Eine wichtige Rolle soll der Notaufnahme auch im künftigen Acherner Klinikum zukommen. Die Zahl der dort betreuten Patienten wird angesichts von Schließungen und Dienstverkürzungen in umliegenden Notaufnahmen bereits in den kommenden Jahren weiter wachsen. | Foto: Friso Gentsch/dpa

Neues Krankenhaus in Achern

Rüdiger Feik im Interview: Es muss Alleinstellungsmerkmale geben

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Die Entscheidung ist gefallen – Achern soll bis 2030 ein neues Krankenhaus erhalten. Wie die Umsetzung der Pläne aussehen muss, damit die neue Klinik auch langfristig eine Perspektive hat, und wie es in der Übergangszeit der kommenden Jahre weitergeht, darüber sprach der Ärztliche Direktor des Krankenhauses, Rüdiger Feik, mit ABB-Redakteur Frank Löhnig.

Das Land hat noch nicht über die Zuschüsse entschieden, also sei die Frage erlaubt: Kommt das vom Kreistag beschlossene neue Klinikum für Achern wirklich?

Feik: Ich bin mir sicher, ja, und es ist meiner Meinung auch notwendig. Ein wesentlicher Grund dafür ist die geografische Situation in der Ortenau und den angrenzenden Gebieten; wir haben es hier mit einer Flächenregion zu tun, von Baden-Baden bis fast nach Freiburg gibt es ein sehr zersiedeltes Gebiet, mit vielen kleinen Orten und vielen Tälern, die von einem Zentralklinikum allein schlecht versorgt werden können.

Notaufnahme und geplante Operationen: Rüdiger Feik, Ärztlicher Direktor, zur Zukunft des Klinikums Achern. | Foto: Frank Löhnig

Sie blicken mit dieser Antwort über den Kreis hinaus – und damit auch nach Bühl. Eine politisch sehr heikle Frage …

Feik: Ich hatte zu den Bühler Kollegen immer ein sehr gutes, fast freundschaftliches Verhältnis. Es liegt nicht an uns, dass die Leistungen in Bühl immer weiter reduziert wurden. Und das Ortenau Klinikum ist von den Entwicklungen im Nachbarkreis betroffen, ob man das nun will oder nicht. Wenn am Januar die Notfallversorgung in Bühl entfällt, dann tritt genau das ein, wovor wir in der Region Sorge haben, nämlich, dass Patienten aus Bühlertal zum Beispiel nicht mehr innerhalb von 30 Minuten ein Krankenhaus erreichen, wenn sie nach Baden-Baden müssen. Schauen sie mal in Google Maps rein, da kann man die Fahrzeiten leicht nachvollziehen.

Die Kommunalpolitik hat reichlich Prügel für die Klinikreform einstecken müssen, dabei setzt man nur um, was Stuttgart und vor allem Berlin vorgeben. Da ist jetzt mit den neuen Qualitätskriterien für die Notfallversorgung bereits die nächste Runde eröffnet, viele kleine Notaufnahmen werden schließen müssen – siehe Bühl.

Feik: Wir haben in Achern das Problem vor Jahren schon antizipiert, als wir festgestellt haben, dass wir eine zentrale Notaufnahme für die Region aufbauen müssen. Damals wurden Strukturen geschaffen, die sich zufällig jetzt fast genau mit den Anforderungen decken. Da schließt sich der Kreis, ein ganz wesentlicher Bestandteil des Angebotes im bestehenden Haus und auch im neuen Klinikum wird die Notfallversorgung in Achern sein, die zentrale Notaufnahme, die auch im neuen Krankenhaus entsprechend aufgebaut werden muss. Im Verbund bauen wir derzeit ein zentrales Netzwerk für die Notaufnahmen des Ortenau Klinikums auf.

Mit mehr Patienten wird gerechnet

Was man damals nicht wissen konnte, ist der Umstand, dass man nun Patienten aus dem südlichen Landkreis Rastatt versorgen muss, ebenso wie vermutlich aus dem Raum Kehl und Oberkirch. Dazu kommt, dass viele Menschen einfach in die Notaufnahme gehen, weil dies bequemer ist, als monatelang auf Termine bei Fachärzten zu warten. Kann das Acherner Krankenhaus das alles stemmen?

Feik: Die künftige Frequenz in unserer Notaufnahme ist schwer abzuschätzen, aber wir rechnen mit mehr Patienten. Wir müssen uns nicht groß vorbereiten, wir sind schon vorbereitet. Die zentrale Notaufnahme ist weitestgehend etabliert, derzeit gibt es Gespräche mit der Klinikleitung, wie wir die Kapazität unserer Notaufnahme, ganz unabhängig von Bühl im Übrigen, ausbauen. Die Menschen müssen in einer vernünftigen Zeit versorgt werden.

Was benötigen sie dazu?

Mehr Raum geht nicht, wir sind an die Räume gebunden, die wir haben. Aber es sind noch Abläufe vor Ort, die nicht unbedingt in der Notaufnahme angesiedelt sein müssen. Das werden wir in den nächsten Monaten neu ordnen. Dies berührt aber nicht den hausärztlichen Notdienst, der ebenfalls in der Notaufnahme sitzt und mit dem wir eine ausgesprochen gute Zusammenarbeit haben.

