DDR-Übersiedler in Sasbach
Über Ungarn und Passau ging es für 50 Übersiedler direkt nach Sasbach ins Seminar Sankt Pirmin. | Foto: Roland Spether

Vor 30 Jahren in Sasbach

Welle der Hilfsbereitschaft für DDR-Übersiedler

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„Den Fall der Mauer haben wir im Fernsehen gesehen – und wir haben uns sehr darüber gefreut“. Das Ehepaar Gabriele und Helmut Rolle erinnert sich noch sehr genau an den 9. November 1989, als der „Eiserne Vorhang“ fiel, die Mauer an der innerdeutschen Grenze sich öffnete und Tausende von Menschen aus der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) in die Freiheit strömten. Zu diesem Zeitpunkt war das Ehepaar mit seinen vier Kindern schon zwei Monate in der Freiheit: Die Familie gehörte vor genau 30 Jahren zu den DDR-Flüchtlingen, die am Abend des 13. September 1989 im Seminar St. Pirmin in Sasbach in einem Bus mit 50 Personen eintrafen.

Von Roland Spether

Morgens um 7 Uhr waren sie in der deutschen Botschaft in Budapest gestartet; über Passau wurde ihr Bus nach Sasbach beordert. Wenige Wochen später fanden Übersiedler auch im Gasthaus „Löwen“ in Oberachern und im „Seehotel“ in Achern eine erste Bleibe. Der Acher- und Bühler Bote berichtete am 31. Oktober 1989, dass in den drei genannten Häusern bislang 230 ehemalige DDR-Bürger aufgenommen wurden.

DDR-Übersiedler in Sasbach
Im einstigen „Seehotel“ fanden Übersiedler aus der ehemaligen DDR vor 30 Jahren eine Unterkunft. | Foto: Roland Spether

Viele Erinnerungen an das Jahr 1989 wurden lebendig, als die Journalistin Caroline Haro-Gnändinger vom Referat Kommunikation der Erzdiözese Freiburg jetzt zu Gast bei Familie Rolle in Lauf war und Interviews führte. Mit dabei war Krimhild Lorenz-Selinger, die damals Sekretärin im Seminar St. Pirmin war und durch ihr großes Engagement dazu beitrug, dass die 50 neuen Hausbewohner an jenem 13. September ein Bett, etwas Warmes zu essen, Kleidung und all das bekamen, was nötig ist. Denn die meisten hatten bei ihrer Flucht aus der DDR nach Ungarn nur wenige Habseligkeiten mit dabei. Bei vielen waren es nur ein Rucksack und Plastiktüten, denn kurz zuvor waren sie „nur“ zum Camping nach Ungarn gereist und nutzten dann das Schlupfloch durch Stacheldraht und Todesstreifen.

Landen die Übersiedler in einem Kloster?

„Mama, rate mal wo ich bin?”. Diese Frage stellte ein junger Mann am Abend des 13. September aus einer Telefonzelle in Sasbach an seine Mutter in der DDR und löste schnell das Geheimnis auf: „Ich bin im Schwarzwald”. Am Abend gab es ein frohes Beisammensein in der Aula. Dass sie zu einem kirchlichen Haus reisten, erfuhren die bisherigen DDR-Bürger erst im Bus, und einige befürchteten beim Namen „Seminar“ gar, bei „frommen Mönchen” in einem Kloster zu landen. Doch die herzliche Begrüßung durch Domkapitular Joseph Sauer und Rektor Georg Lämmle, das offene Miteinander, das gute Essen und die Musik der Hausband sorgten rasch für Erleichterung bei den Gästen.

Zeitung organisiert eine Spendenaktion

Die fühlten sich sehr wohl, zumal das Helferteam um Krimhild Lorenz-Selinger alle Hebel in Bewegung setzte, um den neuen „Seminaristen“ zu helfen. Bürger, Vereine und Firmen spendeten, der ABB schrieb von einer „Welle der Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit“, und am 19. September 1989 war zu lesen, dass 120 Stellen- und Wohnungsangeboten bei Krimhild Lorenz-Selinger eingingen. Die Zeitung organisierte eine Spendenaktion unter den Lesern und Ende Oktober 1989 waren bereits 25 000 Mark beisammen.

DDR-Übersiedler in Sasbach
In Lauf heimisch geworden: Gabriele und Helmut Rolle mit Krimhild Lorenz-Selinger, damals Sekretärin von St. Pirmin. | Foto: Roland Spether

Einen Start nach Maß hatte Familie Rolle, denn kurz vor Weihnachten 1989 konnte sie in ein Haus in Obersasbach einziehen. Schon 14 Tage nach der Ankunft bekam Helmut Rolle bei der Firma Holzland Zimmer in Achern eine Anstellung und die Freude war riesengroß, als sein DDR-Führerschein anerkannt wurde. So konnte er weiter Lastwagen fahren. Nach 13 Jahren wechselte er zur Spedition Decker und war hier zwölf Jahre auf Rädern unterwegs.

