Angesehener Politiker: Acherns Bürgermeister Wendelin Morgenthaler gehörte acht Jahre lang dem Deutschen Bundestag an. | Foto: Stadtarchiv Achern

Bundestagswahl 1949

Wendelin Morgenthaler: Vom Bürgermeister zum Abgeordneten

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Vor 70 Jahren wurde der erste Bundestag gewählt: Der 14. August 1949 war nicht nur für Deutschland ein bedeutender Tag, sondern auch für die Stadt Achern: Bürgermeister Wendelin Morgenthaler freute sich über seine Wahl zum Bundestagsabgeordneten. Als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Rastatt – Bühl – Baden-Baden gehörte der CDU-Politiker dem Parlament zwei Wahlperioden an.

Der Vater saß im badischen Landtag

Der evangelische Pfarrer, Historiker und Autor Gerhard Lötsch hat in seinem aus dem Jahr 2007 stammenden Buch „Acherner Profile“ ein Portrait Morgenthalers veröffentlicht. Morgenthaler, geboren am 18. Oktober 1888, wuchs in Fautenbach auf. Sein Vater stand seit 1892 dem „Badischen Bauernverein“ vor und saß von 1903 bis 1918 für das Zentrum im badischen Landtag. Wendelin Morgenthaler besuchte die Volksschule Fautenbach, war bis zur Mittleren Reife Schüler an der Heimschule Lender in Sasbach und studierte dann in Karlsruhe am katholischen Lehrerseminar. 1909 trat er in den badischen Schuldienst ein und war zuerst im Schwarzwald, dann in Leimen bei Heidelberg, schließlich in Offenburg und dann in Gamshurst eingesetzt. 1926 kam er als Lehrer nach Achern, wo er mit seiner großen Familie ein Haus in der Unzhurster Straße bezog.

Katholische Gesinnung

Morgenthaler, so schrieb Lötsch, blieb seiner katholischen Gesinnung stets treu, selbst als Bürgermeister spielte er die Orgel der Acherner Pfarrkirche. Im Gemeinderat der Stadt saß er ab 1928 für die Zentrumspartei. Als die Nationalsozialisten großen Zulauf gewannen, warnte er immer wieder vor der mit Hitler heraufziehenden Kriegsgefahr. Auch nach dessen „Machtübernahme“ weigerte er sich solange, seine Söhne der Hitlerjugend zu überlassen, bis die Teilnahme am „Dienst“ für alle Jugendlichen gesetzliche Pflicht wurde.

Absoluter Verfechter des Zentrums

Der NSDAP als politischer Gegner wohlbekannt, wurde Morgenthaler 1937 strafversetzt.
Im Rahmen der Aktion „Gewitter“, als Hitler am 22. August 1944 schlagartig rund 5 000 ehemalige Minister, Bürgermeister, Parlamentarier, Parteifunktionäre und politische Beamte der Weimarer Republik verhaften ließ, war auch Morgenthaler unter den Betroffenen. Ein unter diesem Datum vom Ortsgruppenleiter zusammengestelltes und an die Geheime Staatspolizei Baden-Baden übersandtes „Verzeichnis besonders aktiv gewesener Angehöriger der KPD, SPD und des Zentrums“ qualifizierte ihn als „sehr intelligent und schlau“ und nannte ihn einen „absoluten Verfechter des Zentrums und der katholischen Kirche“. Morgenthaler wurde verhaftet und ins Acherner Gefängnis gebracht, jedoch nach einigen Tagen wieder entlassen.

Von den Franzosen als Bürgermeister eingesetzt

Am 1. Mai 1945, zwei Wochen nach dem Einmarsch der Franzosen und sieben Tage vor Kriegsende, setzte die französische Militärregierung den Lehrer Morgenthaler als vorläufigen Bürgermeister Acherns ein. Die Stadt lag nach dem Bombenangriff vom 7. Januar 1945 in Trümmern, Handel und Gewerbe waren am Boden. Da es kein Rathaus mehr gab, bezog der Bürgermeister einen mit Glassplittern übersäten Raum in der damaligen Gewerbeschule. Sein erstes Bemühen galt der Freilassung von über 100 in Offenburg internierten Männern, er setzte sich ein für Acherner, deren Haus beschlagnahmt war, und sorgte sich um die Versorgung mit Lebensmitteln, Brennstoff und die Wiedereingliederung der aus dem Krieg heimkehrenden Soldaten.

