150 Millionen Euro müsste der Kreis mittelfristig für den Erhalt seines Krankenhauses in Offenburg ausgeben. | Foto: Heck

Kontroverse im Ortenaukreis

Vor der Klinikreform kommen erstmals Zahlen auf den Tisch

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Eine Krankenhausreform mit Erhalt des Standorts Achern würde dem Ortenau Klinikum mittelfristig deutlich mehr Patienten bescheren. Nach einem Positionspapier der Beraterfirma Lohfert & Lohfert läge die Fallzahl bei nur drei Häusern (Lahr, Offenburg und Wolfach) bei knapp 80 500 im Zieljahr 2030, mit dem Festhalten an der Klinik in Achern und deren Ausstrahlung nach Norden hingegen knapp 2 000 Fälle darüber. Zum Vergleich: 2016 waren es knapp über 78 000 Fälle kreisweit. Erstmals liegen damit Zahlen auf dem Tisch. Überraschend dabei: Angesichts hoher Investitionskosten im teilweise sanierungsbedürftigen Bestand wäre ein Erhalt der acht verbliebenen Krankenhäuser im Grunde genauso teuer wie ein Neubau auf der grünen Wiese.

Gutachten kommt am Donnerstag

Das interne Papier, aus dem diese Daten stammen, diente der Steuerungsgruppe des Kreistags in den vergangenen Wochen als Diskussionsgrundlage. Am Donnerstag werden Lohfert & Lohfert ihr im Auftrag des Kreises ausgearbeitetes Gutachten vorstellen. Darin geht es vor allem um die Frage, ob die als „Agenda 2030“ deklarierte Klinikreform drei oder vier Standorte zum Ziel hat. Für Achern müssten die Volksvertreter zudem entscheiden, ob bei einem Erhalt des Hauses ein Anbau oder ein kompletter Neubau geboten sind. Auch dazu haben die Gutachter inzwischen Zahlen vorgelegt.

Investitionen unterscheiden sich kaum

Demnach wären nach einem ersten Entwurf die Investitionskosten für alle vier Varianten – den Erhalt des Status quo, die Reduzierung auf drei Häuser sowie vier Klinikstandorte alternativ mit Neubau oder nur Anbau in Achern – finanziell in der selben Größenordnung angesiedelt: bei etwa einer halben Milliarde Euro. Die teuerste und die billigste Variante unterscheiden sich lediglich um rund zehn Prozent der Baukosten.
Abschließend sind diese Zahlen noch nicht. Bei dem Papier, das dieser Zeitung in einer Variante von Ende Februar 2018 vorliegt, handelt es sich zunächst um einen internen Entwurf, der sich möglicherweise in einigen wichtigen Details bis zum Abschluss des Gutachtens noch verändern wird. Dennoch ist klar: Die Variante mit dem Erhalt des Standorts Achern bietet auch wegen der Ausstrahlung in den Landkreis Rastatt einige Vorteile. Und sie ist, zumindest beim Verzicht auf einen Neubau, nicht einmal die teuerste, wenn man die Investitionskosten betrachtet; dies obwohl knapp 100 Betten zusätzlich geschaffen würden.

Achern als Knackpunkt

Die Standorte Lahr und Wolfach gelten wie mehrfach berichtet als gesetzt. Deshalb hat sich die Debatte über die „große“ Klinikreform in den vergangenen Monaten auf eine Frage zugespitzt: Werden die Gutachter den Erhalt des Standorts Achern befürworten oder nicht? In der dieser Zeitung vorliegenden Modellrechnung unterscheiden sich die beiden Varianten vor allem durch die daraus abgeleitete Größe des Offenburger Hauses, das aber unabhängig von der Bettenzahl in beiden Varianten zu einer Klinik der Maximalversorgung ausgebaut werden soll. Diese könne so oder so kostendeckend betrieben werden, urteilen die Gutachter.

Mehr Betten dank Achern

Derzeit hat das Ortenau Klinikum 1 527 Betten; Die Variante 1 mit lediglich drei Standorten sähe demnach den Ausbau auf 1 583 Betten vor, mit mehr als 1 000 in Offenburg, 437 in Lahr und 77 in Wolfach. Die Alternative mit vier Standorten schlägt Offenburg 871 Betten zu, 234 wären für Achern vorgesehen, etwas mehr als die 214, die die beiden Häuser Achern und Oberkirch derzeit zusammen haben.

Für Lahr nur „Leuchttürme“

In beiden Entwürfen wäre Offenburg Standort der Maximalversorgung, Lahr hingegen nur ein von den Gutachtern so genannter „Schwerpunktversorger mit Leuchttürmen“. Achern fiele die Rolle der Grund- und Regelversorgung „mit elektiven Schwerpunkten“ zu. Entsprechend auch die Zuordnung der Abteilungen bei einer Reform: Bei drei Standorten würden die Leistungen aus Achern, Oberkirch, Kehl und Gengenbach fast vollständig Offenburg zugeschlagen, bei der Variante mit vier Kliniken erhielte Achern einen Teil der Aufgaben aus Kehl und Oberkirch, mit Schwerpunkten unter anderem bei Orthopädie und Wirbelsäulenchirurgie. Auch eine Geburtshilfe soll erhalten bleiben.

Maximal 30 Minuten ins Krankenhaus

Beiden Varianten ist laut Gutachtern eines gemein: 90 Prozent der Menschen im Kreis können innerhalb von 30 Minuten ein Krankenhaus mit „operativem und konservativem Versorgungsspektrum“ erreichen.

Der Kreistag soll noch vor der Sommerpause eine Entscheidung treffen. Ob und in welchem Umfang sich diese noch an den Vorgaben der Agenda 2030 orientiert, steht aber dahin – in den vergangenen Wochen hatten sich Stimmen aus den Kreistagsfraktionen gehäuft, in denen gefordert wird, das Gutachten nicht als „Evangelium“ zu betrachten. Ein Erhalt weiterer Standorte beispielsweise durch gezielte Schwerpunktsetzung in einzelnen Bereichen ist eine Alternative, die derzeit offenbar hinter verschlossenen Türen intensiv diskutiert wird.