Die Pfarrkirche in Oberachern wurde 1903 bis 1905 von Johannes Schroth gebaut. | Foto: Ulrich Coenen

Ottersweier und Oberachern

Kunsthistoriker entdeckt Fassadenchor

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Die Sakralbauten von Johannes Schroth lassen Wolfgang Weismann nicht mehr los. Nach der Bachelorarbeit über die Pfarrkirche in Ottersweier im Jahr 2013 hat er im Dezember seine Masterprüfung im Fach Kunstgeschichte an der Universität Freiburg bestanden. Die lesenswerte Masterarbeit trägt den Titel „Der Fassadenchor“. Der Untertitel erklärt das Thema: „Gründe für die historistische Eingliederung mittelalterlicher Chöre am Beispiel der Pfarrkirchen in Oberachern und Ottersweier.“ Weismann setzt also seine Beschäftigung mit der Ottersweierer Kirche fort und vergleicht sie mit der in Oberachern, ebenfalls ein Werk von Johannes Schroth. Betreut wurde die Arbeit von Professor Hans W. Hubert, dem Direktor des Kunstgeschichtlichen Instituts.

Chorturmkirchen in der Ortenau

Weismann führt in seiner Masterarbeit den Begriff „Fassadenchor“ in die Kunstgeschichte ein. Dieser Name bezeichnet nach seiner Definition einen (meist romanischen) Chorturm, der durch Erneuerung des Kirchenschiffs an der Hauptfassade zu liegen kommt. Der Fassadenchor dient häufig auch als Eingang für die neue Kirche. In seiner Bachelorarbeit hatte der Kunsthistoriker noch den Begriff des Eingangschores verwendet. Um Weismanns Argumentation zu verstehen, muss man wissen, dass im Mittelalter in der Ortenau mehrere Dutzend Chorturmkirchen entstanden sind. Diese bescheidenen Sakralbauten bestehen nur aus Schiff, Chor und dem darüber erwachsenden Turm. Die kleinen Sakralbauten genügten im Hinblick auf die gewachsene Bevölkerungszahl den Ansprüchen der Gemeinden in späteren Jahrhunderten nicht mehr. Sie wurden entweder durch Neubauten ersetzt oder erweitert.

Johannes Schroth leitete Kirchenbauamt

Weismann untersucht schwerpunktmäßig zwei durchaus unterschiedliche Erweiterungen ehemaliger Chorturmkirchen durch Johannes Schroth, dem Leiter des Erzbischöflichen Bauamtes in Karlsruhe. Die neoromanische Pfarrkirche in Oberachern und die neugotische in Ottersweier entstanden beide im frühen 20. Jahrhundert.

Die Pfarrkirche in Ottersweier entstand in den Jahren 1906 bis 1912 nach Plänen von Johannes Schroth.
Die Pfarrkirche in Ottersweier entstand in den Jahren 1906 bis 1912 nach Plänen von Johannes Schroth. | Foto: Ulrich Coenen

Der Fassadenchor ist nach Forschungsergebnissen Weismanns in Baden keine Neuerung aus der Zeit des Historismus. Der Kunsthistoriker kennt barocke Beispiele und vor allem solche aus der Zeit des Klassizismus. Im Raum Achern nennt er Renchen (1817) und Achern (1824).

Acht Sakralbauten untersucht

Insgesamt acht Kirchen (Binzen, zwei in Gottenheim, Köndrigen, Altenheim, Sandweier, Loffenau und Malsch) in Baden hat Weismann für seine Masterarbeit als Vergleichsbeispiele herangezogen. Dabei sieht der Autor Unterschiede zwischen dem Klassizismus und dem Historismus. Im Klassizismus seien „die alten Bauteile bis zur Unkenntlichkeit assimiliert“ worden. Das änderte sich in der folgenden Epoche des Historismus.

Denkmalpflege als wichtiger Aspekt

„Der Chorturm stellt bei den betrachteten Kirchen das älteste Bauteil dar, meist stammt er aus dem 12. oder 13. Jahrhundert“, schreibt Weismann. „Der Aspekt der Denkmalpflege darf somit als Hauptgrund für den Erhalt zu sehen sein.“ Daneben sieht er finanzielle Gründe für die Bewahrung der mittelalterlichen Bauteile.

„Für den Raum Achern darf auch die Tradition des Fassadenchors als Grund in Betracht gezogen werden“, meint Weismann. „Dass der Fassadenchor hier gleich vier Mal auftritt, zeugt von einer gewissen Beliebtheit dieser Bauweise.“

Vorbild in Loffenau

Für Oberachern sei der Wille zur Nachahmung des Vorbildes Loffenau mit in Erwägung zu ziehen. Weismann hat einen interessanten Aspekt der mittelbadischen Baugeschichte aufgearbeitet. Die Ausprägung und regionale Häufung des Fassadenchors blieb bisher in der Forschung weitgehend unbeachtet.

Das Thema ließe sich sicherlich noch vertiefen, wenn man es stärker mit der in Form von Dissertationen beziehungsweise Aufsätzen aufgearbeiteten Biografie der kirchlichen Bauamtsleiter in der Erzdiözese Freiburg verbinden würde. Die Bachelorarbeit Weismanns ist in gekürzter Form unter dem Titel „Zur Planungsgeschichte der Pfarrkirche St. Johannes d. T. in Ottersweier“ übrigens in der Ausgabe 2015 von „Die Ortenau“, dem Jahrbuch des Historischen Vereins für Mittelbaden, erschienen. Es bleibt zu hoffen, dass die spannende Masterarbeit auf ähnliche Weise ebenfalls einem größeren Publikum zugänglich gemacht wird.

Zu Person

Wolfgang Weismann wurde 1978 in Freiburg geboren, wuchs in Großweier auf und legte 1997 am Acherner Gymnasium die Abiturprüfung ab. Anschließend wurde er in Bad Säckingen zum Schreiner ausgebildet, knüpfte durch Praktika und freie Mitarbeit Kontakte zum Journalismus und gelangte auf diese Weise zum Studium der Kunstgeschichte und Archäologie (Nebenfach) an der Universität Freiburg.
Der Bachelorprüfung 2013 folgte im Dezember 2016 der Masterabschluss.