Ortenau Klinikum in Offenburg: Presssesprecher Christian Eggersglüß bezieht Stellung zu Problemen bei der Versorgung von Notfallpatienten in Mittelbaden. | Foto: Heck

Christian Eggersglüß

Sind die Engpässe in den Kliniken nur „Fake News“?

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Nach den Irrfahrten von Rettungswagen mit Patienten in lebensbedrohlichen Situationen zwischen Karlsruhe und Offenburg mehren sich die Vorwürfe gegen die mittelbadischen Kliniken und die Rettungsleitstellen. Christian Eggersglüß, Pressesprecher des Ortenau Klinikums in Offenburg, hat den Bericht „Werdende Mutter erlebt Odyssee im Rettungswagen“ in einer E-Mail an die Redaktion im Hinblick auf die Hebammen am Ortenau Klinikum als „Fake News“ bezeichnet. Unser Redaktionsmitglied Ulrich Coenen hat sich mit Eggersglüß über die Situation in seiner Klinik unterhalten.

Die mittelbadischen Kliniken zwischen Rastatt und Offenburg wurden in den vergangenen Monaten wiederholt kritisiert, weil sie Notfallpatienten nicht aufnehmen konnten. Hat das Ortenau Klinikum in bestimmten Bereichen Kapazitätsprobleme und wenn ja in welchen?

Keine Kapazitätsprobleme

Eggersglüß: Das Ortenau Klinikum hat keine Kapazitätsprobleme. Allerdings hat jede Klinik eine begrenzte Aufnahmekapazität. In Einzelfällen kann es bei einer extremen Auslastung dazu kommen, dass Patienten eine andere Klinik aufsuchen oder weiterverlegt werden müssen. In der Kinderklinik des Ortenau Klinikums Offenburg-Gengenbach können Notfälle jederzeit erstbehandelt werden. Aufgrund der begrenzten Kapazität ist besonders in den Wintermonaten eine Weiterverlegung nach der Erstversorgung manchmal unumgänglich.

Norbert Roeder, Medizinischer Geschäftsführer des Klinikums Mittelbaden in Baden-Baden, hat im Interview mit dieser Zeitung von bundesweiten Engpässen im Bereich der Intensivmedizin gesprochen. Gibt es die auch im Ortenau Klinikum?

Christian Eggersglüß ist Pressesprecher des Ortenau Klinikums in Offenburg. | Foto: Ortenau Klinikum

Eggersglüß: Am Ortenau Klinikum gibt es keine Engpässe im Bereich der Intensivmedizin. Grundsätzlich gilt aber auch hier, dass jede Klinik eine begrenzte Kapazität hat. In der Neugeborenen- und Frühgeborenen-Intensivmedizin gibt es strenge Vorgaben mit Gesetzescharakter. Diese Vorgaben können von rund 80 Prozent aller deutschen Perinatalzentren nicht vollumfänglich erfüllt werden, alleine schon deshalb, weil das benötigte Pflegepersonal auf dem Arbeitsmarkt nicht vorhanden ist. Bei absehbarer Nichterfüllung der Vorgaben müssen Schwangere mit drohender Frühgeburt in ein anderes Perinatalzentrum verlegt werden, das den Versorgungsschlüssel zu diesem speziellen Zeitpunkt erfüllt.

Am 17. Mai zwischen 18.30 und 19 Uhr wurde eine schwangere Patientin aus Bühl, die mit dem Rettungswagen zum Ortenau Klinikum nach Offenburg gebracht werden sollte, noch auf dem Weg dorthin abgewiesen. Der Ehemann nennt Gründe, die er nicht nur gegenüber unserer Zeitung, sondern auch im sozialen Netzwerk Facebook verbreitet hat. Offenburg habe abgelehnt, weil keine Hebamme im Haus sein. Sie haben diesen Fall in einer Mail an die Redaktion als „Fake News“ bezeichnet. Was war an diesem Abend los?

