Wer einen Pflegeplatz im Raum Achern haben möchte, muss sich Wartezeiten einstellen. | Foto: Oliver Berg/dpa

Bedarf gedeckt?

Pflegeplätze im Raum Achern: Wartezeiten sind unvorhersehbar

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Altenpflegeplätze gibt es im Raum Achern genug. Das könnte man nach einem Blick auf die tatsächlichen Plätze und die errechneten Bedarfseckwerte für das Jahr 2025 meinen. Doch die Realität in den Pflegeeinrichtungen sieht anders aus.

Bedarf soll 2025 gedeckt sein

Der Sozialausschuss des Ortenaukreises errechnete diese Bedarfseckwerte anhand der landesdurchschnittlichen Pflegequote und der voraussichtlichen kreisspezifischen Bevölkerungsentwicklung. Es handele sich um einen Orientierungswert, der jedoch kein Indikator für eine Bedarfsdeckung vor Ort sei, heißt es in Unterlagen aus einer Sitzung des Sozialausschusses Mitte Oktober.
Zum Stichtag am 31. März dieses Jahres, als die Pflegeplätze gezählt wurden, habe es 863 im Acher-Renchtal gegeben. In den 12 bis 24 folgenden Monaten sollen insgesamt 73 Plätze hinzukommen. Das heiße, 2019/20 gebe es voraussichtlich 936 Plätze. Der Bedarf für 2025 werde auf 773 Plätze geschätzt. Somit gebe es eine Überdeckung.

Bald 82 neue Plätze im Bereich Achern

Im Bereich Achern – dazu zählen neben Achern auch Kappelrodeck, Lauf/Sasbach, Ottenhöfen, Sasbachwalden und Seebach – liege der Bedarf im Jahr 2025 bei 456 Pflegeplätzen. Der Bestand in den sieben Einrichtungen und dem Anteil im Pflege- und Betreuungsheim Ortenau lag im März 2018 allerdings nur bei 440. Insgesamt sollen laut Planung bis 2019/20 82 Plätze dazukommen, während im Renchtal Plätze abgebaut werden.

Mehr Anfragen als Betten

Die scheinen dringend nötig zu sein, denn Pflegebedürftige im Raum Achern müssen teils mehrere Monate auf einen Platz warten. „Grundsätzlich gibt es viel mehr Anfragen als Plätze“, bestätigt Patrick Vilmin, Hausdirektor des Hauses am Marktplatz in Kappelrodeck. „Im Schnitt stehen acht bis elf Personen auf der Warteliste.“ Wie lang diese warten müssten, lasse sich nur schwer einschätzen: „Wir hatten auch schon Leute, die zwei bis fünf Monate warten mussten“, erzählt Vilmin. Ungefähr 40 bis 50 Prozent, also ungefähr die Hälfte der 40 Heimbewohner, versterbe im Laufe eines Jahres und neue rückten nach.

Schwankende Bewerberzahlen

„Das Pflegeheim Erlenbad ist mit seinen 60 Plätzen seit der Eröffnung im Mai 2007 durchgehend voll belegt und ausgelastet“, berichtet dessen Leiter Martin Meier. Die Bewerberzahlen auf der Warteliste schwankten, weil sie davon abhingen, „ob Interessierte auch bei anderen Pflegeeinrichtungen angefragt und dann vorzeitig einen Heimplatz erhalten haben und bei uns wieder absagen.“ Neue Aufnahmen seien nur nach dem Tod eines Bewohners möglich. „Das kann aus Erfahrung teilweise kurzfristig erfolgen, aber auch mehrere Wochen dauern“, so Meier.

Wartezeiten sind unterschiedlich

Die Villa Antika in Achern ist wie die anderen Heime voll. „Wartezeiten sind nicht kalkulierbar“, meint Heimleiter Simon Bisinger. Von einer Woche bis zu mehreren Monaten sei alles möglich. „Wenn möglich, nehmen wir zum Teil auch Notfälle auf“, berichtet er. Bisinger hat die Erfahrung gemacht, dass viele sich schon prophylaktisch auf Wartelisten setzen lassen, ohne akuten Bedarf zu haben. Die Situation sei ein großes Problem für das Heim, weil es selbst so nicht kalkulieren könne. Der Leiter rät Betroffenen, sich rechtzeitig zu kümmern und mit dem Pflegeheim in Kontakt zu bleiben.

Nachrücken nur im Todesfall möglich

Im Seniorenheim am Kurpark in Ottenhöfen können zurzeit bis zu 51 Personen untergebracht werden. „Wir sind voll belegt“, sagt Heimleiterin Melanie Roloff. Auf der Warteliste stünden zudem noch zehn Leute. Es sei unvorhersehbar, wann sie nachrücken können. „Das kommt immer ganz darauf an, wie schnell jemand stirbt. Mal sind das zwei Tage, es können aber auch mal zwei Monate sein“, erzählt sie.

Belegungssituation ändert sich schnell

Franz Armbruster, Einrichtungsleiter der Seniorenresidenz Haus Straßburg in Sasbachwalden, erklärt, dass die Wartezeiten immer unterschiedlich sind: „Das liegt daran, dass es keine kontinuierliche Nachfrage gibt.“ Somit ändere sich die Lage schnell. „Im Moment ist die Belegungssituation gut, das kann übermorgen aber schon ganz anders sein.“ Im Monat gebe es im Haus Straßburg sechs bis acht Aufnahmen. Länger als 14 Tage müssten die Interessierten nicht auf der Warteliste stehen. „In der Ferienzeit ist die Nachfrage immer höher, weil dann die Angehörigen in den Urlaub fahren“, berichtet Armbruster.

Fehlen auch in Zukunft Plätze?

„Auch bei uns ist die Nachfrage größer als das Angebot“, sagt Sabine Fronz vom Altenpflegeheims St. Franziskus in Achern. Dass es Engpässe in der mit 114 Betten vergleichsweise großen Einrichtung gibt, sei nicht zuletzt Folge eines veränderten Verhaltens der Betroffenen: „Der Umzug in ein Pflegeheim wurde früher längerfristiger geplant“. Dass Pflegeplätze auch in Zukunft fehlen werden, ist nach ihren Worten aber auch eine Folge der Landesheimverordnung, die den Abbau von Doppel- zugunsten von Einzelzimmern verlange.