Rauschgiftkriminalität
Mit rund 2 500 erfassten Fällen bewegt sich die Rauschgiftkriminalität in Offenburg und der Ortenau, dem Kreis Rastatt und der Stadt Baden-Baden 2016 auf dem hohen Niveau des Vorjahres. | Foto: Jessica Christian

Rauschgiftkriminalität 2016

Polizei zählt 2500 Drogenfälle in Ortenau, Kreis Rastatt und Baden-Baden

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Das Gramm Kokain für 75 Euro, 50 Gramm für 2 750 und „mehr auf Anfrage“, Versand per Maxibrief oder Paket, schnelle Lieferung und beste Qualität garantiert, dazu positive Kundenbewertungen: Drogenkauf funktioniert online so einfach wie jede andere Internetbestellung. Doch das „Darknet“ als Marktplatz stellt die Kripo Offenburg vor große Herausforderungen: „Es ist ein Fass ohne Boden“, sagt Kripochef Roland Haug. Mit seinem Kollegen Detlef Erny zog er Bilanz der Rauschgiftkriminalität im Bereich des Polizeipräsidiums Offenburg.

Mit rund 2 500 Fällen auf dem Niveau von 2015

Mit rund 2 500 erfassten Fällen bewegt sich die Rauschgiftkriminalität in Offenburg und der Ortenau, dem Kreis Rastatt und der Stadt Baden-Baden 2016 auf dem hohen Niveau des Vorjahres. Doch die Zahl allein sagt wenig aus, denn Rauschgift-Kriminalität ist „Hol-Kriminalität“: Je stärker sich die Polizei der Drogenszene widmet, desto mehr Erfolge kann sie vermelden. Zudem zählt der ertappte Cannabis-Konsument in der Statistik so viel wie ein Großdealer, hinter dem verdeckte Fahnder monatelang her waren.

Qualifizierte Handelsdelikte gehen zurück

Rund vier Dutzend besonders geschulte Beamte kümmern sich beim Polizeipräsidium Offenburg vor allem um Drogendelikte, wobei die Schutzpolizei mit 85 Prozent den Löwenanteil bearbeitet. Die von Kriminalrat Detlef Erny geleitete Kriminalinspektion 4 hat den Blick auf die übrigen 15 Prozent und damit auf Großdealer, Banden und organisierte Kriminalität. Die Rauschgiftfahnder treten immer dann auf den Plan, wenn es um „nicht geringe Mengen geht“, das sind bei Heroin und Kokain bereits zehn, bei Haschisch mehr als 200 Gramm. Diese sogenannten qualifizierten Handelsdelikte sind von 101 Fällen 2015 auf 70 im vergangenen Jahr gefallen. Für den Rückgang hat Roland Haug eine einfache Erklärung: Auf ein Jahr mit hohem Fahndungs- und Kontrolldruck folgt in der Regel eines, in dem die erfassten Delikte abgearbeitet werden müssen.

Rauschgiftkriminalität
Vor dem Landgericht in Offenburg können Täter offenbar mit einem spürbar milderen Urteil rechnen als in Baden-Baden. | Foto: BNN

Wer sich als Straftäter im Bereich des Polizeipräsidiums Offenburg erwischen lässt, sollte sich möglichst die Ortenau aussuchen: Er kann vor dem Landgericht in Offenburg offenbar mit einem spürbar milderen Urteil rechnen als in Baden-Baden. Diesen regionalen Unterschied, den vor gut einem Jahr mit Herwig Schäfer schon der Chef der Staatsanwaltschaft Offenburg am Rande eines Pressetermins thematisiert hat, bestätigt nun auch der Ortenauer Kripochef Roland Haug: „Da liegen teils Jahre dazwischen“, sagt er über die Urteilspraxis, die in vergleichbaren Fällen am Landgericht Offenburg „eine ganz andere ist als in Baden-Baden“. Dass Jusititia in Offenburg milder urteile, wisse man auch in kriminellen Kreisen: „Das hat sich auch bei den Tätern herumgesprochen“, sagt Haug. Natürlich sei die Gerichtsbarkeit ja frei, andererseits bedaure man seitens der Polizei, dass durch zu milde Urteile „ein gewisser generalpräventiver Charakter verloren geht.“ Beim Landgericht Offenburg kann man die Kritik nicht nachvollziehen: „Die Einzelfall-Umstände sind entscheidend“, sagt Sprecher Rüdiger Moll. Ihm sei bislang nicht bekannt, dass in Offenburg besonders milde geurteilt werde.

