Wolkenkukuckshaus von ÜberRaum Architects: in Seebach : Der Wohnraum erstreckt sich über zwei Geschosse und besitzt eine eingebaute Empore. | Foto: Ulrich Coenen

Hugo-Häring-Auszeichnung

„Wolkenkuckuckshaus“ ist kein Luftschloss

Anzeige

Wolkenkuckuckshaus – der Name macht neugierig. Die Architekten greifen auf einen Begriff zurück, den der griechische Komödiendichter Aristophanes im fünften vorchristlichen Jahrhundert geprägt hat. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird darunter heute ein Luftschloss verstanden. Doch das Haus der Familie Haas in Seebach ist kein Fantasiegebilde, sondern äußerst real. Die Name, den ÜberRaum Architects aus London für ihr Werk gewählt haben, spielt lediglich auf die Lage in einem Seitental des Schwarzwalds an. Das Gebäude, das jetzt vom Bund Deutscher Architekten (BDA) die Hugo-Häring-Auszeichnung erhielt, unterscheidet sich wohltuend von vielen oft banalen Einfamilienhäusern, wie sie landauf landab entstehen.

Das Wolkenkuckuckshaus entstand in steiler Hanglage in Seebach. | Foto: Ulrich Coenen

Architekten aus London

Markus Seifermann hat das Büro ÜberRaum gemeinsam mit seiner Frau Daniela 2013 in London gegründet. Weil er aus Mittelbaden stammt, plant er von Zeit zu Zeit in seiner alten Heimat, vorwiegend für Freunde und Bekannte. 2014 wurde das Kirschblütenhaus in Mösbach von der Architektenkammer als Beispielhaftes Bauen ausgezeichnet. Dieses Objekt hatte der Architekt aktuell auch für den bedeutendsten  Architekturpreis in Baden-Württemberg eingereicht. Die Hugo-Häring-Auszeichnung blieb aber dem Wolkenkuckuckshaus vorbehalten.

Steile Hanglage

Das entstand in einer für Seebach typischen steilen Hanglage auf dem Untergeschoss des Vorgängergebäudes, das die vierköpfige Familie bereits zuvor bewohnt hat und das ihren Ansprüchen nicht mehr genügte. Auf dieses in Massivbauweise errichtete Untergeschoss haben die Architekten einen neuen Baukörper aus Holz gesetzt, der formal die traditionelle Architektursprache der Nachbarschaft aufgreift und doch ganz anders ist. Das Haus trägt ein asymmetrisches Satteldach, das ansatzlos (also ohne Traufe) über den Seitenwänden emporsteigt. Die Architekten abstrahieren den klassischen und im Schwarzwald weit verbreiteten Typ zu einer schlichten geometrischen Großform.

Die Jury pricht von einem großzügigen und überzeugenden Raumgefühl. | Foto: Rene Lamb

Spektakuläre Aussicht

Weitaus aufregender als das äußere Erscheinungsbild ist der Innenraum. Aus dem Untergeschoss, in dem sich die Schlaf- und Kinderzimmer sowie das Bad befinden, steigt der Besucher über eine steile Treppe in den bis in den First aufsteigenden zentralen Wohnraum des Hauses, der sich über zwei Geschosse erstreckt. Die großzügige Wohnküche auf der ersten Ebene ermöglicht dank eines acht Meter breiten Panoramafensters einen grandiosen Blick über das Achertal bis in die Vogesen.

Über eine kleine Zwischenebene an der Rückseite des Hauses geht es zum Gästezimmer und schließlich zu einer Empore, die oberhalb der Wohnküche eine Rückzugsmöglichkeit bietet. Unter diesem tribünenartigen Einbau befinden sich  Nebenräume wie Abstellkammer und WC.

Sparsam möbliert

Von jeder Ebene aus geben Fenster mit unterschiedlichen Formaten den Blick auf die Landschaft frei. Diese spektakulären Bilder bestimmen den puristischen und sparsam möblierten Raum mit seinen Böden aus sägerauer und geölter Eiche. Die Dachstuhl ist mit Brettern aus geseifter Weißtanne verblendet, in die die Leuchten bündig eingebaut wurden. Die gestaffelte Wohnlandschaft auf 240 Quadratmetern haben die Architekten durch Terrassen auf verschiedenen Ebenen erweitert.

Bauen als Prozess

Beim Besuch des Preisgerichts des BDA präsentierte sich das Wolkenkuckuckshaus noch nicht ganz fertig. Die Fassade des Untergeschosses wird erst jetzt mit Schiefer verkleidet, auch die Terrassen sind noch nicht ausgebaut. Weil der Bauherr sich mit viel handwerklichem Geschick engagiert, werden die restlichen Arbeiten sich noch einige Monate hinziehen. Die Jury hat das Gebäude trotz der noch fehlenden letzten Gewerke und gerade wegen des Engagements des Bauherrn schon jetzt prämiert. Bauen wird zum Prozess für die ganze Familie.

Überzeugendes Raumgefühl

Das Preisgericht lobt das Wolkenkuckuckshaus als „hervorragendes Beispiel, in beengten Grundstücksverhältnissen und topografisch anspruchsvoller Lage ein architektonisches Highlight zu schaffen“. Durch klare und präzise Formen in den verschiedenen offenen Ebenen sei auf kleiner Grundfläche ein optisch großzügiges und überzeugendes Raumgefühl entstanden.