Probefahrt: Die Tram von Straßburg nach Kehl auf der neu gebauten Rheinbrücke, im Hintergrund das Kehler Hochhaus. Am Wochenende wird die Tramstrecke eröffnet. | Foto: Stadt Kehl

Kehl erhält Tram-Anbindung

OB Toni Vetrano: „Wir reden hier über Luxusprobleme“

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Nach der grenzüberschreitenden Gartenschau schreiben Kehl und Straßburg mit der Eröffnung der Tram zwischen beiden Städten am Wochenende erneut Geschichte. Vor allem für Kehl als kleinerer Partner hat an solch symbolträchtigen Ereignissen aber auch schwer zu tragen. Verwaltung und betroffene Bürger kommen an die Grenzen der Belastbarkeit. Über die Tram, den Weg dahin und ihre Folgen, spricht OB Toni Vetrano im ABB-Interview.

Am Wochenende wird die Tram in Betrieb genommen. Was wird sich durch diese neue Verkehrsader gesellschaftlich und wirtschaftlich ändern?

Toni Vetrano: Kehl hat als Grenzstadt schon immer einen etwas anderen Bezug zu Frankreich, auch wenn in den letzten Jahren zu spüren ist, dass diese Ausstrahlung der Großstadt Straßburg mehr und mehr in die Ortenau hinein wirkt. Man denke nur an den Tagestourismus oder die Gastronomie. Am Wochenende kommen bis zu 50 Prozent der Besucher in der Ortenau aus dem Ballungszentrum Eurométropole. In Kehl leben etwa 3 000 Franzosen, also fast zehn Prozent unserer Einwohner, wir haben hier 15 000 Arbeitsplätze, etwa ein Drittel der Mitarbeiter stammt aus dem Elsass. Ich sehe die Tram als Konsequenz dieser Entwicklungen in den vergangenen 20 bis 30 Jahren.

Wie aber sehen die Erwartungen an die Tram in Kehl aus?

Vetrano: Jeden Tag überqueren 36 000 Autos die Europabrücke, an Samstagen sind es 42 000. Dazu haben wir einen Bus über die Grenze hinweg, die Linie 21, deren Fahrgastzahlen immer weiter angestiegen sind. Unsere Prognosen gehen davon aus, dass die Fahrgastzahlen durch die Tram zunehmen werden – und damit auch die Besucherströme auf beiden Seiten des Rheins. Viele werden sicher das Park-and-Ride-Angebot in Kehl nutzen und mit der Tram nach Straßburg fahren. Die Tram, die alle 14 Minuten und an Samstagen sogar im neun-Minuten-Takt fährt, ist ökonomisch und ökologisch in gleicher Weise sinnvoll. Sie wird die Umwelt entlasten. Die hohen Zuschüsse des Bundes sowie des Landes Baden-Württemberg und des französischen Staates zeigen, dass man sich auch eine Ausstrahlung in die gesamte Region verspricht, ein Ballungszentrum von mehr als einer Million Menschen auf beiden Rheinseiten. Wir erwarten eine Bereicherung des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens. Wie Sie wissen, entsteht rund um die drei neuen Tram-Haltestellen auf französischer Seite gerade Lebensraum für 20 000 Menschen. Das sind etwa so viele Einwohner wie in der Kehler Kernstadt.

Wie wird die Tram in das Verkehrsnetz eingebunden?

Vetrano: Wir haben gleichzeitig mit den Bauarbeiten ein Nahverkehrskonzept auf den Weg gebracht, das den ländlichen Raum und insbesondere die Kehler Ortschaften, ausgehend von einem Rendezvous-Punkt am Rathaus, intelligent einbindet. Die Tram hat damit Einfluss auf den öffentlichen Nahverkehr und die wirtschaftliche Entwicklung weit über die Kehler Kernstadt hinaus. Wir schaffen mehr Mobilität und das hat auch viel mit sozialer und wirtschaftlicher Dynamik zu tun.

