Die deutschen Wälder leiden nicht nur unter Trockenheit und Schneebruch - der Borkenkäfer ist auch bald im Anflug. | Foto: Philipp Fess

Waldschäden: zufällige Nutzung

Wälder im Achertal ächzen unter Doppelbelastung

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73 Millionen Raummeter Schadholz durch Trockenheits-, Sturm- und Insektenschäden sind der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg zufolge im vergangenen Jahr angefallen. Auch in Baden-Württemberg waren drei Millionen Festmeter Wald betroffen. Dieses Jahr könnte die Wälder der Region, die unter dem heißen Sommer und Schneebrüchen im Januar zu leiden hatten, auf eine noch gewaltigere Belastungsprobe stellen.

Der einzige Lichtblick an diesem Vormittag, an dem die Szenerie wie auch die Stimmung des Seebacher Waldbesitzers Ralf Decker gleichermaßen eingetrübt sind, ist ein metaphorischer: „Bei diesem Wetter kann sich der Wald gut erholen“, sagt Theo Blaich, Forstrevierleiter des Achertals.

Man sieht die Arbeit von 20 Jahren davon fliegen

Borkenkäfer brütet in Totholz

Das muss er auch. Denn nach der extremen Trockenheit im vergangenen Jahr setzte der Januar dem Wald mit Schnee- und Eisbruchschäden zu, und die nun drohende Vermehrung des Borkenkäfers im sogenannten Totholz stellt eine zusätzliche Belastung für die Waldbesitzer in der Region dar.

Ralf Decker zeigt die Brutstätte des Borkenkäfers in der Rinde eines Baumes. Neben der großen Kerbe des Muttertiers sind hier auch gut die Fraßgänge der Larven zu erkennen | Foto: Philipp Fess

Holzqualität dürftig

„Man sieht die Arbeit von 20 Jahren davon fliegen“, konstatiert Ralf Decker niedergeschlagen. Der Schlepper, mit dem er in mühsamer Einzelarbeit „nur die gröbsten“ Holzleichen aus dem Wald befördert, parkt neben Unmengen von Holzblöcken, die sich aufgrund von bereits eingetretener Fäulnis oder Pilzbefall höchstens noch als „Verpackungsholz“ verkaufen lassen. „Fast zum Brennholzpreis“, äußert auch Theo Blaich nicht ohne Bedauern. Den Normen der Holzverarbeitung wird das verfärbte und zum Teil bereits aufgeweichte Material nicht mehr gerecht.

Trübe Aussichten: Waldbesitzer Ralf Decker und Förster Theo Blaich bei der ernüchternden Bestandsaufnahme. Decker blickt auf die beiden Fichten im Hintergrund, die durch Schneebruch im Januar ihre Wipfel verloren haben. | Foto: Philipp Fess

Kampf gegen die Zeit

Ralf Decker führt nun einen aussichtslosen Kampf gegen die Zeit. Er muss möglichst viele seiner Bäume fällen, die dann möglichst schnell unter die Leute gebracht werden müssen, bevor mit den milden Temperaturen auch der unliebsame „Käfer“ kommt.

Dreifache Menge Holz

Mindestens 400 Festmeter Brüche, schätzt Decker, sind abzutransportieren. Das sind fast dreimal so viel wie zu dieser Zeit normalerweise geschlagen werden. Damit sei er mindestens bis Ende Mai beschäftigt. Und dann bleiben immer noch die vom Schneebruch entkronten Bäume, von denen sich nicht alle werden erholen können.

Auch Nachwuchs betroffen

Besonders ärgerlich ist, dass auch der Nachwuchs, die jungen Bäume, ihre Spitzen verloren haben. Das reißt ein Loch in die Pläne zur Waldverjüngung. Ralf Decker weiß schon jetzt: dem Käfer kommt er nicht hinterher. „Letztes Jahr waren 180 Festmeter befallen. 200 Festmeter in diesem Jahr wären eine optimistische Schätzung“, sagt der Waldbesitzer.

Der Wald leidet unter Stress

Fachbegriff „zufällige Nutzung“

„Zufällige Nutzung“ heißt die Mehrbelastung im Fachjargon etwas harmlos. Yvonne Chtioui von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg zufolge sind vergangenes Jahr in Mitteleuropa etwa 73 Millionen Raummeter Schadholz durch Trockenheits-, Sturm- und Insektenschäden angefallen, davon 27 Millionen in Deutschland, drei Millionen alleine in Baden-Württemberg.

Stress lässt Bäume nadeln

Wie Förster Blaich bestätigt, hat sich der Waldboden in einer Tiefe von drei Metern immer noch nicht von der Dürre erholt. Deshalb liegen am Donnerstag frische Nadeln auf den Waldwegen, normalerweise nadeln die Bäume erst im Herbst. „Das ist Stress“, weiß Blaich.

Alle wollen was vom Wald

Holzmarkt überschwemmt

Die Auswirkungen für die Wälder seien schlimm genug, erschwerend hinzu komme aber noch, dass der Holzmarkt durch die europaweiten Schäden hoffnungslos überflutet und der Holzpreis entsprechend gedrückt werde. Der Wald, Zentrum des „Wertschöpfungsclusters“ um Tourismus, Holzindustrie, Artenschutz und Grundwasserreinigung – „alle wollen was vom Wald“ ist Blaichs Wahlspruch – und seine Besitzer verdienten mehr Unterstützung. „Auch durch die Politik“, pflichtet Ralf Decker bei.