Sehr hohe Hebammen-Präsenz

Eggersglüß: Aus Kapazitätsgründen konnte keine weitere Geburt aufgenommen werden. Auf keinen Fall lag es daran, dass keine Hebammen im Haus waren. Das Ortenau Klinikum in Offenburg ist ein sogenanntes Level-1-Haus. Es sind dienstplanmäßig zu jeder Zeit zwei Hebammen anwesend. Bis zu drei weitere Hebammen sind in Rufbereitschaft und stehen innerhalb von 30 bis 60 Minuten zur Verfügung. Freiberufliche Hebammen dürfen weiterhin mehrere Frauen parallel betreuen, jedoch immer nur zwei Frauen parallel abrechnen. Das ist im Normalfall kein Problem, weil wir in der Geburtshilfe am Ortenau Klinikum in Offenburg aufgrund der Freiberuflichkeit eine sehr hohe Hebammen-Präsenz haben. Allerdings sind Geburten nicht planbar. An „Spitzentagen“ kommt es auch vor, dass mehr als doppelt so viele Schwangere betreut werden wie Hebammen vor Ort sind, ohne dass die Hebammen die Leistungen mit den Krankenkassen abrechnen können. Bisher wurde keine Frau aufgrund mangelnder Bezahlung abgewiesen. Der „Stellenschlüssel“ ist deutlich höher als der in Kliniken mit angestellten Hebammen.

Unsere Zeitung hat über den zweiten Fall einer schwangeren Frau aus Bühl berichtet, die in einer bedrohlichen Lage für Mutter und Kind nach einer ersten Behandlung in Offenburg sofort nach Lörrach verlegt wurde. Was waren die Gründe?

Riesenvorteil für das Kind

Eggersglüß: Aus Kapazitätsgründen konnte an diesem Tag kein weiteres Extremfrühgeborenes versorgt werden. Eine Verlegung eines Frühgeborenen von 24 Schwangerschaftswochen nach Entbindung ist aufgrund hoher Risiken für das Kind nicht mehr möglich. Eine Verlegung sollte immer in utero erfolgen, also vor der Entbindung. Aus diesem Grund machte auch die Aufnahme in der Geburtshilfe in Offenburg zu diesem Zeitpunkt keinen Sinn. Es wird deshalb alles versucht, das Kind im Bauch der Mutter dorthin zu bringen, wo es dann nicht mehr weiter transportiert werden muss. Das ist zwar für die Mutter oder die Eltern im Moment sehr stressig, bringt aber einen Riesenvorteil für das Kind.

Wie oft konnten die Häuser des Ortenau Klinikums in diesem Jahr Notfallpatienten nicht aufnehmen und mussten sie an andere Häuser verweisen?

Notfallpatienten werden immer aufgenommen

Eggersglüß: Notfallpatienten werden immer aufgenommen. Bei ungeborenen Frühchen ist dies in Einzelfällen aus den genannten Gründen anders. Zahlen liegen hierzu nicht vor.

Im März konnte ein Herzinfarktpatient aus Sinzheim im Klinikum Mittelbaden in Rastatt nicht aufgenommen werden. Er musste nach Karlsruhe gebracht werden, wo er starb. Ist das Ortenau Klinikum optimal auf Herzinfarktpatienten vorbereitet oder gibt es auch bei Ihnen Kapazitätsprobleme?

Sehr gute herzmedizinische Versorgung

Eggersglüß: Das Ortenau Klinikum gewährleistet eine sehr gute herzmedizinische Versorgung. Auch in diesem Bereich sind die Kapazitäten wie in allen Kliniken begrenzt.

Können Sie nach den sich häufenden Fällen bei medizinischen Notfällen in den vergangenen Monaten die Sorgen der Menschen in der mittelbadischen Region verstehen?

Emotionale Situation

Eggersglüß: Dass sich in einer sehr emotionalen Situation wie einer bevorstehenden Geburt, zumal einer Frühgeburt, bei unvorhergesehenen Ereignissen Sorgen und Ängste entstehen, ist verständlich. Objektiv gesehen funktioniert die Notfallversorgung in der Region grundsätzlich sehr gut.