Schwarzwald
Ein Besuchermagnet ist der Bereich zwischen Hornisgrinde und Seibelseckle (rechts im Hintergrund) an der Schwarzwaldhochstraße. Während man in Seebach weitere Attraktionen realisieren will, wird andernorts vor einer touristischen Überfrachtung des Höhengebiets gewarnt. | Foto: Niklas Spether

Entwicklungskonzept B 500

„Schwarzwald darf nicht zum Europa-Park werden“

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Das Entwicklungskonzept für die Schwarzwaldhochstraße stößt in den Anliegergemeinden auf ein überwiegend positives Echo. In den Rathäusern ist man sich einig: Der von Leerständen und Verfall geprägte Landstrich im Schwarzwald benötigt besser heute als morgen eine Frischzellenkur – und ein durchdachtes Verkehrskonzept. Die Großprojekte, die der vor zwei Wochen präsentierte Masterplan anstoßen soll, werden derweil auch kritisch gesehen.

Seilbahn und weitere Skipiste?

Das touristische Herzstück der Region liegt auf Seebacher Gemarkung. Hornisgrinde, Mummelsee und Nationalpark haben sich als Besuchermagnete an der B 500 etabliert. Dennoch sieht Bürgermeister Reinhard Schmälzle weiteres Entwicklungspotenzial: „Ich könnte mir eine Seilbahn vorstellen, die Seibelseckle, Mummelsee und den Hornisgrinde-Gipfel miteinander verbindet“, sagt Schmälzle. Denkbar sei auch eine weitere Skipiste zwischen Dreifürstenstein und Seibelseckle am Südhang der Hornisgrinde.

Baumhäuser, Blockhütten, Hofladen

Eine andere Philosophie vertritt dagegen Oliver Rastetter. Weitere Großprojekte wie neuen Pisten oder Hotelbauten lehnt er ab. Stattdessen setzt der Laufer Rathauschef auf „kleine Leuchttürme“, die den Schwarzwald spürbar machen. „Naturnahe Erlebnisse für Familien sind auch ohne gravierende Eingriffe in die Landschaft zu erreichen“, ist Rastetter überzeugt. Ihm schweben Baumhäuser, Blockhütten und Campingplätze vor. Auch einen genossenschaftlich betriebenen Hofladen mit regionalen Produkten an der B 500 hält er für denkbar. Rastetter appelliert zudem an das Land, „mehr Geld in die Hand zu nehmen, um den Busverkehr im Höhengebiet noch besser zu vernetzen“.

Verkehrschaos im Schwarzwald

Die Verkehrsproblematik ist nicht neu: Besonders an Wochenenden bilden sich an der B 500 nicht enden wollende Blechkarawanen, die Parkplatzsuche wird für Wanderer und Wintersportler zum Geduldspiel.

Schwarzwald
Chaostage in der Höhe: Am Wochenende steht die Schwarzwaldhochstraße oft kurz vor dem Verkehrsinfarkt – hier ein Bild vom Parkplatz am Seibelseckle. | Foto: Dominic Körner

Bei der Stadt Achern ist man davon überzeugt, dass ein Park-and-Ride-Angebot aus dem Tal Abhilfe schaffen würde. Man könne sich vorstellen, „einen Sammelparkplatz als Start- und Endpunkt zusätzlicher ÖPNV-Linien zur Verfügung zu stellen“, heißt es dazu aus dem Rathaus. Zusätzliche Anziehungspunkte im Höhengebiet solle man „dosiert“ schaffen.

Wir müssen Natur erlebbar machen, sie aber gleichzeitig Natur sein lassen.

Auch Ottenhöfens Bürgermeister Hans-Jürgen Decker warnt vor einer touristischen Überfrachtung des Nordschwarzwalds. „Wir müssen Natur erlebbar machen, sie aber gleichzeitig Natur sein lassen“, sagt Decker. Um diesen Spagat zu bewältigen, brauche es Fingerspitzengefühl. Wo bereits touristische Infrastruktur vorhanden ist, sei es sinnvoll, weitere Projekte anstoßen, etwa Aussichtsplattformen, die Wanderern einen Blick in die Rheinebene eröffnen. Der Masterplan für die Schwarzwaldhochstraße könne eine „Initialzündung für neue Projekte“ geben.

Wir wollen weg vom reinen Tagestourismus.

Dies erhofft sich Sonja Schuchter, Bürgermeisterin von Sasbachwalden, auch von der in der Entstehung befindlichen Anima Tierwelt am Breitenbrunnen. Wie Nationalpark und Mountainbike-Trail zeige das Projekt, „dass im Nordschwarzwald wieder etwas geht“. Ihre Gleichung: Mehr Attraktionen – mehr Übernachtungen. „Wir wollen weg vom reinen Tagestourismus“, betont Schuchter. Wie kaum eine andere Gemeinde ist Sasbachwalden von Leerständen geprägt. Damit soll jetzt Schluss sein: Wie unlängst berichtet, hat die Gemeinde von ihrem Vorkaufsrecht für das Areal der Wagner-Kliniken Gebrauch gemacht, das sie in den kommenden Jahren wieder mit Leben füllen will. Auf der Hohritt und im Brandrüttel stehen einstige Großhotels leer.

Bewegung in Sasbachwalden

Bewegung könnte es laut Schuchter bald im Fall des „Bel Air“ geben, in dem bis zum vergangenen Jahr Flüchtlinge untergebracht waren. Mit dem Regierungspräsidium, welches das „Bel Air“ zu diesem Zweck angemietet hatte, stehe man in Kontakt, um das Gebäude wieder einer Nutzung zuzuführen. Im Gespräch ist laut Schuchter die Ansiedlung einer Musik- und Singakademie. Für den Nordschwarzwald, ist sich die Bürgermeisterin sicher, gibt es Hoffnung. Die Natur biete für viele Menschen „großes Wohlfühlpotenzial“ als Kontrast zum immer hektischer werdenden Alltag. Daher plädiert auch Schuchter für einen sanften Tourismus: „Der Schwarzwald darf nicht zum Europa-Park werden.“

https://www.ortenaukreis.de/media/custom/2390_2533_1.PDF?1486638250