DDR-Übersiedler in Sasbach
Familie Rolle konnte noch vor Weihnachten 1989 mit ihren Kindern in ein Haus in Obersasbach einziehen. | Foto: Roland Spether

Den Eltern war wichtig, dass die Kinder gleich in die Schule gingen oder eine Ausbildung machten, was bestens gelang. Auch Gabriele Rolle wurde im Schwarzwald heimisch und arbeitete im Haushalt des Unternehmers Hermann Fischer, dann folgten zehn Jahre in einem anderen Haushalt, bevor sie für den Pflegedienst Schreiner tätig wurde. „Als wir von Sasbach auf die Hornisgrinde schauten, war für uns klar: hier gehen wir nie wieder weg“, sagt Gabriele Rolle heute. Inzwischen ist die Familie in Lauf zu richtigen Schwarzwäldern geworden.


Abenteuerliche Flucht auf dem Motorrad

Kalter Krieg, atomares Wettrüsten, meterhohe Mauer: Ende der 1980er Jahre glaubte diesseits des „Eisernen Vorhangs“ kaum jemand mehr daran, dass sich diese politisch und militärisch brisante Situation ändern und aus dem geteilten Deutschland irgendwann einmal ein vereintes Deutschland wird. Während die einen über die Begrifflichkeit „Wiedervereinigung“ und „Einheit“ debattierten und die Zwei-Staaten-Lösung forderten, gab es auch andere Stimmen. So erinnerte am Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 1988 die Junge Union Achern an diesen „denkwürdigen“ Tag der Deutsche Geschichte und forderte den Abriss der Mauer: „Weg mit der Todesmauer, der größten Schandmauer der Menschheit und Wiedervereinigung unseres geteilten Vaterlandes“.

Steinmauer auf dem Rathausplatz

Als Zeichen ihres Protestes gegenüber dieser menschenverachtenden Situation aber auch als Provokation gegenüber dem Desinteresse, der Gleichgültigkeit und der Vergesslichkeit besonders bei der jungen Generation, hatte die Junge Union um ihren Vorsitzenden Reinhard Schemel eine Steinmauer mit Stacheldraht auf dem Rathausplatz aufgebaut. Schautafeln informierten darüber, wie viele Menschen nach dem Krieg in den Westen flohen beziehungsweise den Weg in die Freiheit mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren

Auf der anderen Seite des „Eisernen Vorhangs“ brodelte es unterdessen von Polen bis ins Baltikum, die Menschen gingen auf die Straße und der ehemaliger Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michail „Gorbi“ Gorbatschow sprach am Rande der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR-Staatsgründung am 6. und 7. Oktober 1989 jenen legendären Satz: „Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren“. Daraus wurde interpretiert „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Zu diesem Zeitpunkte waren schon einige Hundert DDR-Übersiedler in Sasbach, Achern und Oberachern und hatten teils waghalsige und lebensgefährliche Fluchtversuche hinter sich.

DDR-Übersiedler in Sasbach
Eine abenteuerliche Flucht über 10 000 Kilometer mit dem Motorrad gelang einer jungen Familie, die in Sankt Pirmin eine erste Unterkunft fand. | Foto: Roland Spether

So war Gabriele Rolle im August 1989 mit den Töchtern bereits nach Ungarn in „Urlaub“ geflogen, während Ehemann Helmut Rolle mit Sohn und Auto festgehalten und von der Stasi durchleuchtet wurde. Die Mutter flog mit den Töchtern zurück in die DDR und nach langem Hin und Her erhielten sie dann doch ein Urlaubs-Visum, fuhren mit einem geliehenen Wohnwagen nach Ungarn und mit dem Bus in den Schwarzwald. Ein Übersiedler „strandete” nach einer abenteuerlichste Odyssee in Sasbach. Nach einem missglückten Fluchtversuch mit dem Segelboot von Polen aus über die Ostsee in Richtung Skandinavien, beantragte er ein Visum für Rumänien, erhielt aber eine Absage. Daraufhin reiste er in die Tschechoslowakei, von wo aus er die Donau und somit die Grenze nach Ungarn illegal überquerte. An sein Fahrrad hatte er Autoreifen gebunden, und mit diesem waghalsigen Gefährt gelang ihm mit der Angst im Nacken die lebensgefährliche Flucht.

Wochenlange Irrfahrt durch Osteuropa

Stolze 10 000 Kilometer lang war der Weg in die Freiheit für ein junges Paar und deren fünfjährigen Sohn, den die Drei auf einem vollbepackten Motorrad quer durch den damaligen Ostblock zurücklegten. Wie viele andere brach die junge Familie von jetzt auf nachher auf, dann folgte eine wochenlange Irrfahrt durch die Tschechoslowakei, Rumänien, Bulgarien und Ungarn, wo ein erster Fluchtversuch direkt vor dem Schlagbaum scheiterte. Mit Polizeieskorte wurden die drei Biker in das Landesinnere verfrachtet.

Mit dem Bus von Passau nach Sasbach

Dann jedoch änderte sich die Lage in Ungarn, die Familie reiste nach Budapest und durfte am 10. September im „Pionierlager“ bei der Kirche Zugliget die Botschaft von der Grenzöffnung miterleben. Frau und Kind gelangten dann mit dem Bus über Passau nach Sasbach, während der junge Mann die Gruppe aus den Augen verlor und nach einer Irrfahrt über Rastatt, Karlsruhe und Mannheim erst am 14. September in St. Pirmin eintraf.