Leselernhelfer
Was steht da? Lesen und gleichzeitig den Sinn des Texts erfassen, fällt vielen Kindern schwer. Das kann sich nicht nur in der Schulzeit, sondern auch später in verschiedenen Lebensbereichen auswirken. | Foto: Andreas Endermann

Nicht nur Bücherratten schaffen

Warum ein Verein Grundschüler im Hanauerland beim Lesenlernen unterstützt

Anzeige

Lesen und gleichzeitig verstehen, das da geschrieben steht, fällt vielen Kindern schwer. Die Leselernhelfer Kehl/Hanauerland unterstützen deshalb Grundschüler unter anderem in Rheinau. Dass noch mehr dahintersteckt, verrät die Vorsitzende im Interview.

Buchstaben erkennen, zu Wörtern zusammensetzen und dann am Ende auch noch verstehen, was der ganze Satz eigentlich bedeuten soll – damit haben Studien zufolge viele Kinder Probleme. Der Verein „Mentor Leselernhelfer Kehl/Hanauerland“ will das ändern und unterstützt seit eineinhalb Jahren Grundschüler in Rheinau, Kehl und Willstätt beim Lesenlernen.

Was alles dahintersteckt

Dabei geht es um mehr als darum, aus den Kindern kleine Bücherwürmer zu machen: Was noch dahintersteckt, hat die Mitinitiatorin und Vorsitzende des Vereins, Gudrun Stapenhorst, im Gespräch mit Redakteurin Stefanie Prinz erklärt.

Welche Schwierigkeiten haben die Kinder, die von den Lese-Mentoren betreut werden?

Gudrun Stapenhorst: Buchstaben und Wörter zu erfassen und gleichzeitig den Sinn zu verstehen, ist für viele Kinder eine große Anstrengung: Sie sind nach zehn Minuten überanstrengt, sodass man zwischendurch etwas Anderes mit ihnen machen muss. Wenn ich nicht gut lesen kann und den Inhalt nicht richtig verstehe, nennt man das funktionalen Analphabetismus. Damit haben laut der jüngsten Studien 20 Prozent der zehn- bis 15-jährigen Kinder große Probleme. Ein Kind, das gerne liest, lernt leichter in der Schule.

Auf diese Studien bezieht sich auch die Kinderbuchautorin Kirsten Boie, die dazu gesagt hat: „Diese Menschen stehen außerhalb der Gesellschaft; Lesen ist das Nadelöhr in unsere Gesellschaft“.

Mehr zum Thema: Schlechte Noten bei Pisa: Lesen ist die Eintrittskarte für alles Weitere

Stapenhorst: Es gab schon immer lernschwache Kinder. Früher kamen sie irgendwie durch die Grund- oder Volksschule und lernten später zum Beispiel noch einen Handwerksberuf, den man heute etwa ohne Mittlere Reife gar nicht mehr bekäme. Unter den Mentoren haben wir einen Mann, der immer den Kopf darüber geschüttelt hat, als er mitbekam, wie gelernte Monteure Probleme mit dem Lesen von Bauanleitungen hatten – das hat ihn so aufgeregt, dass er zu uns gekommen ist.

Warum ist genau dieses Können – Lesen und gleichzeitig Verstehen – für die Schüler so wichtig?

Stapenhorst: Lesen ist die Grundlage allen weiteren Lernens: Erst wenn ich das kann, verstehe ich zum Beispiel Mathematikaufgaben, lerne eine Fremdsprache und kann mir eine eigene Meinung bilden. Aber Lesen ist nicht nur das Erkennen von Buchstaben, sondern meint auch das „Lesen“ von Bildern und das Erfassen ihres Sinns: In einem Buch für kleinere Kinder ist zum Beispiel eine gemalte Ente zu sehen, später steht da nur noch das Wort „Ente“. Dann bedeutet Lesen im Prinzip das Identifizieren von Buchstabenkombinationen als Bilder, und die kann ich durch Üben irgendwann auf einen Blick und fast fotografisch erfassen. Das braucht Training – aber mittlerweile gibt es viele Haushalte, in denen „Buch“ ein Fremdwort ist.

Gudrun Stapenhorst
Gudrun Stapenhorst ist die Vorsitzende und Mitinitiatorin des Vereins. | Foto: privat

Sehen Sie da bei den Kindern Unterschiede im Vergleich zu früher?

