Hans Römer war von 1929 bis 1940 Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Illenau. | Foto: Stadtarchiv Achern

Dunkle Wolken über der Illenau

Vom „Kriegsveteran“ zum „Anstaltspatienten“

Knapp 100 Jahre hatte die 1842 durch das Land Baden gegründete Heil- und Pflegeanstalt Illenau Bestand. In
diesem Jahr feiert die Stadt Achern das 175-jährige Bestehen. Der Acher- und Bühler Bote widmet sich in einer Serie verschiedenen Aspekten der Geschichte und der Gegenwart der Illenau.

Von Michael Karle

Ob Geisteskrankheiten, die im Krieg auftreten, genetisch und durch „schwachen Willen“ bedingt oder Folge von Erlebnissen“ sind, lautete die Frage, die beim Fachkongress des deutschen Vereins für Psychiatrie und der Gesellschaft deutscher Nervenärzte 1916 in München und nach dem Krieg in zahlreichen gutachterlichen Stellungnahmen von hochrangigen Vertretern der Psychiatrie gestellt wurde. Hans Römer, 1906 als Hilfsarzt in die Acherner Heil- und Pflegeanstalt Illenau gekommen, hatte eine menschenfreundlichere und aus heutiger Sicht modernere Haltung als die große Mehrheit seiner Fachkollegen.

Nach Kriegseinsatz schizophren

Besonders spannend mag die Frage mit dem Medizinhistoriker Philipp Rauh an der gutachterlich zu entscheidenden Entschädigungsfrage für den 1896 geborenen Theodor H. nachvollzogen werden. Theodor H. hatte nach drei Jahren Kriegseinsatz 1917 im Reservelazarett der psychiatrischen Klinik in Freiburg die Diagnose „Schizophrenie“ erhalten. Nach dann 23 Jahren in der Heil- und Pflegeanstalt Konstanz und weiteren Anstalten wurde Theodor H. wie 70 000 weitere Psychiatrie-Patienten im gesamten deutschen Reich und etwa 260 aus der Acherner Illenau umgebracht.

Als Gutachter gefragt

Hans Römer war wie Alfred Hoche nach dem ersten Weltkrieg als Gutachter gefragt. Laut Heeresbericht waren zwischen 1914 und 1918 mehr als 600 000 Soldaten wegen „Erkrankungen des Nervengebiets“ in Lazarettbehandlung. Schon kurz nach Beginn des Kriegs reagierten viele Soldaten „auf das Erlebte mit Lähmungen einzelner oder mehrerer Gliedmaßen … wurden blind oder taub, zuckten, zitterten, verstummten oder brachen psychisch zusammen“, schreibt Philipp Rauh.

Als „Kriegszitterer“ verunglimpft

Die Diskussion über sogenannte „Kriegszitterer“ in den Jahren 1916/17 habe eine damals gültige Klärung insofern gebracht, dass die „traumatische Neurose“ nun als „psychogene Erkrankung statt als somatische Erkrankung neu definiert wurde. Praktisch äußerte sich die Anwendung dieser Definition bei nicht wenigen „Zitterern“ in einer Rücksendung an die Front, denn eine psychogene Erkrankung führte nicht zur Wehruntauglichkeit. 1918 benutzten Versicherungsträger diese Definition ebenfalls zur Ablehnung der Rentenforderung von heimgekehrten „Kriegszitterern“.

Alfred Hoche war Vordenker der NS-Euthanasie | Foto: Biographisches Archiv der Psychiatrie

Vordenker der NS-Euthanasie

Alfred Hoche war nach einem Medizinstudium in Berlin, einer Assistentenzeit an der Heidelberger Irrenanstalt und danach an der Universität Straßburg nach Freiburg gekommen. Von 1902 bis 1933 war Hoche Ordinarius der Universitätspsychiatrie und zugleich Leiter der psychiatrischen Klinik, verfasste 1920 sein Werk „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form“. Dieses sollte später dem Nationalsozialismus zur Begründung für den Massenmord an seelisch Kranken dienen.
Hoches Antwort auf die für die Versicherung, das Ansehen und die Versorgung des Soldaten relevante Fragestellung einer genetischen Bedingung oder der Krankheit als Folge der Kriegserlebnisse war eindeutig: Die Krankheit des ehemaligen Soldaten ist genetisch bedingt. Der Vordenker der NS-Euthanasie, selbst Teilnehmer des ersten Weltkriegs, betrachtete die „Rentenansprüche der psychisch kranken Soldaten zunehmend als Finte der Sozialdemokratie um Soldaten im Hinterland zu behalten und den Krieg zu verkürzen“, schreibt Rauh.

Leitung 1929 übernommen

Hans Römer, geboren 1878 als Sohn eines Pfarrers in der Nähe von Stuttgart, war 1906 als Hilfsarzt in die Illenau gekommen. 1914 wurde Römer in den Kriegsdienst eingezogen, war zuletzt auch in Lazaretten an der Somme und bei Verdun im Einsatz, wo auch der Soldat Theodor H. war. Nach dem Krieg, so ist bei Anna Plezko zu lesen, war Römer in Reservelazaretten an der psychiatrischen Klinik in Heidelberg, in Triberg und von 1918 bis 1921 am Sonderlazarett an der Heil- und Pflegeanstalt in Konstanz, ehe er am 29. Januar 1929 die Leitung der Heil- und Pflegeanstalt Illenau übernahm.

Umweltbeeinflussung nicht ausgeschlossen

In seinem als Leiter des Sonderlazaretts in Konstanz am 10. Juli 1919 verfassten Gutachten zum Entstehen der Schizophrenie des Soldaten Theodor H. betont Römer, dass eine Umweltbeeinflussung nicht ausgeschlossen werden kann und hob den Zusammenhang zwischen der Verschüttung infolge der Granatexplosion und dem Ausbrechen der psychischen Krankheit bei H. hervor. „Dieses Gutachten hatte zur Folge, … dass er (Theodor H.) einen Versorgungsanspruch erhielt.“

Ehrenrechte aberkannt

Ein drittes Gutachten fertigten 1939 zwei Fachärzte aus Emmendingen über Hoches Krankheit an. Eindeutig wird hier der inzwischen vollzogene Paradigmen- und Politikwechsel deutlich. „Es besteht … keine Wahrscheinlichkeit, dass die Geisteskrankheit in einem ursächlichen Zusammenhang mit dem geleisteten Heeresdienst steht.“ Mit der Aberkennung der Ehrenrente verlor Theodor H. den Status eines Kriegsveteranen und wurde zu einem psychisch kranken „Anstaltspatienten“ wie alle anderen auch“, beschreibt Philipp Rauh die weitere Entwicklung zur sogenannten T 4-Lösung.

Einsatz für „Frühentlassung“

Hans Römer indes setzte sich in den 1910er und -20er Jahren für die „Frühentlassung“ von Psychiatriepatienten ein. „Verschiedene Nachuntersuchungen hätten gezeigt, dass vorzeitig und gegen ärztlichen Rat entlassene Kranke hinsichtlich Rückfall, Gewalttätigkeit und Selbstmord günstigere Verläufe aufwiesen als solche, die mit ärztlichem Einverständnis entlassen worden waren“, berichtet Heinz Faulstich in seinem Werk „Von der Irrenfürsorge zur Euthanasie“.