400 Wohnungen für rund 1 000 Menschen werden auf dem ehemaligen Gelände der Acherner Glashütte entstehen. Aus der Luft bereits gut zu erkennen sind die Baugruben für die künftigen Tiefgaragen ebenso wie die Lage der Erschließungsstraßen. | Foto: ug

Stadthalle: Beschluss vertagt

Viel Arbeit auf Acherns größter Baustelle

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Eigentlich wollte die Acherner Stadtverwaltung mächtig Gas geben und den Bebauungsplan („Neues Wohnen an der Acher“) für das ehemalige Gelände der Glashütte im „beschleunigten Verfahren“ weiterführen. Doch es kam anders: Eine knappe Mehrheit des Gemeinderats stimmte  für eine Vertagung des Themas. Hintergrund ist die Debatte über den Neubau einer Stadthalle. Die Entscheidung soll noch vor der Sommerpause fallen.

Knappes Votum

Mit elf gegen zehn Stimmen und drei Enthaltungen votierte der Gemeinderat zu später Stunde für einen von Hans Jürgen Morgenstern (Freie Wähler) eingebrachten Vertagungsantrag. Man wolle eine Grundsatzentscheidung über den Standort für eine Stadthalle nicht unter Zeitdruck treffen. Wie berichtet, geht es um die Frage, ob die Stadt dafür ein Grundstück auf dem Glashüttengelände als „Platzhalter“ erwirbt oder nicht.

Alternativen sollen geprüft werden

Als Alternative gibt es nach Angaben der Stadtverwaltung das Angebot eines privaten Investors, der eine Halle bauen und diese dann der Kommune für einen Zeitraum von 30 Jahren gegen eine „Leasinggebühr“ vermieten würde. Eine weitere Möglichkeit eröffnete – wie ebenfalls berichtet – in der vergangenen Woche der Vorstoß einer Bürgerinitiative um den CDU-Fraktionsvorsitzenden Karl Früh und den Vertreter des Förderkreises Forum Illenau, Jürgen Franck: Sie präsentierte Pläne des Acherner Architekten Jörg Sandhacker, die eine Nutzung des ehemaligen Kirchenraums im Zentralgebäude der Illenau mit einer Kapazität von knapp 500 Sitzplätzen zum Inhalt haben.

„Wollen keinen Platzhalter“

Oberbürgermeister Klaus Muttach machte keinen Hehl aus seiner Auffassung, dass ein Engagement der Stadt auf dem Gelände der einstigen Glashütte wenig sinnvoll sei. Angesichts der zu erwartenden Kosten von zehn Millionen Euro allein für den Bau einer Stadthalle sei nicht zu erwarten, dass sich die Stadt das „in absehbarer Zeit“ leisten könne. Ähnlich sah dies die CDU-Fraktion: „Wir wollen keinen Platzhalter für eine Stadthalle auf dem ehemaligen O-I-Gelände,“ erklärte Karl Früh. ABL-Fraktionschefin Jutta Römer sah das nicht anders, beklagte aber, dass dem Gemeinderat derzeit zu wenig Informationen über die möglichen Alternativen vorliegen.

Nur für die Illenau gibt es einen Zuschuss

Tatsächlich existiert von dem Vorschlag der Bürgerinitiative nicht viel mehr als ein Plan, und Oberbürgermeister Klaus Muttach machte auch in
der Gemeinderatssitzung weder Angaben über den möglichen Standort einer „privat“ errichteten Stadthalle noch zur Identität des möglichen Investors. Klar ist nur, dass auch die auf 30 Jahre verteilten Mietkosten letztlich einen dem eigenen Engagement vergleichbaren Preis ergeben. Kostengünstiger könnten nur die Planungen in der Illenau realisiert werden, weil hier ein 50-Prozent-Zuschuss des Landes für Entlastung sorgen würde.

