Schließung der Acherner Kaserne vor 25 Jahren
Deutsch-französische Zeremonien gehörten mit zur Tradition am Standort Achern mit zwei französischen und einer deutschen Kaserne – hier im Vordergrund Bundeswehrsoldaten, der Offizier Colonel Dominique Muller. | Foto: Roland Spether

Kaserne 1993 geschlossen

Soldaten und schwere Transporter gehörten zum Acherner Straßenbild

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Spiegelei auf Spaten, Leben im Felde, Fahrten mit Transportern: Die Besucher der „Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden“-Kaserne bekamen beim letzten Tag der offenen Tür des Transportbataillons 861 im Oktober 1991 noch einmal einen Einblick in das Aufgabenfeld des Bundeswehrstandortes Achern und der Soldaten, die seit 1961 mit zum Bild der Stadt gehörten, es durch vielfältige Aktivitäten mitgestalteten und in guter Nachbarschaft zu den französischen Streitkräften in der „Antoine-de-Saint-Exupéry“-Kaserne lebten. Vor 25 Jahren wurde die Bundeswehrkaserne geschlossen.

Das offene Kasernentor hatte damals seinen Grund im 30-jährigen Standort-Jubiläum, und es sollte auch ein Festtag für die Bevölkerung werden. Doch an diesem Oktobertag goss es wie aus Kübeln, tiefe Regenwolken hingen über der Kaserne, und die wenigen Gäste bekamen am eigenen Leib etwas von der Herausforderungen der Soldaten während eines Biwaks bei nass-kaltem Wetter zu spüren. Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass das Verteidigungsministerium der Bundesrepublik Deutschland beschlossen hatte, den Standort Achern zum 31. Dezember 1993 aufzuheben und damit auch eine militärische Tradition mit vielfältigen gesellschaftlich, politischen und kulturellen Akzenten und Veranstaltungen zu beenden.

Tage der offenen Tür als Höhepunkte

So wurde 1963 der Neujahrsempfang mit vielen Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eingeführt, der dann 1977 von der Stadt Achern im Bürgersaal abgehalten wurde. Unvergessen bleiben auch die eleganten Frühjahrs- und Sommerbälle des Kommandeurs bis 1987; auch die Unteroffiziere hatten mit dem Weinfest in der Jahnhalle und dem Sportfest nach dem Sommerbiwak ihre Feste. Herausragend waren die Tage der offenen Tür, in den 70er Jahren kamen häufig mehr als 10 000 Besucher in die Kaserne. Die Soldaten zog es auch hinaus in die umliegenden Gemeinden etwa zum Fußballspielen, zu Auftritten der Bataillonsmusik und vor allem zur Fastnacht.

Narhalle Achern stürmte die Kaserne

Ein fester Termin war die Erstürmung der Kaserne durch die Narrhalla Achern, und es war vor allem ein Verdienst von Oberstabsfeldwebel Richard Kiefer, der fast drei Jahrzehnte in Achern stationiert war und die Brücke zur Narrhalla hielt und mit Hans Vierneisel, Walter Gerteis und Charles Besancon die sehr wichtige Tür zu den „Acherner Franzosen“ öffnete. Daraus entstanden die deutsch-französischen Feste; herausragend war 1992 das erste Fest inmitten der Illenau zum 150. Bestehen der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt und späteren Kaserne der französischen Streitkräfte.

Schließung der Acherner Kaserne vor 25 Jahren
Die beiden letzten Kommandeure des Transportbataillons waren Oberst Wolfgang Goehler und Major Peter Roth | Foto: Roland Spether

Das Verhältnis deutscher und französischer Offiziere und Soldaten war bestens, es gab viele Begegnungen auch außerhalb des dienstlichen Bereichs, und militärische Fahrzeuge oder marschierende Soldaten in voller Kampfausrüstung gehörten mit zum Bild der Stadt. Groß und imposant waren die Motivwagen bei Umzügen der Narrhalla, auch glanzvolle Konzerte von Musikkorps beider Länder gehörten mit zu den kulturellen Höhepunkten. Nach dem Abzug der Bundeswehr aus der Heid wurde die Kaserne 1993 vom 42. Régiment de Transmissions der französischen Armee bezogen. Das Regiment mit einem erstklassigen Musikkorps wurde dem Eurocorps unterstellt und 1999 nach Laval verlegt.