Wartezeiten sollen begrenzt werden

Löst sich damit das Problem der langen Wartezeit für Patienten, die selbst, also nicht mit dem Rettungswagen, in die Notaufnahme kommen? Der Warteraum ist gerade mal wieder brechend voll …

Feik: Wartezeiten haben wir auch, aber längst nicht so, wie in den großen Krankenhäusern. Es gibt in Deutschland Kliniken, da sitzen die Menschen in Spitzenzeiten bis zu acht Stunden, bei uns ist es in der Regel nur die Hälfte der Zeit. Wir sind dabei, die Strukturen zu optimieren, um die Wartezeit zu begrenzen. Die Menschen verstehen noch immer nicht ganz, was der Unterschied zwischen dem hausärztlichen Notdienst und unserer Notaufnahme ist. Das kann in Einzelfällen dazu führen, dass sich doppelte Wartezeiten ergeben – und das ist natürlich keine schöne Situation.

Sie brauchen also einen Lotsen?

Feik: Den Lotsen haben wir, der hausärztliche Notdienst ist in 90 Prozent der Fälle der richtige Ansprechpartner, der muss die Patienten dann entsprechend weiter verweisen. Wir hängen damit aber in hohem Maße von den ambulant verfügbaren Kapazitäten in den Praxen ab.

„Stiller Zuwachs“ in Notaufnahme

Obendrauf kommen jetzt noch die Patienten, die sich durch die Strukturveränderungen in Bühl, Oberkirch und Kehl eine neue Notaufnahme suchen müssen. Wie hoch wird die zusätzliche Belastung in Achern sein?

Feik: Die Prognosen schwanken zwischen 10 und 20 Prozent, eher bei 20 Prozent. Doch da gibt es keinen Stichtag, viele Patienten haben sich längst umorientiert. Ich habe festgestellt, dass es in den vergangenen Jahren bereits einen „stillen Zuwachs“ in unserer Notaufnahme gegeben hat. Der dürfte in der gleichen Größenordnung liegen.

Offenburg wird mit der Klinikreform eine Notaufnahme der höchsten Ausbaustufe erhalten. Bringt das von 2030 an Entlastung für Achern?

Feik: Wir werden in einem abgestimmten kreisweiten Konzept die Auslastungen unserer Notaufnahmen im Sinne der Patienten koordinieren. Neben Kliniken mit einer so genannten „Umfassenden Notfallversorgung“ wie Offenburg sind dabei auch speziell Standorte wie Achern mit einer Basisnotfallversorgung spezifisch für Patienten mit minderschweren Erkrankungen ganz wichtig.

Nach 2030 wird es in der Ortenau – lassen wir Wolfach mit seiner Sonderfunktion mal beiseite – in Lahr und Offenburg zwei Kliniken der Maximalversorgung geben, in Achern ein kleineres Haus. Wie muss das aufgestellt sein, dass es in dieser Konstellation nicht unter die Räder kommt?

Feik: Stand heute ist das vom Kreistag als Entscheidungsgrundlage herangezogene Konzept von Lohfert & Lohfert kein Schlechtes.

Achern braucht ein Alleinstellungsmerkmal

Es sagt aber nicht viel zur Frage, welche Rolle Achern genau spielen soll …

Feik: Es muss Bereiche geben, in denen Achern ein Alleinstellungsmerkmal hat und in denen Achern gleich gut oder besser ist als die großen Häuser. Sonst wird das nicht funktionieren.

Gibt es Vorstellungen?

Feik: Da gibt es ganz klare Vorstellungen. Beginnen wir bei der Gynäkologie und Geburtshilfe. Es wird natürlich Frauen geben, die aus Gründen der Sicherheit gerne ins Maximalzentrum gehen, aber die durchschnittlich gesunde Frau, die ein Kind bekommt, ist in Achern sicherlich genauso gut aufgehoben. Dann geht es auch um die so genannten schneidenden Fächer der Orthopädie. Der Gelenkersatz der gesamten Ortenau soll in Achern zusammengefasst werden. Das halte ich für eine sehr gute Idee, weil dann der Operationsplan nicht ständig durch Notfalleingriffe durcheinander gewirbelt wird. Ein großer Vorteil für die Patienten, die ansonsten immer damit rechnen müssen, dass ihre geplanten Eingriffe wieder verschoben werden. Dann sind da noch die Wirbelsäulenchirurgen oder die Bauch- und Gefäßchirurgen. Es gibt viele planbare Operationen, die in hervorragender Qualität in kleinen Häusern geleistet werden.

Was also sind Ihre Anforderungen an das neue Acherner Krankenhaus ab 2030?

Feik: Die Notaufnahme wie gesagt, eine unverändert starke innere Medizin dazu; die Innere ist zwar nicht so sexy wie andere Fächer, aber sie behandelt bei uns in Achern ein Drittel der Patienten. Das darf in der Funktionalität nicht angetastet werden, sonst bekommen wir einen Patientenschwund, der das Haus gefährdet. Ohne Innere gibt es kein Krankenhaus. Wir brauchen ein Portfolio, mit dem wir effektiv arbeiten können – und das ist eine Kombination aus planbaren Operationen und einem gut aufgestellten Notfallmanagement, auch im gesamten Landkreis.