Situation der Kinder lag ihm am Herzen

Dem ehemaligen Schulmeister, der erstmals am 22. September 1946 einstimmig von den Acherner Gemeinderäten zum Bürgermeister gewählt worden war, lag besonders die Situation der Kinder am Herzen, die seit vielen Monaten ohne geordneten Unterricht waren. Antoine Kury, „Commissaire Principal de la sureté nationale“, nannte ihn im September 1953 einen „hartnäckigen Verteidiger der Interessen seiner Mitbürger und charakterfesten Bürgermeister der Stadt Achern“.

Baugenossenschaft gegründet

Mit engagierten Bürgern plante Morgenthaler den Wiederaufbau der zerstörten Stadt und war einer der Gründer der Baugenossenschaft „Neue Heimat“, die später, um Verwechslungen mit der gewerkschaftseigenen Genossenschaft gleichen Namens zu vermeiden, in „Familienheim“ umbenannt wurde. Als Vorsitzender der Kreisgruppe Achern in Leo Wohlebs „Christlich-sozialer Volkspartei“, aus der dann die CDU hervorging, trat Morgenthaler mit der Mehrheit seiner südbadischen Gesinnungsgenossen für den Fortbestand des Landes Baden ein.

Einsatz für Kleinbrenner

Mit knapp 60 Prozent der Stimmen eroberte Morgenthaler das Direktmandat für den Wahlkreis Rastatt – Bühl – Baden-Baden; die Stadt Achern gehörte damals noch zum Landkreis Bühl. Morgenthaler war als Abgeordneter Mitglied des Finanzausschusses und bemühte sich dort vor allem um die Interessen der bäuerlichen Bevölkerung seiner Heimat; insbesondere setzte er sich für die Kleinbrenner und deren steuerliche Entlastung ein. Neben der Schaffung neuen Wohnraums versuchte Morgenthaler vermehrt Industrie im Acherner Raum anzusiedeln. Auch der Verbesserung des Verhältnisses zu den französischen Nachbarn widmete er laut Lötsch große Aufmerksamkeit.

Initiative für LKW-Sonntagsfahrverbot

Aus seiner christlichen Überzeugung heraus habe er die Initiative für ein Gesetz zum Sonntagsfahrverbot für Lastwagen auf der Autobahn ergriffen.

Amt mit „Güte und Wärme“ erfüllt

Als Bürgermeister trat Morgenthaler am 10. Juli 1955 auf eigenen Wunsch in den Ruhestand. Stadtrat Karllutz Ross hob in der letzten gemeinsamen Sitzung hervor, dass er das Amt eines Bürgermeisters von Achern „nicht mit der nüchternen Kälte des innerlich Unbeteiligten“ ausgeübt, sondern es stets „mit Güte und Wärme“ erfüllt habe. Morgenthaler starb am 22. April 1963 im Alter von 74 Jahren.

Das Wahlergebnis
Fünf Kandidaten aus fünf Parteien stellten sich am 14. August 1949 im Wahlkreis Rastatt – Bühl – Baden-Baden zur Wahl. Der Original-Stimmzettel ist im Stadtgeschichtlichen Institut in Bühl archiviert. Acherns Bürgermeister Wendelin Morgenthaler (CDU) erhielt mit 49 733 Stimmen (59,5 Prozent) mit Abstand die meisten Stimmen. Der Ettlinger Bürgermeister Hugo Rimmelspacher (SPD) konnte 15 394 Stimmen (18,4 Prozent) auf sich vereinigen. Auf den Baden-Badener Rechtsanwalt Paul Bauer (FDP) entfielen 12 389 Stimmen (14,8 Prozent). Für den Baden-Badener Redakteur Hermann Ahrens (KPD) gab es 4 178 Stimmen (8,4 Prozent). Der Kandidat der Europäischen Volksbewegung „Sammlung zur Tat“, Walter Harenberg (Villingen), kam auf 1 934 Stimmen (2,3 Prozent).
Die Wahlbeteiligung lag bei 71,3 Prozent.