Kriminalstatistik Polizei
Immer mehr Einbrecher: Die Polizei in Offenburg macht das Thema 2017 zu einem ihrer Schwerpunkte. | Foto: Bodo Marks

Gegenwind für Einbrecher

Die Grenze prägt die Kriminalität im Ortenaukreis

Das Problem ist nicht neu, aber drängend: Die stetig ansteigende Zahl der Wohnungseinbrüche hält Bürger wie Ermittler in der Region in Atem. Mit 905 Fällen haben diese Delikte im vergangenen Jahr im Bereich des Polizeipräsidiums Offenburg einen neuen Höchststand erreicht. Die Polizei will, im Rahmen eines Landesweiten Konzepts zumal, weiter dagegen angehen. „Wir haben das zum Schwerpunktthema erklärt“, sagte der Leiter der Direktion Reviere, Joachim Metzger, bei der Vorstellung der jährlichen Kriminalstatistik.

Ein höchst persönliches Erlebnis

Grund dafür ist nicht nur die hohe Zahl der Delikte in Verbindung mit einer vergleichsweise geringen Aufklärungsquote. Im Hintergrund stehen auch die verheerenden Auswirkungen auf das Sicherheitsgefühl der Bürger. Ein Einbruch in die eigene Wohnung ist ein „höchst persönliches Erlebnis“, sagte Metzge. Seit 2007 nehme die Zahl der Delikte stetig zu, im vergangenen Jahr vor allem im Ortenaukreis (plus 12,7 Prozent) sowie in Baden-Baden (plus 22 Prozent) einen Rückgang gab es allein im Landkreis Rastatt.

54 Verdächtige keine deutschen Staatsangehörigen

Warum dies so ist, kann die Polizei kaum sagen – die geringe Aufklärungsquote lässt nur schwer Rückschlüsse auf Struktur und Motivation der Täter zu. So viel weiß man: Wohnungseinbrecher sind bisweilen Drogensüchtige, die sich so den Rauschgiftkonsum finanzieren, oftmals aber auch organisierte osteuropäische Banden, die durch die Lande reisen. Hinzu kommen die bekannten Täter, die zumeist im benachbarten Straßburg campieren und die Grenze nutzen, um sich der Strafverfolgung zu entziehen. In 89 Fällen konnte die Polizei im vergangenen Jahr Tatverdächtige ermitteln, 54 von ihnen waren keine deutschen Staatsangehörigen.

Das Thema ist nicht neu, und inzwischen zeigen die Präventionsmaßnahmen Wirkung. Durchschnittlich 44 Prozent der Taten bleiben im Versuchsstadium stecken, nachts scheitert sogar jeder zweite Einbruch, Tagsüber sind die Langfinger etwas erfolgreicher. Abgesehen haben sie es auf alles, was nicht schwer zu tragen und leicht zu Geld zu machen ist: Bargeld, Schmuck, Computer, Mobiltelefone, fasst Metzger zusammen. Allerdings zeigt auch hier die moderne Technik Wirkung: „Der erfahrene Einbrecher nimmt keine Handys mit“, sagt Roland Haug, Leiter der Kriminalpolizeidirektion beim Präsidium. Zu leicht könnten die Geräte zurückverfolgt werden.

Warteschlangen in Beratungsstellen

Was tun? Die Polizei setzt weiter auf Prävention (Metzger: „Bei unseren Beratungsstellen gibt es inzwischen Warteschlangen“) sowie auf vermehrte Präsenz, sei es durch Streifenwagen oder Ermittler in Zivil. Er wolle, so kündigte Polizeivizepräsident Reinhard Renter an, keine Vorschusslorbeeren verteilen, aber im kommenden Jahr werde man hier sicher von erfreulicheren Entwicklungen berichten können.

Polizei erhöht Aufmerksamkeit auf Einbrüche

Die Einbrüche sind nicht das einzige Problem, dem die Polizei erhöhte Aufmerksamkeit widmen will. Trotz eines leichten Rückgangs der Straftaten im Präsidium um 1,6 Prozent auf 42 135 Delikte (Detaillierte Zahlen für den Ortenaukreis in der Grafik) hat die Gewaltkriminalität nach einem Tiefstand im Jahr 2014 wieder deutlich zugenommen, im vergangenen Jahr wurden allein hier 1 181 Delikte registriert. Darunter waren, so Joachim Metzger, 13 Fälle des Totschlags, 53 Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen sowie 939 Fälle von gefährlicher und schwerer Körperverletzung. Letzteres entspricht einem Plus um 7,7 Prozent binnen Jahresfrist. „Die Bereitschaft, gewalttätig zu sein, nimmt einfach zu“, so Metzger. Dies gelte nicht zuletzt auch für die wachsende Zahl von Angriffen auf Polizeibeamte (siehe Hintergrund).

