Nur noch Wasser und Brot? In der Fastenzeit geht es nicht unbedingt nur darum, weniger zu essen.
Nur noch Wasser und Brot? In der Fastenzeit geht es nicht unbedingt nur darum, weniger zu essen. | Foto: dpa

Fastenkurs in Ottenhöfen

Über das „Durchhalten“: Am Sonntag ist Halbzeit in der Fastenzeit

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Wer sich für die Fastenzeit Vorsätze auferlegt hat, erreicht am 22. März einen Meilenstein: Dann ist Halbzeit. Wie ist es, mittendrin zu sein, und was hilft beim Durchhalten? Fastende Menschen, Pfarrer und eine Fasten-Experten aus Achern und der Region berichten.

Die Hälfte ist geschafft: Am Sonntag ist die „Halbzeit“ der Fastenzeit erreicht. Der sogenannte Laetare-Sonntag hat zwar keine enorme Bedeutung in der Kirche, für die Menschen, die sich für die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern ernsthafte Fasten-Vorsätze auferlegt haben, ist dieser Termin aber sicher ein Etappenziel – damit stehen sie auch noch im Kontrast zu denjenigen, die sich momentan aufgrund des Coronavirus zu riesigen „Hamsterkäufen“ verleiten lassen.

Und wie ist das, „mittendrin“ zu sein? „Man hat natürlich schon einmal Durchhänger, vor allem, wenn die Familie um einen herum ganz normal weiterisst“, sagen zwei Teilnehmerinnen eines Fastenkurses in Ottenhöfen, die ihre Namen nicht in der Zeitung lesen wollen.

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In diesem Angebot des Kneipp-Vereins Ottenhöfen-Seebach wird beispielsweise eine Woche lang nach den Vorgaben von Hildegard von Bingen gefastet – das könne ohne Probleme auch auf mehrere Wochen ausgedehnt werden, sagt Kursleiterin Ursula Reinhard. Beim Durchhalten helfe es, sich in einer Gruppe wie in diesem Kurs auszutauschen; auch ein Spaziergang sei eine gute Ablenkung. „Viele Menschen bekommen am dritten Tag eine Fastenkrise, das ist oft der schwierigste Tag“, sagt Reinhard.

Das richtige Maß ist entscheidend.

Während viele Menschen in der Fastenzeit versuchen, auf Fernsehen oder Smartphone, Rauchen oder Alkohol zu verzichten, geht es in dem Ottenhöfener Kurs einzig um die Ernährung: Verboten sind Zucker und Honig, Obst, Salat und tierisches Eiweiß sowie rohe Lebensmittel. Essen dürfte man aber natürlich etwas, sagt Ursula Reinhard: „Das richtige Maß ist entscheidend“. Um der weit verbreiteten Übersäuerung entgegenzuwirken, wird viel Dinkel verwendet, der basisch verstoffwechselt werde.

Mitunter schmerzhafte Begleiterscheinungen

Das Durchhalten machten für die Teilnehmer auch unbequeme Nebenerscheinungen schwer, so die Kursleiterin: Viele Menschen bekämen beim Weglassen der „verbotenen“ Lebensmittel zum Beispiel Gelenkschmerzen. „Man sagt, dass sich an den großen Gelenken wie der Hüfte, aber auch am Oberschenkel oder um das Ausleitungsorgan Niere Schlacke ansammeln, also Giftstoffe, die man in sich aufnimmt, etwa Medikamente.“ Diese wolle man beim Fasten loswerden, was mitunter schmerzhaft sein könne.

Fasten
Verzicht steht meist für Menschen im Mittelpunkt, die Vorsätze für die Fastenzeit haben – einige lassen den Alkohol weg. | Foto: dpa

Über ihre Gründe für dieses Lebensmittel-Fasten sind sich die Teilnehmerinnen einig: „Das ist wie ein Frühjahrsputz für die Seele“, sagt eine der Frauen. „Man kann einmal alles loswerden, was man sich das ganze Jahr über ,reingeschaufelt’ hat“. Zweiter Punkt sei das Abnehmen: Wenn gemeinsam der Anfang gemeinsam gemacht sei, werde das hoffentlich auch allein weiter klappen, hofft eine andere Teilnehmerin.

Das Frühjahr als der „richtige“ Zeitpunkt zum Fasten sei fest im Denken der Menschen verankert, vermutet Ursula Reinhard: Wenn sie im Herbst Fastenkurse anbieten wolle, kämen die fast nie zustande. Dahinter vermutet sie die christliche Tradition der Fastenzeit.

Diese ist eng mit der Zahl 40 verbunden: in der Bibel die Zahl der Buße, Orientierung und Prüfung, die sich unter anderem in der Geschichte über das Volk Israel wiederfindet, das demnach als Strafe für die Abkehr von Gott 40 Jahre durch die Wüste ziehen musste, wie Joachim Giesler sagt, Pfarrer und Leiter der katholischen Seelsorgeeinheit Achern.

Zwischen Mit-Leiden und Vorfreude

Jeder Sonntag hat einen eigenen Eröffnungsruf für den jeweiligen Gottesdienst, der heute allerdings kaum mehr verwendet wird; am dritten Fastensonntag, diesmal dem 22. März, lautet er „Freue dich, Stadt Jerusalem“, auf Lateinisch kurz „Laetare“ („Freue dich“). Dieselbe Bedeutung hat auch der „Gaudete“-Tag, der dritte Sonntag im Advent. „In der Hälfte denkt man an das Leiden von Jesus, hat aber auch schon die Vorfreude auf Ostern“, sagt Katrin Bessler-Koch, Pfarrerin in der evangelischen Kirchengemeinde Achern.

Besondere Bräuche werden an diesen beiden Tagen heute nicht mehr gepflegt. Früher habe man die Bedeutung des Tages mit der Farbe Rosa angedeutet, einer Mischung aus Blutrot und dem Weiß, das Ostern darstellt. In der katholischen Kirche fand sich das im Messgewand des Pfarrers wieder, in der evangelischen Kirche im Tuch über Altar oder Kanzel; beides gibt es heute nur noch in wenigen Gemeinden – in Achern auch nicht.

Auch die Pfarrer hatten Fasten-Vorsätze

Anders als etwa der Islam unterliegt die Fastenzeit im Christentum keinen strengen Regeln, sondern bleibt jedem selbst überlassen. Und wie steht es um die Fasten-Vorsätze der Pfarrer? „Entrümpeln“ und jeden Tag eine Schublade oder ein Regalbrett aufräumen, das hatte sich Katrin Bessler-Koch zunächst vorgenommen. Nach zwei Wochen habe sie sich zusätzlich den Verzicht auf Süßigkeiten und Knabbereien auferlegt. Alkohol und das Essen will in dieser Zeit Joachim Giesler reduzieren. „Bisher läuft es gut. Ich mache auch mal Ausnahmen, bin aber zufrieden.“