Akribische Kleinarbeit: Die Restaurierung des Straßburger Münsters ist im Grunde eine Daueraufgabe. Doch jetzt ist ein Etappenziel erreicht, das die Münsterbauhütte jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt hat – ebenso wie die sich wandelnden Philosophien der Restaurierung. | Foto: Münsterbauhütte

Straßburger Münster

Suche nach dem richtigen Stein ist ein Kunststück

Anzeige

Von Bärbel Nückles

Es geht bei eisigen Temperaturen in schwindelerregende Höhe, knapp unterhalb der Figur des Sankt Arbogast. Auf Meter 20 des Baugerüsts steht der Beobachter unterhalb des erneuerten Sockels des Heiligen, zu seiner Zeit Bischof von Straßburg, verstorben im Jahr 618. Sankt Arbogast soll das Christentum ins Elsass gebracht haben. Insofern leuchtet es ein, dass man ihm Sorgfalt hat angedeihen lassen bei der jüngsten Restaurierung einiger augenfälliger Bereiche des Straßburger Münsters.

Vier Jahre – vier Millionen Euro

Über vier Jahre hat sich die aufwändige Instandsetzung für Kosten in Höhe von rund vier Millionen Euro erstreckt. Sie umfasst zum einen den Standort des Heiligen Arbogast, die Süd- und Ostfassade des südlichen Querschiffs, sowie die auf der gegenüberliegenden, also nördlichen Seite Ende des 18. Jahrhunderts errichtete Goetz-Galerie. Deren spiegelbildliches (südliches) Gegenstück war bereits zwischen 1982 und 2001 restauriert worden.

Unterschiedliche Bauphasen

Die beiden Orte stellen dabei höchst unterschiedliche Bauphasen der baugeschichtlich von der frühen Romanik bis ins 15. Jahrhundert ausgreifenden Kathedrale dar. Mit dem südlichen Querschiff entfaltet sich am Straßburger Münster der aus Frankreich kommende gotische Baustil.

Der revolutionäre Einfluss der Gotik

„Hier zeigte sich zum ersten Mal der revolutionäre Einfluss der Gotik“, betont Louis-Napoléon Panel, Konservator der staatlichen Denkmalpflege, was das südliche Querschiff zu einem der bedeutendsten Bauabschnitte des Münsters macht. Die Goetz-Galerien zu beiden Seiten des Bauwerks ließ Jean-Laurent Goetz erst Ende des 18. Jahrhunderts errichten, um in die damals am Mauerwerk bestehenden Verkaufsbuden ordnend einzugreifen. Aber dazu später.

St. Arbogast wieder an seinem Platz

Die 2,60 Meter große und 800 Kilo schwere Sandsteinfigur des Bischofs Arbogast aus dem 19. Jahrhundert, die lange Zeit stark beschädigt auf ihre Rückkehr an die Fassade gewartet hatte, befindet sich nun wieder, in ihrer Steinsubstanz stabilisiert und ergänzt durch früher fehlende Teile an Gesicht, Bischofsstab und Gewand, an ihrem Platz am südlichen Querschiff. Innenseitig gibt es an dieser Stelle des Münsters die berühmte astronomische Uhr und den Engelspfeiler zu bestaunen.

Kosten von vier Millionen Euro verursachte der jetzt abgeschlossene Restaurierungsabschnitt | Foto: Münsterbauhütte

Fachleute in freudiger Aufregung

Fachleute versetzt allerdings ganz besonders die Restauration der Kirchfenster über dem Heiligen in freudige Aufregung. Die beiden Rosetten aus dem frühen 13. Jahrhundert mit der Darstellung des alten und des neuen Bundes zwischen Gott und den Menschen gehören neben der Kathedrale von Chartres zu den besterhaltenen mittelalterlichen Glasmalereien in Frankreich (zu 80 Prozent original), berichtet Louis-Napoléon Panel, und damit zum Wertvollsten, was an europäischen Kathedralfenstern zu bestaunen ist.

Versteckt bei Heilbronn

Den Zweiten Weltkrieg überdauerten sie zunächst im französischen Südwesten. Die Nationalsozialisten versteckten sie nach dem Einmarsch ins Elsass ab 1941 in einem Salzbergwerk bei Heilbronn. Dort entdeckte sie eine US-amerikanische Abordnung, die „Monuments Men“.

Exakte Duplikate

In den Glasmalereiwerkstätten von Pierre-Alain Parot an der Côte d’Or wurden sie nun von einer durch Schmutz und schädliche Umwelteinflüsse angelagerten Schicht befreit. Um sie für die Zukunft zu bewahren, haben die Restauratoren anschließend nicht ein einfaches Glasfenster darüber montiert. Während die Originale – jedes Rund ein komplexes Puzzle für sich – gereinigt und an schadhaften Stellen zurückhaltend ergänzt wurden, entstanden exakte Duplikate. Sie wurden außen montiert, zum Schutz der echten Rosetten.

Unsichtbare Lüftungsschlitze

Aus der Ferne unsichtbare Lüftungsschlitze verhindern, dass Kondenswasser die Glasmalereien schädigt. Die Herstellung der Kopien, kann man erfahren, diene neben dem Schutz der Originale auch dem Erhalt des handwerklichen und kunsthandwerklichen Könnens, ohne dass Restaurierungen in der Zukunft undenkbar wären.

Originale am Bauwerk

Aus konservatorischer Sicht wird hier eine eher jüngere Herangehensweise deutlich. Vor wenigen Jahrzehnten noch zog man es vor, beschädigten Fassadenschmuck oder Skulpturen durch Kopien zu ersetzen und die echten Werke ins Museum zu stellen. „Inzwischen möchte man möglichst viel Originalsubstanz am Bauwerk zu erhalten“, betont Frédéric Degenève, Leiter der Werkstätten an der Münsterbauhütte.

Nah am Original

Nah am Original sein: Dieser Strategie folgen die Konservatoren und Restauratoren auch beim Umgang mit dem Stein, was sich besonders gut an der ebenfalls nun abgeschlossenen Restaurierung der nördlichen Goetz-Galerie beobachten lässt. Das Münster sei lange als Einheit in rosa Sandstein wahrgenommen worden, erläutert Louis-Napoléon Panel. „Tatsächlich wurde über die Jahrhunderte eine Vielfalt von Steinfarben und unterschiedlichen Qualitäten verarbeitet“, so Panel.

Farben als Identität der Kathedrale

Die Farben des Sandsteins seien Teil der Identität der Kathedrale, weshalb der Restauration eine aufwändige Suche nach passenden Qualitäten, längst nicht mehr nur in den Vogesen, vorhergeht. Wer sich entlang der Nordseite die nun frisch gereinigten und ergänzten Balustraden, die Krönchenartigen Pinakel und neogotischen Wasserspeier betrachtet, entdeckt tatsächlich unterschiedliche Rosé-Töne.