Rauschgifthandel wandert ins Internet

Ein wichtiges Deliktfeld ist die Rauschgiftkriminalität, auch wenn hier die Polizei durch den Umfang ihrer Ermittlungen weitgehend selbst bestimmt, wie viele Taten aufgedeckt werden „Holkriminalität“ nennen die Beamten diesen statistischen Effekt. Hier stagnierten die Zahlen im vergangenen Jahr auf hohem Niveau (2 498 Fälle) mit einer Zunahme bei Besitz und Erwerb von Drogen und einem Rückgang des Handeltreibens um fast 12 Prozent. Dies allerdings ist laut Roland Haug kein Grund, aufzuatmen: Der Handel wandere zunehmend ins Internet, in das so genannte „Darknet“ ab: „Das macht die Ermittlungen nicht einfacher“.
Dramatisch hoch im vergangenen Jahr die Zahl der Drogentoten: Zehn Menschen starben wegen ihres Rauschgiftkonsums im Bereich des Präsidiums, allein neun davon im Ortenaukreis. Das ist einer weniger als im Jahr zuvor, aber noch immer das Doppelte des langjährigen Mittels, das sich bei fünf Drogentoten eingependelt hatte.

Grenzlage beeinflusst Kriminalitätsentwicklung

Insgesamt liegt das Offenburger Präsidium mit einer „Häufigkeitsziffer“ von 6 004 Straftaten auf 100 000 Einwohner landesweit an vierter Stelle hinter den Präsidien Stuttgart, Mannheim und Freiburg. Kehl mit einer Häufigkeitszahl von 13 779 bleibt die am stärksten belastete Stadt im Kreis. Zum Vergleich: Achern (6 407) und Bühl (6 128) haben nicht einmal die Hälfte der Straftaten zu verzeichnen. Dies zeige ein weiteres Mal, welche Rolle die Grenzlage bei der Kriminalitätsentwicklung spiele, so Reinhard Renter: „Mit jedem Kilometer von der Grenze weg wird es gemütlicher“.

Hintergrund: Polizisten als Opfer
Vor zwei Jahren hatte die Staatsanwaltschaft in Offenburg ein rigoroses Vorgehen gegen Täter angekündigt, die Polizeibeamte beleidigen oder gar verletzen. Die Warnungen verhallten weithin ungehört: Im vergangenen Jahr registrierte das Polizeipräsidium Offenburg 287 Angriffe auf Beamte, deutlich mehr als jemals zuvor. Polizeichef Reinhard Renter zeigte sich in der Jahrespressekonferenz der Polizei erbost: „Da bin ich richtig sauer. Ich verlange, dass man und mit dem entsprechende Respekt und Anstand begegnet“.
Renter kündigte an, dass die Polizei im Offenburger Präsidium voraussichtlich von Sommer an so genannte „Bodycams“ einführen werde, mit denen kritische Situationen dann beweissicher dokumentiert werden. Dies erleichtere auch, am Ende vor Gericht die Interessen der Polizei und der betroffenen Beamten sicher zustellen – und stelle in gewisser Weise wieder ein Stück Waffengleichheit her. Denn schon jetzt würden bei kritischen Situationen von Passanten zuhauf Handyvideos gemacht und online gestellt. Die gäben aber oft nur einen Teil des Geschehens wieder.
Renter verteidigte gleichzeitig die Strategie der Offenburger Staatsanwalt, die Sanktionen für verbale oder körperliche Attacken auf Polizeibeamte zu verschärfen: „Das ist der richtige Schritt“. Die Anklagebehörde hatte seinerzeit auch darauf hingewiesen, dass offenbar weibliche Beamte besonders oft von Übergriffen betroffen seien. Die jetzt vorgelegten Zahlen bestätigen diese Tendenz: Demnach nahm die Zahl der von Übergriffen betroffenen Beamten seit 2011 – seit dieses Delikt statistisch eigens ausgewiesen wird – von 250 auf 588 zu. Das entspricht in etwa einer Verdoppelung. Die Zahl der angegriffenen Polizistinnen hat sich in der selben Zeit mehr als verdreifacht: von 28 auf 94 im vergangenen Jahr. Erstaunlich ist die regionale Verteilung der Angriffe auf Polizeibeamte: 215 der 287 Fälle spielten sich im Ortenaukreis ab. Eine Erklärung für diese Entwicklung konnte die Polizei nicht geben.