Per Funk gibt Rebekka Stiglmeier der Zentrale Bescheid, in welches Krankenhaus der Patient gefahren wird. Die junge Frau wusste früh, dass sie Rettungssanitäterin werden möchte – ein Freiwilligenjahr in der Rettungswache Achern bestärkte sie. | Foto: Scheu

FSJ auf der Rettungswache

„Man wächst an sich selbst“

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Um 4 Uhr in der Früh klingelt der Wecker, um sieben Uhr nimmt Rebekka Stiglmeier bereits den ersten Anruf auf der Rettungswache Achern entgegen. „Mir war seit der achten Klasse klar, dass ich Rettungssanitäterin werden möchte“, erzählt die 20-Jährige. Zur Wunschausbildung führte sie nach ihrem Schulabschluss zunächst ein Umweg: Die junge Frau absolvierte ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei der Rettungswache vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Achern.

Wunsch nach Orientierung bei vielen an erste Stelle

„Wir vermitteln jährlich etwa 1 300 Stellen“, erklärt Thomas Schaaf, Abteilungsleiter für Freiwilligendienste beim DRK-Landesverband Badisches Rotes Kreuz. Der Gedanke, etwas für die Allgemeinheit zu tun, sei bei den jungen Menschen, die ein FSJ antreten, stark ausgeprägt. In einer Online-Umfrage des Landesverbandes zeigte sich im vergangenen Jahr, dass der Wunsch nach Orientierung oder einer sinnvollen Überbrückung vor der Wunschausbildung überwiege.

Motivation, Disziplin und Offenheit von großer Bedeutung

Sinnvoll sei ein Freiwilligenjahr in jedem Fall, zeigt sich Stiglmeier überzeugt und betont, dass man für einen Einsatz auf der Rettungswache einiges mitbringen müsse. „Motivation, Disziplin und die Offenheit, sich immer wieder auf neue Situationen einzustellen, das ist enorm wichtig.“ Vom gebrochenen Fuß bis hin zum Herzinfarkt – die Gründe für ein Ausrücken der Rettungskräfte sind vielfältig. Mit der Reanimation eines Patienten wurde Stiglmeier bereits in den ersten Wochen ihres Freiwilligendienstes konfrontiert. Zu dem Zeitpunkt hatte sie bereits eine Ausbildung zur Rettungshelferin sowie ein Praktikum in der Rettungswache erfolgreich absolviert. „Beides steht am Anfang eines jeden Freiwilligenjahres im Rettungsdienst“, erklärt Bernd Ziegler vom DRK Kreisverband Achern-Bühl.

Vollen Körpereinsatz zeigt Stiglmeier, wenn sie die Trage nach dem Einsatz wieder in den Rettungswagen manövriert. | Foto: Scheu

Regelmäßige Supervision im beruflichen Alltag

Trotz guter Vorbereitung sei auch der Austausch nach den Einsätzen von großer Relevanz, betont Stiglmeier. „Da ist es wichtig, einen Ansprechpartner zu haben“, erklärt sie. Mit ihren Kollegen sei sie daher regelmäßig durchgegangen, was bei einem Einsatz gut gelaufen sei und wo Verbesserungsbedarf bestehe. „Auch die Frage danach, wie es mir während eines Einsatzes ergangen sei, spielte in diesen Gesprächen eine große Rolle.“ Während ihrer Einsätze als zweite Fahrerin im Krankentransport war Stiglmeier nie auf sich allein gestellt. „Unsere FSJler arbeiten nicht eigenverantwortlich“, erklärt Alexandre Pereira, Leiter der Rettungswache in Achern und führt aus: „Es ist grundsätzlich ein Hauptamtlicher dabei.“

Man findet mit der Zeit heraus, wo die eigenen Grenzen liegen.

Pereira sieht es als eine große soziale Verantwortung, junge Menschen während ihres Freiwilligendienstes zu begleiten. Hierbei bedarf es vieler Gespräche und einer gehörigen Portion Fingerspitzengefühl: „Wir müssen einschätzen, was wir unsere Freiwilligen zumuten können und was nicht.“ In den ersten Tagen müsse niemand gleich einen schweren Unfall sehen, erklärt er. „Du bleibst erst einmal im Auto“ sei daher ein Satz, der von den Einsatzkräften keinesfalls böse gemeint sei. „Man wächst an sich selbst und findet mit der Zeit heraus, wo die eigenen Grenzen liegen“, bekräftigt Stiglmeier und ergänzt: „Ich habe gelernt, besser auf mich zu achten.“

Vom Freiwilligenjahr in die Festanstellung

In den ersten Tagen ihres Dienstes sei sie regelmäßig ohne Frühstück aus dem Haus, um länger schlafen zu können. „Ein typischer Anfängerfehler“, sagt sie. Mittlerweile achte sie verstärkt auf eine ausgewogene Ernährung – auch am frühen Morgen.
Ihr Freiwilliges Soziales Jahr hat sie zwei Monate früher als vorgesehen beendet. Hat es ihr nicht gefallen? „Doch“, sagt sie und lacht. Der Rettungswache Achern bleibe sie auch weiterhin erhalten, erklärt sie und ergänzt: „Mittlerweile wurde ich übernommen.“

Ein Freiwilliges Soziale Jahr (FSJ) bietet jungen Menschen die Möglichkeit, Einblicke in soziale Arbeitsbereiche zu erhalten. Bis zu ihrem 27. Lebensjahr können sie sich nach Erfüllung der Vollzeitschulpflicht unter anderem in Krankenhäusern, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung oder Altenpflegeheimen sozial engagieren – auch im Ausland. Die Jugendlichen sind während ihres FSJ ganztägig im Einsatz und erhalten eine finanzielle Vergütung. Beim FSJ Kultur erhalten Jugendliche Einblicke in Kultureinrichtungen, beim Freiwilligen Ökologischen Jahr stehen Natur und Umweltschutz im Mittelpunkt.
Neben der Arbeit in der jeweiligen Einsatzstelle sieht ein Freiwilligenjahr mindestens 25 Seminartage vor, in denen die jungen Menschen zunächst auf ihren Einsatz vorbereitet und währenddessen begleitet werden. Seit der Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 gibt es neben einem FSJ zudem die Möglichkeit, einen Bundesfreiwilligendienst zu machen, dieser ist auch älteren Menschen zugänglich. Aktuell diskutiert die Politik, angeregt durch die CDU, über einen Pflichtdienst für alle Schulabgänger. Jungen wie Mädchen sollen dadurch einen Einblick in soziale Berufe erhalten. Verfassungsrechtlich ist ein solches Jahr aktuell nicht möglich, dafür müsste das Grundgesetz geändert werden.