Wird Kehl französischer durch die Tram?

Vetrano: Ein Gemeinwesen wird nicht französischer oder deutscher, wenn die Anzahl der jeweiligen Staatsbürger zunimmt. Ich glaube eher, wenn mehr Franzosen kommen, dann wollen sie doch hier das Deutsche erleben. Ich wohne gerne an der Grenze, und es ist schön, ein bisschen deutsch und ein bisschen französisch zu sein. Aber wir leben hier schon lange in einer multikulturellen Gesellschaft mit 125 Nationalitäten in unserer Stadt. Vielleicht sind wir damit schon dort angekommen, wo Europa in zehn oder 20 Jahren sein wird.

Neuerungen werden in Kehl oft erst einmal mit Skepsis betrachtet. Man denke an die Diskussionen im Vorfeld der Gartenschau. Auch die Tram wird trotz einer intelligenten Werbekampagne längst nicht von jedem begrüßt. Ist der Kehler an und für sich misstrauisch?

Vetrano: Es gibt unterschiedliche Meinungen und Standpunkte, die man haben kann und soll. Aber es gibt auch den berechtigten Anspruch, bei der eigenen Meinung zu bleiben. Ich glaube nicht, dass das Misstrauen ein Kehler Phänomen ist. Aber gerade weil wir eine Phase des Wohlstandes erleben, scheuen wir uns vor Veränderungen. Jede Neuerung könnte schließlich bedeuten, dass man Vorzüge oder Komfort einbüßt. Wir sollten uns aber klar darüber sein, dass die hohe Lebensqualität und der Wohlstand in der Ortenau nicht europäischer Standard sind. Wir reden hier über Luxusprobleme. Jeder ist, egal wo er wohnt, auf Mobilität angewiesen. Wer da nicht mitzieht, muss damit rechnen, langfristig abgehängt zu werden. Nur zusammenzusitzen und Radieschen zu pflanzen, wird nicht ausreichen, um langfristig Wirtschaftswachstum zu erzielen.

Die Probleme in Kehl scheinen aber tiefer zu gehen. Das Murren aus den Stadtteilen wurde immer lauter. Und die Verwaltung hat die weiße Fahne geschwenkt, weil die Kapazitäten der Verwaltung nicht mehr ausreichen. Hat man sich mit der Tram zu viel aufgeladen?

Vetrano: Wie heiß die Diskussion auch war – letztlich hat der Gemeinderat dem Haushalt einhellig zugestimmt. Ich habe ja nicht gesagt, dass wir bestimmte Projekte nun gar nicht mehr angehen wollen, sondern nur, dass wir die ursprünglich vorgegebenen Zeitfenster nicht einhalten können. Ein Problem war dabei auch, dass diese nicht wirklich genau definiert waren. Letztlich hat man 2014 bei den Haushaltsberatungen einfach Projekte in den Etat gepackt und gesagt, dass man das schon irgendwie schaffen wird. Und ich habe dann gesagt, dass wir das nicht schaffen. Das offen auszusprechen war auch deshalb notwendig, weil ich immer transparent arbeiten möchte.

Das war ein Machtwort des Oberbürgermeisters, das die Diskussion eigentlich hätte beenden können. Warum ist sie das nicht?

Vetrano: Während der Debatte kam ein neues Thema auf den Tisch: die Schließung des Hallenbads aus baulichen Gründen. Aber auch das ist eine Wahrheit, wenn auch eine bittere. Ich erlebe den Dialog in der Stadt als recht sachlich, auch wenn vielleicht das eine oder andere Argument recht markant formuliert ist.

