Stets gebückt müssen sich Erntehelfer bei ihrer Tätigkeit auf dem Erdbeerfeld fortbewegen. Hilfskräfte kamen in den vergangenen Jahren häufig aus Rumänien oder Polen, mittlerweile beklagen Landwirte einen massiven Mangel an unterstützenden Händen. | Foto: Julian Stratenschulte

Landwirte ringen um Helfer

Suche nach Saisonarbeitern „extrem schwierig“

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Was in diesem Jahr zunächst hohe Erlöse versprach, endete für einige Landwirte in einem Desaster. Bäume und Felder waren voller saftiger Früchte, Erdbeeren, Kirschen und Co. profitierten von einem idealen Frühjahr und der Hitze – doch es mangelte an Saisonarbeitern, diese auch zu ernten.

Erntehilfe in Deutschland nicht mehr lukrativ

„Wir produzieren hier in Deutschland auf höchstem Niveau – um das auch weiterhin machen zu können, sind wir auf Erntehelfer angewiesen“, bringt Jörg Huber vom Huberhof in Önsbach die Problematik auf den Punkt. „Saisonarbeiter kommen in der Regel aus Rumänien oder Bulgarien. Durch den wirtschaftlichen Aufschwung in diesen Ländern ist ein Ausflug nach Deutschland als Erntehelfer nicht mehr lukrativ“ unternimmt Padraig Elsner vom Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband einen Erklärungsversuch. „Bisher galt die 70-Tage Regelung: Arbeitskräfte konnten 70 Tage angestellt werden, in dieser Zeit galt keine Sozialversicherungspflicht.“ Diese Regelung soll es nach Bundesminister Hubertus Heil im nächsten Jahr nicht mehr geben. „Das wird die Situation verschärfen“, prognostiziert Elsner.

Maschinelle Ernte bei Beeren, Stein- und Kernobst nicht möglich

Beeren- Stein- und Kernobst müsse zudem von Hand geerntet werden, eine maschinelle Abhilfe könne hier nicht geschaffen werden. Anders gestaltet sich die Situation im Weinbau: „Die Zahlen der Erntehelfer sind auch bei den Winzern rückläufig, allerdings haben wir im Weinbau die Möglichkeit, auf Maschinen auszuweichen“, sagt Franz Benz, Vizepräsident des Badischen Weinbauverbands. „Die Handlese wird zunehmend weniger werden“, prognostiziert er. Benz sieht die Ursache in einem steigenden bürokratischen und finanziellen Aufwand für Winzer, die auf Saisonarbeiter zurückgreifen möchten.

Bei der Weinernte häufig die ganze Familie im Einsatz

Der Mangel an helfenden Händen sei im Weinbau zudem nicht so gravierend wie bei anderen Kulturen. „Während der Weinernte sind nach wie vor viele Einheimische im Einsatz – das wird gerne gemacht, oft auch von Rentnern oder Hausfrauen“, erklärt er. Die Arbeit in den Weinreben sei deutlich weniger belastend als auf dem Erdbeerfeld.

Für einen Hektar Erdbeeren ist mit bis zu 2000 Arbeitsstunden zu rechnen

„Für einen Hektar Erdbeeren ist mit bis zu 2 000 Arbeitsstunden zu rechnen“, etwa 80 Prozent fielen davon bei der Ernte an, verdeutlicht Huber den Bedarf an helfenden Händen auf seinem Hof. „Wenn keine Arbeitskräfte mehr verfügbar sind, wird die Kulturlandschaft verschwinden. Dann wird überwiegend Mais angebaut werden – das ist das einzige, was sich betriebswirtschaftlich rechnet“.

Kein fester Stamm an Saisonarbeitern mehr

Annerose Rettig in Mösbach bezeichnet die Suche nach Unterstützung auf dem Acker als „extrem schwierig“. Bis vor einigen Jahren habe sie auf einen festen Stamm an Erntehelfern zurückgreifen können, der sich über die Jahre etabliert habe. Mittlerweile ist sie auf die Dienste eines Vermittlers angewiesen: „Dadurch entstehen noch einmal zusätzliche Kosten.“ Trotz Vermittler sei nicht garantiert, dass ausreichend Saisonkräfte kommen – so geschehen in diesem Jahr.

Viele Früchte blieben auf den Feldern zurück

Viele Erdbeeren seien darum kaputtgegangen, Rettig beziffert den Verlust auf etwa 1 000 Euro. Das große Angebot günstiger Importware schmälere die Absatzchancen für Landwirte zusätzlich. „Der Kunde muss sich fragen, was er will – die heimische Landwirtschaft unterstützen und damit diejenigen, die hier ihre Steuern zahlen oder nach dem Motto ,Geiz ist geil‘ leben.“ Dann werde es irgendwann keine deutsche Ware mehr geben, lautet die Prognose der Landwirtin.

IG BAU sieht Handlungsbedarf bei Arbeitsbedingungen

Gunther Häberlen vom Bezirksverband Baden-Württemberg der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) sieht nicht nur den Verbraucher in der Verantwortung. Bezüglich der Bedingungen für Saisonarbeiter sieht er gleichermaßen Handlungsbedarf. „Von der Bezahlung, über den Urlaub, bis hin zu Möglichkeiten der Weiterqualifizierung – das muss verbessert werden.“ Für Saisonarbeiter gelte zwar der Mindestlohn. Dennoch seien zahlreiche Fälle bekannt, in denen dieser unterlaufen werde. Landwirte bewegten sich damit in einer Grauzone.

 

Gunther Häberlen von der IG BAU Baden-Württemberg | Foto: red

Einige Landwirte bewegen sich in der Grauzone

„Je weniger die Beschäftigten informiert sind, umso größer wird diese Grauzone“, gibt Häberlen zu bedenken. Die Gewerkschaft versuche dem mit ihrem Projekt „Faire Mobilität“ Abhilfe zu schaffen, in dem sie Beschäftigte in ihren Landessprachen berät und über ihre Rechte aufklärt. An Kontrollen über die Einhaltung von Regelungen mangele es in Deutschland, kritisiert Häberlen und blickt in das Nachbarland: „In Frankreich herrscht eine wesentlich bessere Kontrolle durch staatliche Behörden.“ Hierzulande fehle es dem Zoll jedoch schlichtweg an Mitteln und Geldern.

Auch die Verbraucher sind gefragt

Bei all den Widrigkeiten zeigt Häberlen Verständnis für Landwirte, die möglichst billig produzieren möchten. Er kommt auf die Rolle der Verbraucher zurück: „Da ist jeder Einzelne gefragt“, ist er überzeugt. „Zu einer guten Qualität gehört die Bereitschaft, einen guten Preis zu zahlen.“