Gebrochene Fassade: Wie eine Schlange bewegt sich die Wohnanlage an der Wiede im Straßenraum. Die enge Straße weitet sich zu einem Platz. | Foto: Ulrich Coenen

Wohnanlage in Offenburg

Zickzack für mehr Lebensqualität

Der Grundriss erinnert an eine Schlange. Die Wohnanlage an der Wiede in Offenburg erstarrt nicht in einer rechtwinkligen Blockrandbebauung, die Formen sind mehr organisch als geometrisch. Das ist eine Wohltat angesichts der zahllosen streng orthogonalen Stadtgrundrisse, denen man begegnet. Fast fühlt man sich in der südlichen Kinzigvorstadt an das Buch des großen Wiener Architekten Camillo Sitte „Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“ von 1889 erinnert, in dem dieser als Reaktion auf die endlosen geraden Wohnblocks der Industriestädte des 19. Jahrhunderts eine leichte Krümmung der Straßen fordert.

Entwurf von K9 Architekten

Die Wohnanlage in Offenburg nach einem Entwurf von K9 Architekten in Freiburg (Wolfgang Borgards, Marc Lösch, Manfred Piribauer) wurde jetzt mit der Hugo-Häring-Auszeichnung des Bundes Deutscher Architekten (BDA) prämiert. Bauherr ist die Stadtbau Offenburg GmbH. Das ist eine Tochtergesellschaft der Wohnbau Offenburg GmbH, dem kommunalen Wohnungsunternehmen.

Geschosswohnungsbau ist für Investoren immer lukrativ, aber viel zu selten attraktiv. Weil es die Menschen wegen der besseren Infrastruktur in die Städte zieht, entstehen überall banale Klötze, die oft mehr schlecht als recht in die städtebauliche Umgebung eingefügt sind. Das preisgekrönte Projekt „Wohnen an der Wiede“ ist eine erfreuliche Ausnahme.

Ein intimer Innenhof bildet den Gegensatz zum öffentlichen Bereich an der Straße. | Foto: Ulrich Coenen

Die Kinzigvorstadt liegt südwestlich der Altstadt. Die vom BDA ausgezeichnete Anlage befindet sich innerhalb einer gewachsenen Stadtstruktur und bildet den südlichen Abschluss eines umfangreichen Sanierungsprojekts. K9 Architekten haben eine frühere Gewerbefläche gefüllt, indem sie das Thema Blockrandbebauung neu interpretierten. Entstanden sind in vier Reihenhäusern insgesamt 45 Eigentumswohnungen mit Flächen zwischen 57 und 136 Quadratmetern.

Mit Geschick und Fantasie

Die Architekten haben die beachtliche Baumasse geschickt und mit viel Fantasie aufgelockert und in das Umfeld eingegliedert. Der unregelmäßige L-förmige Grundriss ist entlang der Straße „An der Wiede“ mehrfach gebrochen. Die Architekten reagieren mit dem Zickzack in Grund- und Aufriss auf die Geometrie der Blockrandbebauung in der Nachbarschaft. Durch den Rücksprung weitet sich die enge Straße zu einem Platz. Privater und öffentlicher Bereich verschmelzen. Einen intimen Gegenpol bildet der Innenhof an der Rückseite mit Spielplatz, gemeinschaftlich genutzten Freiflächen und kleinen Privatgärten für die Erdgeschosswohnungen.

Eingang und Loggien sind tief in die Fassade eingeschnitten. | Foto: Ulrich Coenen

Die steil aufragenden Fassaden über dem hohen Sockelgeschoss mit Tiefgarage und Kellerräumen sind dreigeschossig mit ausgebauten Dachgeschoss. Flach geneigte Satteldächer prägen die Silhouette der abwechslungsreichen Dachlandschaft. Die Lochfassaden sind mit tief in die Wand eingeschnittenen Loggien und Portalen plastisch durchgestaltet. Jedes der vier weiß verputzten Reihenhäuser erhält für den Eingangsbereich und die Wandflächen zwischen den Fenstern eine differenzierte Farbgebung (orange, grün, blau, violett), die die Anlage im Kontext mit den gefalteten Satteldächern rhythmisiert.

Im Sockelgeschoss ist die Tiefgarage untergebracht. | Foto: Ulrich Coenen

Ein Schwachpunkt des Entwurfs ist das extrem hohe Tiefgaragengeschoss, das die Passanten an einer massiven, nur von wenigen kleinen Kellerfenstern unterbrochenen Wand vorbeiflanieren lässt. Das Problem ist nicht neu. In vielen Städten wird die kostspielige Garage, um Geld zu sparen, ins Erdgeschoss verlegt. Mit dieser Erhöhung des „Heilig´s Blechle“ sind immer gestalterische und städtebauliche Defizite verbunden. Das Preisgericht des BDA war sich dessen bewusst und erwähnte die Tiefgarage ausdrücklich als Mangel in der Urteilsbegründung. Immerhin haben K9 Architekten in Offenburg das hässliche Sockelgeschoss entlang der Straße in Teilbereichen mit kleinen Grünanlagen kaschiert. Das war aber nur dort möglich, wo sich durch die platzartige Erweiterung der Straße Raum für eine Bepflanzung bot.

Die positiven Aspekte überwiegen aber bei weitem. Die Jury lobte ausdrücklich die „unaufdringliche Unverwechselbarkeit“ der Wohnanlage. Es wäre für unsere Städte und die Menschen, die dort wohnen, erfreulich, wenn Geschosswohnungsbau in dieser Qualität häufiger wäre.