Nun könnte man ja sagen, dass sich Kehl mit der Gartenschau oder der Tram allerlei Luxus leistet, aber kein Geld mehr für die Daseinsvorsorge hat…

Vetrano: Wenn wir es nicht schaffen, eine neue Bescheidenheit herbei zu führen, kann es schon sein, dass wir irgendwann mit Schwung gegen die Wand fahren. Aber man muss auch hier die Dinge ganz genau betrachten und bewerten. Zunächst einmal sollte man sich hüten, Projekte gegeneinander auszuspielen, vor allem wenn sie bereits in der Umsetzungsphase sind. Wir müssen die Dinge im historischen Kontext sehen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass die Kommunen in den vergangenen Jahren Dinge erledigt haben, die zuvor nicht auf der Agenda standen. Da wäre in Kehl zum Beispiel die Investition von zwölf Millionen Euro in unsere Kitas zu nennen, zusammen mit den daraus resultierenden Personalkosten. Es geht weiter mit der Investition in Grundschulen und unserem kulturellen Engagement. Ich schließe nicht aus, dass das eine oder andere Projekt wegen der für die Tram benötigten finanziellen und personellen Ressourcen geschoben werden muss. Es war meine Aufgabe als Oberbürgermeister, hier zu gewichten und dann auch die Karten auf den Tisch zu legen. Dass es dabei Zielkonflikte gibt, ist ja nichts Unanständiges.

Drei Brücken über den Rhein wurden in Kehl in den vergangenen 15 Jahren gebaut: die Passerelle, die neue Trambrücke und eine Verbindung für die Schnellbahnnetze. Letztere hat wenig Sinn, der neue Bundesverkehrswegeplan verschiebt des Ausbau der weiteren Schnellbahnstrecke bis Appenweier auf den Sankt Nimmerleinstag. Packt Sie da nicht die kalte Wut?

Vetrano: Natürlich würde ich mir eine bessere TGV-Anbindung wünschen. Aber wenn ich sehe, dass ich von Kehl aus schneller in Paris bin als in Stuttgart, dann zeigt auch dies ein wichtiges Stück Infrastruktur, die wir haben. Die Tram ist eine sinnvolle Ergänzung und bindet den TGV im Straßburger Bahnhof hervorragend an. Man kann nicht immer das Beste und des Meiste haben, und im Bundesverkehrswegeplan sind die Interessen ja äußerst vielfältig und komplex. Aber immerhin können Sie heute von Straßburg aus in einer Stunde und 19 Minuten nach Stuttgart fahren, ohne umzusteigen. Sowohl mit der Ortenau-S-Bahn als auch mit der Tram sind wir an den TGV-Bahnhof optimal angebunden.

Mühsamer Weg zur neuen Tramverbindung: Der Kehler OB Toni Vetrano (CDU). Foto: Stadt Kehl

Die Region leistet sich seit vielen Jahren einen Eurodistrikt, der aber bei den Erfolgen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit regelmäßig Zaungast ist. Liegt die Zukunft des Miteinanders am Rhein womöglich eher im direkten Zusammenspiel von Kommunen als im Versuch, irgendwann den ganz großen Wurf zu schaffen?

Vetrano: Je näher die Gemeinwesen territorial zusammen sind, umso eher findet automatisch grenzüberschreitende Zusammenarbeit statt – oft unauffällig und unaufgeregt. Aber wir wissen, dass es Hürden gibt aufgrund von Regulierungen in den jeweiligen Gebietskörperschaften. In wenigen Tagen fährt die Tram, und ich bin froh und dankbar. Aber was da für administrative und juristische Hürden zu nehmen waren, ist fast unglaublich. Die Dinge sind so komplex, dass der ursprüngliche Traum von einem Eurodistrikt als Zweckverband mit eigenen Regeln und Privilegien vermutlich illusorisch ist. Da gibt es eine Fülle von Regularien, und manchmal sind sie, so ehrlich muss man sein, auch dazu geschaffen, Eigeninteressen durchzusetzen und Hürden aufzubauen um sich die Konkurrenz von der anderen Seite der Grenze vom Leibe zu halten.

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