Nicht jeder war für die Bundeswehr

„Achern bekommt die Bundeswehr, Bühl die Bosch.“ Dieser Spruch machte damals in Achern die Runde und verdeutlichte, dass mancher es nicht allzu gerne sah, dass die Bundeswehr einen Standort in der Heid bezog und so auf Jahre hinweg eine gewerbliche Entwicklung nicht möglich machte. Die andere, positive Seite war, dass über die mehr als 30 Jahre sehr viele Menschen nach Achern kamen, hier einkauften, das Leben mitgestalteten, heirateten und in der Stadt oder in einem Ortsteil wohnen blieben. Hinzu kam, dass die Bundeswehr ein großer Arbeitgeber war, im Jahr der Auflösung musste der letzte Leiter der Standortverwaltung, Peter Bauer, für 160 zivile Mitarbeiter neue, sozial verträgliche Arbeitsplätze möglichst ortsnah in Firmen oder der Verwaltung suchen.

Ernst Kurka trat als erster Soldat an

Oberstleutnant Ernst Kurka war der erste Soldat der Bundeswehr, der am 1. November 1961 seinen Dienst in Achern zur Aufstellung eines Bataillons antrat. Ihm folgten am 13. November Oberstleutnant Büchner sowie die Leutnante Laabs und Wippert. Am 16. November begann dann verstärkt durch 16 an der Logistikschule in Hamburg-Isenbrook ausgebildete Soldaten der Aufbau des Transportbataillons mit einem verstärkten Ausbildungszug und einer Fahrschule. Das Kommando wurde offiziell am 19. Mai 1962 durch Generalmajor Hellmuth Reinhardt an Oberstleutnant Konrad Büchner übergeben.

Schließung Acherner Kaserne vor 25 Jahren
Kontrolle am Eingang: Der letzte Tag der offenen Tür 1991 war begleitet von Dauerregen und trübem Wetter. | Foto: Roland Spether

Bürgermeister Richard Kraemer überreichte eine Standarte mit dem Wappen der Stadt, und das Musikkorps der 2. Luftlandedivision Karlsruhe spielte die Nationalhymne. Viele Ehrengäste kamen, die Soldaten marschierten durch die Stadt, und Militärbischof Franz Hengsbach leitete das Pontifikalamt in der Kirche Unserer Lieben Frau. Jährlich wurden etwa 450 Kraftfahrer der Klassen BCE (zivil Klasse 2 und 3) sowie 150 Kraftfahrer der Klasse B (zivil Klasse 3) ausbildet, schwere Transportfahrzeuge gehörten wie Kolonnen, die spezielle Aufgaben wahrnahmen oder zu Manövern ausrückten, zum Straßenbild.

Auflösung am 31. Dezember 1993

Das letzte Kapitel in der Geschichte des Transportbataillons 861 und des Nachschubbataillons 864 begann mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 und damit in der friedlichen Überwindung des Kalten Krieges zwischen NATO und Warschauer Pakt. Dies führte dazu, dass die in Mitteleuropa konzentrierten militärischen Kräfte reduziert werden konnten. Für die Bundeswehr bedeutete dies nach dem „2+4-Vertrag“, die Stärke der Soldaten einschließlich NVA-Kräften der ehemaligen DDR bis Ende 1994 auf 370 000 Soldaten abzubauen. Erste Gerüchte zur Schließung des Standorts kamen 1991 auf, und am 31. März 1992 war es sicher, als das Bundesministerium der Verteidigung im Vorbefehl die Verlegungen und Auflösungen im Zuge der neuen Heeresstruktur bekanntgab, dazu gehörte die Auflösung des Standorts Achern zum 31. Dezember 1993.

Reservisten erinnern an den Standort

Eine Erinnerung an den Standort hält die Reservistenkameradschaft Acher-Renchtal lebendig, die 1967 als Partner für die Soldaten nach deren offiziellen Dienstzeit gegründet wurde. Heute pflegen die Reservisten Kontakte zu Verbänden in Frankreich und Rumänien, eine wichtige Aufgabe sehen sie auch darin, am Volkstrauertag Ehrenwachen auf den hiesigen Friedhöfen zu halten, der Getöteten der Weltkriege zu gedenken und Bindeglied zwischen Gesellschaft und Bundeswehr sein.

Von Roland Spether