Die Reform ist aufgeschoben, nicht aufgehoben: Der Ortenaukreis muss an seinen Kliniken sparen.

Entscheidung vor Sommerpause

Ortenaukreis hält an Reformplänen für Kliniken fest

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Der Krankenhausausschuss des Kreistags hat die Weichen für eine grundlegende Reform des Ortenau Klinikums gestellt. Noch sind keine abschließenden Beschlüsse gefasst worden, doch die verabschiedeten Prüfaufträge weisen alle in eine Richtung: Die Zahl der Klinikstandorte wird sinken. Dass das Votum dafür an diesem Dienstag einstimmig ausfiel liegt daran, dass man sich die tiefen Einschnitte für später aufgespart hat.

Einschnitte bei kleinen Häusern

Bis zum Sommer soll der Kreistag über eine „kleine“ Reform entscheiden, die vorsieht, die Häuser in Ettenheim und Oberkirch in so genannte Portalkliniken zu verwandeln. Das sind sie zwar dem Grunde nach jetzt schon, doch es wird, wenn die Pläne umgesetzt werden, weitere tief greifende Veränderungen geben. Dies gilt auch für das Sorgenkind Gengenbach, das nach dem als „Modell Landrat“ vorgestellten Plan kein Akutkrankenhaus mehr wäre.

In einem Jahr steht der Grundsatzbeschluss an

In einem Jahr dann soll die wirklich grundlegende Entscheidung fallen: die, ob die derzeit noch neun Klinikstandorte in drei oder vier Häuser zusammengefast werden. Der Ausschuss hat einen umfangreichen Fragekatalog verabschiedet, den nun eine noch zu beauftragende Beratungsgesellschaft abarbeiten muss. Dabei wird es natürlich auch um die Kosten sowie die Bau-und Planungszeit für die ein bis zwei neu zu erstellenden Großkliniken gehen. Diese würden wie berichtet entweder zusätzlich zu den gesetzten Spitälern in Lahr und Wolfach nördlich von Offenburg (Variante mit drei Häusern) oder in Offenburg und der nördlichen Ortenau entstehen (bei vier Häusern). Landrat Frank Scherer stellte gemeinsam mit Klinik-Geschäftsführer Christian Keller diesen Zeitplan vor, der vor allem eines deutlich machte: Dem Kreis ist es ernst mit seinem Reformvorhaben.

Alle Standorte bleiben – vorerst

Vorerst wird kein Standort geschlossen. Allerdings greifen auch die geplanten kurzfristigen Strukturreformen schon weit: Ettenheim soll zwar seine erfolgreiche Schmerztherapie behalten und Oberkirch die bekanntlich im Renchtal verbissen verteidigte Geburtshilfe. Beide Häuser werden aber darüber hinaus als Portalklinik nur, so Landrat Frank Scherer, für die „Erstversorgung tagsüber“ zuständig sein. Dabei werden Abteilungen in den Häusern verbleiben, die für die verbliebenen Funktionen erforderlich sind – „aber auch nicht mehr“, wie der Landrat bei dem Pressegespräch am Abend im Offenburger Josefsklinikum deutlich machte. Gengenbach muss demnach seine Orthopädie an Kehl abgeben, das Haus am Rhein wiederum die Gynäkologie und die HNO-Abteilung an Offenburg und Achern, das dadurch weiter gestärkt würde. Damit wird auch der Kompromiss aus dem erbitterten Streit um Gynäkologie und Geburtshilfe in der nördlichen Ortenau wieder teilweise aufgehoben.

Erste Entscheidungen vor Sommerpause

„Wir hoffen, dass die Entscheidung über das Modell Landrat noch vor der Sommerpause fällt“, sagte Scherer. Er erhofft sich davon Einsparungen von rund fünf Millionen Euro jährlich. Zudem solle die Verwaltung weitere „Einsparpotenziale und Synergien im Verbund heben“ und so eine weitere Million Euro jährlich erlösen, vielleicht sogar mehr.

Sparpaket hat zwei Stufen

Die wirklich grundlegenden Veränderungen kämen, wenn die zweite Stufe des Sparpakets gezündet würde, die dann die Reduzierung auf drei bis vier Klinikstandorte vorsieht. Zeitliche Perspektive hier: 10 bis 15 Jahre. Das aber ist nicht so viel wie man meinen sollte. Klinik-Geschäftsführer Christian Keller rechnet bei einem Großklinikum auf der grünen Wiese mit einer Planungs- und Bauzeit von im Idealfall acht Jahren – gerechnet ab dem Moment, zu dem die sonstigen Rahmenbedingungen wie der finanzielle Anteil des Landes geklärt sind.

Neubau kann lange dauern

Doch es kann sich, räumt Keller ein, auch länger hinziehen. In Villingen-Schwenningen zum Beispiel habe es zwei Jahrzehnte gedauert. „Das“, so der Klinik-Chef  , „wollen wir nicht, wir haben nicht die Zeit, 20 Jahre zu warten“.

 

Drastisch verschlechtern wird sich laut Landrat Frank Scherer die finanzielle Situation des Klinikums. 2015 habe man noch einen operativen Gewinn von etwas mehr als 300 000 Euro erzielt, nach Abschreibungen allerdings sei ein Minus von rund neun Millionen gestanden. Scherer geht davon aus, dass bereits in drei Jahren aus dem laufenden Geschäft ein Minus von rund fünf Millionen Euro erwächst, was unter dem Strich bereits einem Verlust von 15 Millionen Euro entspräche, 2025 würde er sich bereits auf 20 Millionen Euro belaufen. Damit müsste der Kreis, wenn er das Defizit aus der eigenen Kasse übernimmt, 50 Euro pro Kopf und Einwohner zuzahlen. „Ich hatte“, so der Landrat, „kürzlich Führungsrunde im Landratsamt mit rund 120 Teilnehmern. Da habe ich gefragt, wer bereit wäre, den Betrag aus eigener Tasche zu tragen. Es sind drei Hände hochgegangen“.         fl