Erste Modellierungen erkennbar

Auf Acherns derzeit größter Baustelle sorgt derweil Stefan Gigl als Projektleiter der bayerischen Karl-Gruppe (Innernzell) für einen gewaltigen Zug. Nach dem Abbruch der Produktionsanlagen ist  mit der Sanierung der kontaminierten Böden ein gutes Stück vorangekommen, und erste Modellierungen sind auf dem gut elf Hektar großen Areal bereits erkennbar. Noch in diesem Jahr will die Karl-Gruppe mit den Erschließungsarbeiten beginnen, die ersten Hochbaumaßnahmen könnten dann Ende 2019 in Angriff genommen werden. Wie berichtet, entsteht auf dem Gelände der einstigen Glashütte ein komplett neues Stadtviertel mit rund 400 Wohnungen für 1 000 Menschen.

Der Projektleiter auf „seiner“ Baustelle: Stefan Gigl sorgt mit seinem Team für mächtig Dampf auf dem ehemaligen Glashüttengelände. | Foto: Michael Moos

„Das muss ich so akzeptieren“

Nicht einmal der vom Gemeinderat am Montagabend mit knapper Mehrheit herbeigeführte Vertagungsbeschluss kann Gigl bremsen: „Das muss ich so akzeptieren. Wenn tatsächlich in vier Wochen entschieden wird, hätten wir nur minimal Zeit verloren.“ Wäre alles wie geplant verlaufen, hätte der Gemeinderat den Abwägungsprozess über die im Rahmen des bisherigen Verfahrens eingegangenen Anregungen und Bedenken vorgenommen und beim Bebauungsplan „Wohnen an der Acher“ mit der Umstellung auf ein „beschleunigtes Verfahren“ einen Gang hochgeschaltet. Doch dann trat die Mehrheit des Gemeinderats auf die Bremse, weil die Mehrheit erst noch über die Frage der Reservierung eines Standorts für eine Stadthalle nachdenken will.

Im Zeitplan

Gigl setzt also weiter auf seinen Zeitplan: Er hofft, dass der Bebauungsplan im Oktober als Satzung beschlossen werden kann. Zuvor steht im August der Abschluss des städtebaulichen Vertrags an: Die Karl-Gruppe wird dabei, wie Gigl und Rolf Bertram als Leiter des Fachbereichs Stadtplanung und Tiefbau gestern bei einem Ortstermin auf der Baustelle bestätigten, die entscheidenden Forderungen der Stadtverwaltung umsetzen.

Verpflichtung zum Bau kostengünstiger Wohnungen

Dazu gehört die Selbstverpflichtung zum Bau des 15-Prozent-Anteils kostengünstiger Wohnungen ebenso wie die Übernahme von Infrastruk-turkosten. Wie berichtet, soll auf dem Glashüttenareal auch ein neuer Kindergarten gebaut werden. Das benötigte Gelände wird die Karl-Gruppe der Stadt übereignen und überdies einen Baukostenzuschuss leisten. Gigl lobte in diesem Zusammenhang ausdrücklich die „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ mit den Mitarbeitern in Stadtverwaltung und Landratsamt.

Intelligentes „Bodenmanagement“

Parallel zum baurechtlichen Verfahren treibt Gigl die Arbeiten auf der Baustelle voran. Nachdem Abschluss der Abbrucharbeiten und der Bodensanierung geht es nun um den Aufbau der Lärmschutzeinrichtungen. Und um das „Bodenmanagement“, auf das Gigl nicht ohne Stolz verweist. Um den Lastwagenverkehr bei der Erstellung der Gebäude zu minimieren, wurden der Aushub für die Tiefgaragen unter den künftigen „Wohnhöfen“ bereits getätigt. Diese Wohnhöfe sollen später als Einheiten an Investoren verkauft werden.

