In einem Modellprojekt begleiten Beate Eissele-Wössner und Julia Hauck (rechts) von der Stadtbibliothek Flüchtlinge bei einem virtuellen Deutschkurs. Harsh Singh Chawla (links) hat bereits teilgenommen und hilft Mohammad Sarwari (hinten) und Meet Singh. | Foto: Michaela Gabriel

Modellprojekt für Flüchtlinge

Virtuelles Klassenzimmer in der Acherner Stadtbibliothek

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Von Michaela Gabriel

Kopfhörer mit Mikrofon, ein Laptop und eine freundliche Mitarbeitern der Acherner Stadtbibliothek: So begann jetzt für zwei Flüchtlinge aus Afghanistan ein ungewöhnlicher Sprachkurs. Mohammad Sarwari und Meet Singh sitzen jetzt vier Wochen lang viermal pro Woche von 14 bis 16.45 Uhr im Rathaus Am Markt und sind Teil eines virtuellen Klassenzimmers. Ihre Lehrerin und ihre Mitschüler sind nur auf dem Bildschirm zu sehen. Sie lernen unter anderem in den Bibliotheken in Heilbronn, Reutlingen und Konstanz.

Modellprojekt des Bibliothekverbands

Schnell musste es gehen, wenn eine Bibliothek sich an diesem Modellprojekt des Deutschen Bibliotheksverbands /dbw) Baden-Württemberg beteiligen wollte. Beate Eissele-Wössner, Leiterin der Acherner Stadtbibliothek war schnell, bewarb sich, bekam eine Zusage und schon kurz danach zwei Koffer mit Laptops, Headsets und der passenden Software – kostenlos. „Ich fand, das ist eine gute Sache“, sagt sie. Der Bedarf nach Sprachunterricht sei groß und eine Bibliothek sei ein Ort, an dem allen Bürgern Bildung und lebenslanges Lernen ermöglicht werden solle.

Vierwöchiges Angebot

Der 22-jährige Harsh Singh Chawla aus Afghanistan absolvierte den ersten von drei virtuellen Deutschkursen im Rahmen des Modellprojekts von Mitte November bis Mitte Dezember. „Ich spreche jetzt ein bisschen mehr Deutsch“, sagt er. Seine Muttersprache sei Punjabi, aber er spreche auch Farsi und Englisch. Er sei mit dem virtuellen Klassenzimmer gut zurecht gekommen und freue sich, dass an dem jetzt laufenden Kurs sein Bruder Meet teilnehme, ergänzt Beate Eissele-Wössner. Weitere zwei Flüchtlinge, darunter eine Frau, starten das vierwöchige Angebot dann im Februar.

Ehrenamtliche Helfer eingebunden

In Achern habe man die richtigen Kandidaten gefunden, für die das Angebot gut passe, so die Leiterin der Stadtbibliothek. Das sei mit Hilfe der ehrenamtlichen Familienhelfer des Arbeitskreises Migration Achern (AMA) gelungen. Sie kennen die Flüchtlinge und wissen, wer einen Deutschkurs braucht und wer mit dem Computer umgehen kann. „Im ersten Kurs waren beide Teilnehmer immer pünktlich und jeden Tag da“, freut sich Beate Eissele-Wössner. Das sei in den anderen Städten, die am Modellprojekt teilnehmen, nicht selbstverständlich gewesen. Außerdem habe es in anderen teilnehmenden Bibliotheken Flüchtlinge gegeben, die mit dem Unterricht im virtuellen Klassenzimmer unter- oder überfordert waren.

Aufwand für die Mitarbeiter ist gering

Der Aufwand für die Mitarbeiter der Stadtbibliothek sei gering. Schon nach kurzer Zeit können die Asylbewerber selbstständig am virtuellen Unterricht per Laptop teilnehmen. Sie sprechen über Kopfhörer und Mikrofon mit der Lehrerin, die sie auf dem Bildschirm sehen, üben die Aussprache und bekommen Bestätigung. Danach seien die Teilnehmer motiviert, im Selbststudium weiter zu lernen, davon ist die Leiterin der Stadtbibliothek überzeugt.

Online-Lernplattform für alle

Das sei ab Februar mit einem weiteren neuen Angebot möglich: einer Online-Lernplattform. Nicht nur Flüchtlinge, sondern jeder, der einen Nutzerausweis habe, könne sich von überall ins Internet einloggen und einen Kurs belegen – etwa in Französisch, Spanisch, weitere Angebote gibt es für Gesprächsführung oder für ein Computerprogramm.