Dass Feuer die Menschen fasziniert – hier ein Osterfeuer der Feuerwehr Großweier – steht für Acherns Kommandant Michael Wegel außer Frage. Bezogen auf alle vorsätzlich gelegten Feuer bundesweit machen die Brandstiftungen durch Feuerwehrleute einen Anteil im niederen einstelligen Prozentbereich aus. | Foto: esp

Feuerwehr und Brandstiftung

Wenn der Retter zum Täter wird

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Was, wenn ein Feuerwehrmann der Faszination der Flammen erliegt? Seit die Serie von Scheunenbränden in der südlichen Ortenau weitgehend geklärt ist, geht diese Frage wie ein Gespenst in den Reihen der Floriansjünger um. Der Kommandant der Acherner Feuerwehr Michael Wegel hat mit dem ABB über Brandstiftung aus den eigenen Reihen getroffen.

Von unserem Mitarbeiter Roland Spether

„Vor 15 Jahren gab es auch in Achern eine Brandserie, bei der Müllcontainer an Hauswänden angezündet wurden und das Feuer sich bis in die Gebäude ausbreitete“, sagt Michael Wegel, Kommandant der Acherner Feuerwehr, Kreisbrandmeister und Vorsitzender der Feuerwehrverbandes Ortenaukreis. Damals hat die Polizei in alle Richtungen ermittelt, und Beamte kamen auch zur Feuerwehr, stellten Frage und schlossen es nicht aus, dass der Serienbrandstifter aus den Reihen der Feuerwehr kommen könnte. „Das traf Gott sei Dank nicht zu, alles andere wäre für uns ein Schock gewesen“, so Wegel.

Michael Wegel ist Kommandant der Feuerwehr Achern, Kreisbrandmeister und Vorsitzender der Feuerwehrverbandes Ortenaukreis. | Foto: esp

Brandserie in Herbolzheim war Schock

Serien von Brandstiftungen haben Polizei und die Feuerwehren in der Region auf Trab gehalten und tut dies immer noch, denn fast täglich gehen beispielsweise Fahrzeuge in Flammen auf. Der jüngste Fall, der vor allem auch die Feuerwehrleute schockte und intern in höchste Alarmbereitschaft versetzte, war die Brandserie in Herbolzheim, ausgelöst mutmaßlich durch einen jungen Feuerwehrkameraden. „Was getan wurde, ist vor allem für die Familie und die Feuerwehr schlimm“. Dennoch sollte jetzt nach diesem Einzelfall nicht die ganze Feuerwehr „unter Generalverdacht gestellt werden“, so Michael Wegel. Bezogen auf alle Brandstiftungen im Bundesgebiet lägen die von Feuerwehrleuten vorsätzlich verursachten Brände im niederen einstelligen Prozentbereich.

Vielleicht gibt es frustrierte Kameraden, die deshalb ein Feuer legen, weil sie schon lange keinen Einsatz mehr hatten

Wunsch, wieder ein „Held“ zu sein

„Vielleicht gibt es frustrierte Kameraden, die deshalb ein Feuer legen, weil sie schon lange keinen Einsatz mehr hatten, um dann bei der Alarmierung als Erster mit am Brandherd zu sein, um das Feuer zu löschen“. Solche Dinge gab es bundesweit immer wieder, wobei die Motivation für solche Straftaten sehr vielfältig ist, etwas mit der persönlichen Lebenssituationen zu tun haben kann oder ganz banal darin besteht, wieder einmal beim Löschen eines Feuers dabei sein und vielleicht auch noch ein „Held“ sein zu wollen.

Faszination Feuer

Dass Menschen vom Feuer fasziniert sein können, steht nach Aussage von Wegel außer Frage, es lasse sich daran sehen, dass Kinder und Erwachsene fasziniert vor einem großen Osterfeuer stehen, die Flammen im Ofen beobachten und von der Kraft und Wärme dieses Elements begeistert sind. „Ich bin bei der Feuerwehr, weil ich Brände verhindern und Feuer löschen möchte“. Deshalb kann es der Kommandant der Acherner Wehr auch nicht nachvollziehen, dass möglicherweise Kameraden aus den eigenen Reihen „fasziniert“ vom Feuer sind und davon, dass Mitbürgern Hab und Gut abbrennt.

Für Täter aus der Feuerwehr kann und darf es auch kein Verständnis geben

Vor Ort bislang kein Thema

„Dafür kann und darf es auch kein Verständnis geben“ so Wegel, der deshalb auch über die Brandserie mit anderen Kommandanten und im Feuerwehrverband im Gespräch darüber ist, wie sich ein solches Fehlverhalten in eigenen Reihen verhindern lässt. „Aktuell haben wir im Ortenaukreis noch kein Konzept, wie wir an dieses Thema herangehen. Wir hatten dieses bisher auch gar nicht so auf dem Schirm, weil es für uns vor Ort kein Thema war“.

Thematik soll bei Ausbildung aufgegriffen werden

Dennoch werde künftig auch in dieser Thematik etwa mit Elementen in der Jugendfeuerwehr und bei der Grundausbildung gearbeitet. Hierbei verwies Michael Wegel auf das „Stufenmodell“ der Freiburger Feuerwehr, das in der aktuellen August-Ausgabe im bundesweiten Feuerwehrorgan „Brandschutz“ in einem Fachartikel vorgestellt wurde und das Ergebnis von drei Brandstiftungen ist. „Wichtig ist, dass sich die Bürger auf die Feuerwehr verlassen können und dieses Vertrauen besteht, auch bei den Kameraden in Herbolzheim“.

Vorsätzlich gelegte Brände
Wer Feuer und Flamme für die Feuerwehr ist, beschäftigt sich primär mit dem Löschen von Bränden und nicht mit dem vorsätzlichen Feuerlegen. Laut Polizeistatistik wurden im vergangenen Jahr bundesweit 20 369 Fälle von Brandstiftung beziehungsweise dem Herbeiführen einer Brandgefahr polizeilich erfasst. Experten wie der Kriminologe Frank Dieter Stolt gehen davon aus, dass auf rund 1,3 Millionen freiwillige Feuermänner und -frauen in Deutschland jährlich ungefähr 40 Brandstifter bei der Feuerwehr kommen.
„Genauso wie es Todesengel unter Krankenschwestern, Bankräuber, Dealer und Mörder unter Polizisten und Kinderschänder unter Geistlichen gibt, kann es auch Brandstifter in den Reihen der Feuerwehren, und zwar fast ausschließlich der freiwilligen Feuerwehren geben“, betont Stolt. Wie andere stellt auch er fest, dass es sich um Einzelfälle handle und es eine Verzerrung der Realität sei, dass besonders viele Feuerwehrmänner auch Brandstifter seien. Doch Kommandanten können letztlich nicht die Hand ins Feuer legen, dass Kameraden die „Faszination“ Feuer falsch verstehen und straffällig werden. Wegel: „Die Täter sollten sich nicht sicher sein, irgendwann kommt es heraus und sei es, weil ein Kamerad als Zaungast die Löscharbeiten beobachtet“.