Cannabis am häufigsten bei Rauschgiftkriminalität

Wenig Ausreißer gab es mit 1937 Fällen bei den Besitz- und Erwerbsdelikte sowie mit 448 Fällen bei den einfachen Handelsdelikten. Mit 56 Prozent macht Cannabis sowohl bei Besitz und Erwerb (1 412 Fälle) als auch beim Handel (254) das Gros der Rauschgiftarten aus. Die Diskussion über eine Legalisierung sieht der Kripochef dabei sehr kritisch: „Das führt dazu, dass Jugendliche und Heranwachsende Cannabis als harmlos und attraktiv ansehen.“ Doch Cannabis sei nach wie vor die Einstiegsdroge: „Das können wir an einer Vielzahl von Rauschgiftkarrieren belegen, bis hin zu Todesfällen.“

Neun Drogentote im Ortenaukreis 2016

Deren Zahl liegt mit zehn Fällen weiter sehr hoch: Neun Drogentote wurden 2016 allein in der Ortenau registriert, davon fünf in Lahr, zwei in Offenburg und jeweils einer in Gengenbach und Ottenhöfen. Alle waren männlich, erwachsen und starben an einer Mischung aus Drogen, Medikamenten, Alkohol und Ersatzdrogen. Fünf Mal stand Heroin im Vordergrund, vier mal Methadon. In einem Fall war die Ursache ein Pflaster mit Fentanyl, einem synthetischen Opioid, das auch als Narkose- und Schmerzmittel dient.

Anteil der Jugendlichen rückläufig

Auffällig in der Rauschgiftkriminalität: Vier der zehn Drogentoten waren Spätaussiedler, eine Gruppe, die im Drogenbereich überrepräsentiert ist. 70 Prozent der Tatverdächtigen sind Deutsche, der Anteil Jugendlicher ist rückläufig. Weil ihre Zahl insgesamt steigt, sind indes auch die Flüchtlinge auffällig: Von 69 im Vorjahr stieg die Zahl der Fälle auf 130, wobei 42 allein auf eine Gruppe Gambier entfielen, die im Raum Baden-Baden auf Schulhöfen dealte. Beim Rauschgifthandel entfallen 70 der erfassten 443 Fälle auf die Partydroge Amphetamin, 37 auf Kokain, 36 auf Ecstasy und acht auf Heroin. Begrüßt wird von der Polizei die gesetzliche Regelung im Bereich der nach wie vor gefragten „Neuen psychoaktiven Substanzen“, die, hübsch getarnt als „Kräutermischungen“ oder Badesalz gehandelt werden und auch in Industrie-Reinigungsmitteln enthalten sind. Musste bislang jede einzelne Substanz als Droge nachgewiesen werden, so können inzwischen ganze Stoffgruppen verboten werden.

Grenzlage schlägt sich nieder

Nicht nur das „Darknet“ als florierender krimineller Handelsplatz im Internet, wo anonym mit Bitcoins bezahlt wird, macht den Kampf gegen den Drogenhandel für die Polizei zu einer wachsenden Herausforderung. Auch die Grenzlage zu Straßburg schlägt sich nieder. Nicht zuletzt kann selbst durch intensivste Ermittlungen nur die Spitze des Eisbergs aus dem riesigen „Dunkelfeld“ geholt werden. Allein bei viermonatigen Ermittlungen gegen eine russischstämmige Tätergruppe fielen bei der Kripo mehr als 1 000 Überstunden an.

Hohe Belastung für die Fahnder

Für die beteiligten Fahnder ist die Belastung überaus hoch – auch ihre Familien sehen sie kaum. Wenn dann Haftstrafen durch vorzeitige Entlassungen verkürzt werden, ist der Frust groß, zumal die Täter nicht geläutert seien. Kripochef Haug zollt den Kollegen, die sich dem Kampf gegen die Rauschgiftkriminalität verschrieben haben „immensen Respekt“. Er muss aber auch feststellen: „Es ist wahnsinnig schwer geworden, in diesem Bereich erfolgreich zu sein.“