Bei der Neuordnung der Nahverkehrsnetze werden die Haltepunkte Steinbach und südlich davon von der Stadtbahn-Direktverbindung in die Karlsruher Innenstadt abgehängt. | Foto: Bernhard Margull

Bürger-Info in Baden-Baden

Wohin rollt die Stadtbahn?

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Die künftige Neukonzeption des Nahverkehrs südlich von Baden-Baden ist nicht unumstritten. Das ist am Mittwoch in der Ooser Festhalle bei einer gemeinsamen Informationsveranstaltung von Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt deutlich geworden. Der Wegfall der Direktverbindungen in die Karlsruher Innenstadt ist bei vielen der rund 60 Interessierten als großes Manko der „neuen“ Stadtbahn angesehen worden.

„Neue“ Stadtbahn noch Zukunftsmusik

Wie bekannt wurde, ist die Umstellung noch Zukunftsmusik, denn die neue Konzeption werde vermutlich erst zum Fahrplanwechsel Ende 2024 ihre Wirkung voll entfalten können, weil dazu nämlich der Rastatter Tunnel betriebsbereit sein muss. Ab 2022 werde man mit Übergangslösungen leben müssen, so die Botschaft.

Mehr Wettbewerb

Erforderlich wird die neue Konzeption bekanntlich, weil das Land Baden-Württemberg als Aufgabenträger für den Schienenpersonennahverkehr (SPNV) künftig Verkehrsleistungen grundsätzlich nur noch im Ausschreibungsverfahren vergibt. Ziel ist, den Wettbewerb zu fördern und Synergien zu schaffen. Im Zuge dieser Umstrukturierung wird die Albtalverkehrsgesellschaft das jetzige Netz nur noch bis Baden-Baden, beziehungsweise bis Forbach bedienen. Die weiter führenden Strecken bis nach Achern, beziehungsweise über Freudenstadt hinaus werden dann von anderen Anbietern je nach Ausschreibungsergebnis betrieben. Damit entfallen aber automatisch zum Beispiel die Direktverbindungen von Sinzheim, Steinbach, Bühl und Achern in die Karlsruher Innenstadt. Damit, so ein Teilnehmer der Veranstaltung unter Applaus der Besucher, werde das Grundsystem beerdigt. Er war der Meinung, dass die AVG für ihr Netz auch eine EU-Ausschreibung hätte aushalten müssen.

Land sieht viele Vorteile

Vertreter des Verkehrsministeriums und der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg hielten dem vielfältige Vorteile entgegen: Die neuen Fahrzeuge seien schneller, moderner, böten mehr Platz für Fahrräder und Toiletten. Tatsächlich verbessere sich das Angebot. Zwischen Karlsruhe und Baden-Baden seien zwischen 5 und 23 Uhr künftig vier Züge pro Stunde und pro Richtung vorgesehen, nach Achern deren drei. Das sei eine Verdoppelung des Angebots. Zusätzlich, vorbehaltlich der Zustimmung durch die DB-Netz, könnte über weitere Haltepunkte zum Beispiel in Niederbühl und Bietigheim nachgedacht werden. Aufgrund der Schnelligkeit der neuen Fahrzeuge könnte dies möglich werden. Beim Nachtverkehr gebe es keine Verschlechterung.

Service
Zur gleichen Thematik findet am Donnerstag, 13. September, um 17 Uhr in der Realschule Gernsbach, Am Bachgarten 8, eine weitere Informationsveranstaltung statt.

Kommentar
Dass mit einer Informationsveranstaltung ein bereits fest gezurrtes Vorgehen noch in eine andere Richtung gelenkt werden kann, hat ja wohl niemand ernsthaft geglaubt. Die Würfel sind in Stuttgart und Karlsruhe längst gefallen. Daran, dass es am Grundgerüst nichts mehr zu rütteln gibt, ließen die Vertreter von Land und Nahverkehrsgesellschaft am Mittwoch in Oos keinen Zweifel.
Aber: Hätte es eigentlich Alternativen gegeben? Wohl kaum. Gegen den europäischen Freiheitsgedanken, wenn es um öffentliche Ausschreibungen geht, scheint kein Kraut gewachsen zu sein. Ganz gleich, ob es Sinn macht oder nicht. Mithin musste der Karlsruher Verkehrsverbund Kompromissbereitschaft an den Tag legen, wenn nicht das ganze System ins Wanken geraten sollte.
Die Folgen sind damit aber zementiert. Trotz aller Vorteile: Die umsteigefreie Fahrt in die Karlsruher Innenstadt, mit der einst die Kommunen geködert worden waren, beginnt (oder endet) künftig in Baden-Baden. Wer weiter südlich in Steinbach, Bühl oder Achern zusteigt, muss künftig auf jeden Fall umsteigen.
Bleibt wenigstens zu hoffen, dass die künftigen Regionalzüge im Karlsruher Bahnhof nicht auf dem äußersten „Abstellgleis“ halten und den Nutzern des doch politisch so gewollten öffentlichen Nahverkehrs auch noch extra lange Wege zugemutet werden.