Stefanies Streifzüge
Filigran bestickt ist die Trachtentasche von Ilse Wagner. | Foto: Stefanie Ender

Stefanies Streifzüge

Maiwälder Mode von gestern: Ilse Wagner pflegt Hanauer Trachten

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Die gebürtige Oberlausitzerin Stefanie Ender kennt Göttingen, Dresden und Mailand. Dort hat sie studiert. Sie kennt Hamburg, wo sie zuletzt gearbeitet hat. Seit 1. August ist die junge Frau nun Volontärin der BNN. Damit sie auch Baden kennenlernt, haben wir sie auf eine Sommertour geschickt. Vom Kloster Waghäusel zum Karlsruher Grat. Neunte Etappe: Von Rheinau nach Achern.

Es gibt sie noch, die Mode-Dinosaurier. Mitten im Maiwald konserviert Ilse Wagner die typischen Trachten des Hanauerlandes, die mehr als 100 Jahre alt sind. Ein Besuch bei ihr wärmt Herz und Lachmuskeln, vor allem wenn die Rentnerin selbst geschriebene Gedichte in Mundart vorträgt.

„Wir wollen die Hanauer Tradition erhalten. Deshalb tragen mein Mann und ich die alten Trachten“, sagt die 79-Jährige. In der Hand hält Ilse Wagner ein filigran per Hand besticktes Täschchen. Es ist schwarz.

„Die Jüngeren interessieren sich nicht mehr für Trachten und Traditionen. Das ist out“, meint sie und zeigt das zur Tasche passende Kleid. Es hat einen Kragen aus Spitze, sowohl eine samtene Schürze als auch einen Schal mit Samtüberzug. Vom unteren Saum des Kleides sind einige Zentimeter Stoff mit Perlen bestickt. Das Ganze auch in Schwarz.

„Wir tragen diesen Aufzug heutzutage nur dort, wo er hinpasst. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Geschichtsinteressierte aufeinander treffen“, erklärt sie weiter. So wurde Ilse Wagner schon oft zu Dorf- und Kirchenfesten in der Umgebung eingeladen, um die alte Hanauer Kluft zu zeigen. Zwei Alben mit gesammelten Zeitungsartikeln bezeugen das.

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Ilse Wagner und ihr Mann Siegfried wurden in der alten Tracht schon oft in der örtlichen Presse abgelichtet. | Foto: Stefanie Ender

Früher hätten die Menschen diese Kleider nur zum Sonntagsausflug in die Kirche getragen, erklärt die Trachtensammlerin. Ihr Kleid sei im Jahr 1910 für ihre Großmutter geschneidert worden und ist keine Alltagsklamotte.

Zur Robe gehört außerdem eine Art Hut. „Der Kappenschlupf“, sagt Wagner und zeigt eine Kopfbedeckung, die wie zwei große Ohren von Mickey Mouse aussieht. Auch in Schwarz.

Auf meinem heutigen Streifzug von Rheinau bis in den Maiwald sind mir bunt gekleidete Menschen aufgefallen: Eine Mutter mit Tochter, beide in Rosa, später ein älterer Herr in Sandalen und leuchtend grünen Socken. Ich frage mich, warum die Menschen damals weniger farbenfroh gekleidet waren. Ilse Wagner hat hierauf keine Antwort.

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Der „Kuppenschlupf“ gehört zur Trachtenausstattung von vor 100 Jahren. | Foto: Stefanie Ender

Gewiss sei nur, dass die schwarze Tracht als Hochzeitskleid diente und nur von verheirateten Menschen getragen werden durfte. So habe jeder sehen können, ob eine Frau schon verheiratet ist, sagt Wagner. Singles waren nämlich in Weiß unterwegs.

„Das dürfte vieles erleichtert haben“, denke ich noch illusorisch, als Ilse Wagner zu erklären beginnt, wie schwer und umständlich das Anziehen der Tracht tatsächlich ist. Mindestens zwei Personen braucht das Anlegen der schweren Stoffe, ob nun in Weiß oder Schwarz. Für einen modernen Alltag also eher unpraktisch. „Deshalb sind die Trachten etwas Besonderes“, sagt sie lächelnd.

Ich lausche ihren Geschichten und Gedichten noch eine Weile, bevor ich nach Achern aufbreche. Aus dem Kopf rezitiert sie selbst geschriebene Texte, gekrönt mit einer Portion Humor.