Einen zweistelligen Millionenbetrag investiert die Karl-Gruppe in die Beseitigung von Altlasten auf dem Gelände der ehemaligen Glashütte. | Foto: Michael Moos

Millionen für Bodensanierung

Auf dem Gelände der ehemaligen Glashütte läuft, wie Gigl gestern vor Ort erläuterte, an vier Stellen eine umfangreiche Maßnahme zur Beseitigung von Altlasten. Die Kosten allein dafür bezifferte er auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Man habe sich entschlossen, das Gelände komplett von Altlasten zu befreien – dabei geht es insbesondere um den Bereich des einstigen Schwerölhochtanks, in dem es vor Jahrzehnten offenbar einen Unfall gab, bei dem größere Mengen Öl in den Boden gelangten, ohne dass danach eine Säuberung angeordnet wurde. Hier seien polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK) beziehungsweise Chlorkohlenwasserstoffen (CKW) gefunden worden. Durch die Altlastensanierung werde nun verhindert, dass sich die Schadstoffe im Grundwasser verbreiten: „Es war Zeit, dass man sie rausholt“, so Gigl.

Biologisches Spezialverfahren

Die in einem biologischen Spezialverfahren unter Einsatz von Bakterien laufende Grundwassersanierung ist auf die Dauer von einem Jahr veranschlagt und soll im März 2019 abgeschlossen sein.

 

Zahlen und Fakten
Rund elf Hektar groß ist das Gelände der ehemaligen Glashütte. Der amerikanische Glasproduzent Owens-Illinois Inc. (O-I) hatte das Produktionswerk in Achern im Jahr 2013 geschlossen. Nachdem die „Glashütte“ ursprünglich prägend für das Erscheinungsbild und die Entwicklung der Stadt Achern war, stellte die Betriebsaufgabe – nicht nur wegen des Verlusts der Arbeitsplätze – die Stadt Achern auch städtebaulich vor eine besondere Herausforderung. 2015 erwarb die Karl-Gruppe (Innernzell) das Gelände, nachdem der Gemeinderat den Verzicht auf die Wahrnehmung des der Stadt zustehenden Vorkaufsrechts verzichtet hatte.
Der Gemeinderat hat für die Fortsetzung des Bebauungsplanverfahrens die Wahl unter zwei Varianten, die sich im wesentlichen durch Planung (Variante 2) oder Verzicht (Variante 1) auf die Reservierung einer Fläche für eine Stadthalle unterscheiden. Nach den vom Planungsbüro „Re2area“ (Esslingen) im Auftrag der Karl-Gruppe erarbeiteten Plänen sollen in dem Gebiet rund 45 600 Quadratmeter (Variante 1) beziehungsweise 50 200 Quadratmeter (Variante 2) Wohngebietsflächen, 13 700 beziehungsweise 6 600 Quadratmeter Mischgebietsflächen sowie 13 600 Quadratmeter „Urbanes Gebiet“ neu entstehen. Vorgesehen sind Gebäudehöhen zwischen neun Meter (Doppel- und Reihenhäuser), 12,50 Meter Geschosswohnungsbau, 13,50 Meter (Geschosswohnungsbau mit Gewerbe im Erdgeschoss) oder 14 Meter (Wohn- und Bürogebäude an der Fautenbacher Straße) vorgesehen.
Jeweils zwei Stellplätze sollen pro Wohneinheit in den Doppel- und Reihenhäusern als verpflichtend vorgegeben werden, 1,5 Stellplätze sind es bei den Geschosswohnungen. Der überwiegende Teil dieser Stellplätze soll dabei in Tiefgaragen untergebracht werden. Darüber hinaus sollen ca. 120 bis 125 oberirdische öffentliche Stellplätze entlang den Erschließungsstraßen hergestellt werden. Den Bauflächen stehen rund 22 800 Quadratmeter an Grünflächen Variante 1) oder 23 500 Quadratmeter (Variante 2) gegenüber. Hinzu kommen rund 2 000 Quadratmeter begrünte Stadtplätze als Aufenthaltsräume. Insgesamt sollen in dem neuen Quartier mehr als 120 hochstämmige Bäume gepflanzt werden – weitere Neupflanzungen sind entlang der Fautenbacher Straße vorgesehen.