazitäten, Städte und Gemeinden aber müssen ihrerseits Wohnraum suchen.

Land greift durch

Das Land legt den Kreisen nun Daumenschrauben an. Es verlangt in diesem Jahr eine Auslastung der kreiseigenen Wohnheime von 75 Prozent, sonst wird die Kostenerstattung gekappt. Für den Ortenaukreis heißt dies: Bis zum Jahresende, so der zuständige Dezernent im Offenburger Landratsamt, Michael Loritz, muss er die Bettenzahl auf 850 bis 900 reduziert haben, wenn man die aktuellen Zugänge bei den Flüchtlingen zugrunde legt.

Von 5400 auf 850 Betten

Zum Vergleich: Im Mai 2016 gab es kreisweit 5 400 Betten, die Erstaufnahmestelle des Landes in Sasbachwalden nicht mitgerechnet. Diese Entwicklung lässt auch die Stadt Achern nicht unberührt. Im ersten Quartal kommenden Jahres laufen, so bestätigte OB Klaus Muttach auf Anfrage, die Verträge für die Containersiedlung in der Güterhallenstraße aus, in der zurzeit noch 32 Menschen leben. Dafür muss Ersatz her, das von Kreis genutzte Gebäude in der Hornisgrindestraße würde sich von der Größe her ideal eignen und ist bereits zum Wohnheim umgebaut worden.

Langfristige Verträge

Unklar ist es, wie es mit dem neu gebauten Wohnheim des Kreises in der Straße am Alten Bahnhof weitergeht. Dieses hatte das Landratsamt in seiner Not auf Jahrzehnte hinaus angemietet – laut Michael Loritz läuft der entsprechende Vertrag bis Ende September 2044. Derzeit gebe es zwar keine konkreten Pläne für das Gebäude, doch der Kreis habe angesichts der Vorgaben des Landes kaum eine Wahl: „Ich fürchte, dass wir uns teilweise auch aus langfristigen Verträgen rauskaufen müssen“.
Achern habe man dabei aber nicht zuvorderst im Visier – zumal OB Klaus Muttach daran derzeit auch kein Interesse hat: Die Dinge in dem Heim liefen sehr gut, zudem werde dessen Belegung teilweise auf die Zuweisungsquote von Flüchtlingen nach Achern angerechnet.

105 Menschen in Anschlussunterbringung

Derzeit sind laut Muttach 105 Menschen in der Anschlussunterbringung in der Großen Kreisstadt in Heimen untergebracht – teilweise auch in Wohnungen in den Stadtteilen. 64 Flüchtlinge lebten im Wohnheim am Alten Bahnhof, weitere zwölf in der Hornisgrindestraße – jeweils in Regie des Kreises. Zudem seien, überwiegend in der Friedrichstraße, 13 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht.
Für die Betreuung dieser Menschen ist nicht zuletzt der Integrationsbeauftragte Steffen Kasteleiner zuständig, der am Montagabend im Verwaltungsausschuss des Gemeinderats Bericht erstattete – und für seine Arbeit reichlich Lob von den Ratsfraktionen einheimste.

Soziokulturelles Zentrum im Gespräch

Klar wurde aber auch: Es ist noch viel zu tun; Gabriele Hoggenmüller (ABL) stieß nicht nur die Debatte über die Gründung eines interkulturellen Beirats in Achern an, sondern machte auch die Idee eines von ihr so genanntes Soziokulturelles Zentrums öffentlich, in dem verschiedene Hilfsangebote zusammengefasst werden könnten. Dies könne Migranten ebenso zugute kommen wie hilfsbedürftigen Einheimischen. Denkbar wären beispielsweise die Zusammenfassung von Kleiderkammer, Tafelladen und anderen Angeboten. Die Vorbereitungen darüber laufen hinter den Kulissen bereits: „Es gibt noch kein konkretes Konzept“, so OB Klaus Muttach, Gespräche im Frühjahr seien aber bereits geplant; zudem gebe es erste verwaltungsinterne Überlegungen, wie man dies räumlich lösen könne. „Wir wollen aber, so Muttach, „keine Konkurrenz zu bestehenden sozialen Angeboten schaffen“.

Projekt mit Comfort-Food

Kasteleiner regte selbst auch eine Reihe von Vorhaben an – beispielsweise ein kulinarisches Projekt mit „Comfort-Food“ oder auch Begegnungen von Flüchtlingen mit Schülern und Jugendlichen sowie ein Präventionsprojekt gegen die Radikalisierung von Jugendlichen: „Das läuft bereits in verschiedenen Landkreisen“.