Stapenhorst: Viele Kinder haben heute auch Probleme mit ihrer Körperlichkeit, können nicht auf einem Bein stehen, geschweige denn Schuhe zubinden – das war früher Teil des Schultests. Buchstaben haben auch etwas mit Dreidimensionalität und einer gewissen Körperlichkeit zu tun: Ist das, was ich da sehe, rund, eckig oder gerade? Außerdem wird heute zu Hause nicht mehr viel vorgelesen. Die Kinder hören stattdessen ein Hörspiel oder einen Film, aber dabei bekommt man, im Vergleich zum Vorlesen, nicht mit, ob das Kind mithört oder abdriftet. Dann kommen heute mehr Kinder von Migranten dazu, die schlecht Deutsch lernen und sprechen, weil sie in ihren Mikrokosmen leben und fast ausschließlich ihre Heimatsprache sprechen. Aber auch „Deutsch-Ureingeborene“ haben Probleme; der Anteil der Kinder bei uns ist ungefähr 2:1.

Auch interessant: Im Coder Dojo in Karlsruhe lernen Kinder zu programmieren

Wie kann es sein, dass so ein wichtiges Thema von Ehrenamtlichen angepackt wird anstatt von Schulen, anderen Einrichtungen oder Eltern?

Stapenhorst: Unser Schulsystem in Deutschland und Baden-Württemberg ist eine Katastrophe: Es ist nicht mit der Zeit gegangen. Ein Beispiel war das „Schreiben nach Gehör“: Wenn sich in der sensiblen Zeit des Lesen- und Schreibenlernens Wörter auf diese Weise falsch einprägen, hinkt das ein Leben lang hinterher. Die Kinder selbst können nicht viel dafür, wenn es bei ihnen in dem Bereich klemmt. Warum machen das Ehrenamtliche? Weil es zu wenige Grundschullehrer gibt.

Wie läuft die Förderung durch den Verein ab?

Stapenhorst: Wir haben Kooperationsvereinbarungen mit den Schulen, es sind also schulische Veranstaltungen während der Unterrichtszeit. Die Klassenlehrer suchen die Schüler aus, für die das Angebot gut sein könnte, die Eltern müssen zustimmen. Ein Kind wird einmal in der Woche eine Schulstunde lang einzeln betreut, aber nicht in Form von Nachhilfe mit Unterrichtsstoff oder als Hausaufgabenbetreuung, sondern wir greifen die Interessen der Kinder auf. Es wird auch vorgelesen, gemeinsam gelesen und dann darüber gesprochen, oder es wird zur Auflockerung ein Spiel gespielt. Für jede Förderstunde gibt es einen Stempel im Lesepass und, wenn der Pass voll ist, als Dankeschön ein Buch von uns. Für viele Kinder ist es traurigerweise das erste eigene Buch, abgesehen von den Schulbüchern. Wir fangen meistens unter ihrem Niveau an, damit die Kinder merken, dass sie doch ein bisschen lesen können. Sie genießen die Einzelzuwendung und das Lob – Tadel gibt es hier nicht. Aber auch die Leselernhelfer profitieren: Viele sagen, dass sie nicht gedacht hätten, wie schön das ist, wenn sich jemand bei ihnen bedankt.

Ungefähr 40 Mentoren in Ihrem Verein betreuen etwa 80 Kinder. Wie wird man Leselernhelfer?

Stapenhorst: Machen kann das jeder, der selber Spaß am Lesen hat und sich gerne mit Kindern beschäftigt. Man sollte aber mindestens ein Schuljahr lang dranbleiben, weil jeder Mentor immer dieselben Kinder betreut. Es gibt eine verpflichtende Einführungsschulung über rechtliche Fragen, Versicherung und Besonderheiten beim Lesenlernen. Der nächste Termin ist am 14. März. Interessenten können uns vorher bei Mentoren-Cafés kennenlernen: zwischen 15 und 17 Uhr jeweils dienstags am 11. Februar im Café Rapp in Kehl, am 18. Februar im Mühlencafé in Willstätt und am 3. März in der „World of Living“ von Weber-Haus in Rheinau.

Kontakt:
Telefon: (0 78 51) 7 95 99 31