Eichenprozessionsspinner
Gespenstische Gespinste: Nahaufnahme einer Gruppe von Eichenprozessionsspinnern auf einem Baum. Wie berechtigt ist aber nun die Sorge um eine Ausbreitung der Raupenprozessionen? | Foto: ©h_lunke - stock.adobe.com

Sorge um Ausbreitung

Zecken gefährlicher als Prozessionsspinner

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Der Fall eines Bauhofmitarbeiters, der nach dem Kontakt mit den Brennhaaren der Raupe eines Eichenprozessionsspinners kurzzeitig vom Dienst befreit werden musste, sorgte in Weitenung bei Bühl für Beunruhigung. 69 Bäume waren im Stadtgebiet der Bühler Nachbarn befallen.

Im Juni sind auch Fälle in Achern, Sasbachwalden und Rheinau bekannt geworden. Wie berechtigt ist aber nun die Sorge um eine Ausbreitung der Raupenprozessionen? Markus Maise, Leiter des Staatswaldes im Ortenaukreis, hat die Fragen des ABB beantwortet.

„Das Problem besteht insbesondere in den Regionen, in denen Eichen und damit auch der Eichenprozessionsspinner (EPS) vorkommen, bei uns betrifft das die planaren Lagen der Rheinebene und die kolline Höhenstufe der Vorbergzone“ – also bis 300 Meter –, weiß Markus Maise. Vor allem in Richtung Süden ausgerichtete und in Hanglagen befindliche „eichenreiche Mischbestände oder einzelne Eichen in Waldrandlagen und Parks“ seien aufgrund des hohen Wärmeangebotes vom „EPS“ befallen.

„Die Population des EPS ist allerdings im Vergleich zu der der Zecke auf ein deutlich kleineres Verbreitungsgebiet begrenzt“, stellt Maise klar, „nach meiner Einschätzung ist die Gefährdung von Menschen durch Zecken im Hinblick auf das Vorkommen als auch die möglichen gesundheitlichen Auswirkungen höher einzustufen als die Gefährdung durch EPS“.

Neue Zeckenarten übertragen auch neue Viren

Die Erwärmung des Klimas sorge insgesamt für bessere Entwicklungsbedingungen bei Insekten. Seit ein bis zwei Jahren konnten deshalb auch neue Zeckenarten in Deutschland erstmals überwintern. Diese Arten stellten eher eine neues Ausmaß an Gefahr dar, weil sie auch vor Ort bisher unbekannte Viren in sich trügen. Die allmähliche Umbildung des Ökosystems betreffe nicht nur die Insektenwelt, auch neue Pflanzenarten haben sich über die Jahre aufgrund von Wärmeerscheinungen und Triebsterben entfalten können. Darunter auch invasive Arten wie Knöterich, Springkraut und Bärenklau, die das ökologische Gleichgewicht stören. „Auch die Populationen des EPS nehmen bei überdurchschnittlicher Temperaturentwicklung zu“, sagt Maise. „Die Hitze und Trockenheit im vergangenen Jahr hat vermutlich die Populationsdichte erhöht“.

Aktuelle Zahlen zu Populationsdichte und –entwicklung im Ortenaukreis sind Maise jedoch nicht bekannt. Weil der Eichenanteil in den Wäldern des Ortenaukreises mit etwa acht Prozent nicht sehr hoch sei, dürfte sich die Ausbreitung folglich aber in Grenzen halten. Problematisch seien allerdings einzelne Eichen an Waldrändern, an Waldparkplätzen und in Schwimmbädern, Parks oder Sportanlagen. „Deshalb kann die Gefährdung für Menschen durch die ab dem vierten Larvenstadium gebildeten Brennhaare der EPS-Raupen nicht vernachlässigt werden“, so die Meinung des Staatswaldleiters.

Die giftigen Raupenhaare können nicht nur bei Allergikern Reaktionen auslösen, „individuell unterschiedliche Beschwerden können von Hautreaktionen bis zu anaphylaktischen Schocks reichen.“ Wenn es zu einem Befall kommt, bieten sich je nach Entwicklungsphase der Schmetterlingsart unterschiedliche Verfahren an.

Chemische Bekämpfung ist wegen möglicher Auswirkungen auf die sonstige Fauna sehr kritisch zu sehen und findet nur im Notfall statt

Staatswald-Leiter Markus Maise

Die chemische Bekämpfung etwa könne mit dem Versprühen von zugelassenen Insektiziden per Hubschrauber aus der Luft erfolgen, wenn die Raupen bei hoher Dichte das Laub der Eichenkronen kahlfressen. „Dieses Verfahren ist wegen möglicher Auswirkungen auf die sonstige Fauna sehr kritisch zu sehen und findet nur im Notfall statt“, so Maise.

Eine andere Möglichkeit, die biologische Bekämpfung, erfolgt durch „Ausbringung des Bazillus thuringensis, der gezielt die Raupen des EPS durch Wirkung im Darmtrakt abtötet.“ Die letzte Variante, die mechanische Bekämpfung, kann Markus Maise zufolge effektiv nur vollzogen werden, wenn sich die Raupen im fünften Larvenstadium in den typischen Gespinstnestern an Ästen und Stämmen der Eichen sammeln und im anschließenden Puppenstadium „nahezu immobil“ sind. Dann könnten die Nester mit speziellen Sauggeräten durch Spezialisten oder geschulte Mitarbeiter der Feuerwehr mit spezieller Körperschutzausrüstung abgesaugt und ordnungsgemäß entsorgt werden. „Dieses Verfahren ist sehr aufwändig, für die Anwender nicht ungefährlich und nur an Befallsschwerpunkten mit hohem Gefährdungspotential für die Bevölkerung und Waldbesucher sinnvoll“.

Zwei weitere Fälle im Verbreitungsgebiet des ABB

Seit dem Zwischenfall in Rheinau, wo die Freiwillige Feuerwehr in Einsätzen am Badesee Freistett, beim Grenzübergang Freistett-Gambsheim und bei der Fischtreppe befallene Bäume abgeflammt und mit Raupenleim bestrichen hat, sind im Verbreitungsgebiet des ABB in diesem Jahr zwei weitere Fälle bekannt geworden.

Einmal in Achern, in der Nähe des Tennisgeländes Wagshurst, und einmal in Sasbachwalden, in der Nähe des Kurhausparkplatzes. An beiden Stellen konnten die Prozessionen ohne Weiteres beseitigt werden. In Wagshurst, wo laut Angaben der Stadtverwaltung zwei spielende Kinder mit den giftigen Raupenhaaren in Berührung kamen, musste der erste Versuch der Feuerwehr wegen der schwierigen Zugänglichkeit des Geländes zunächst abgebrochen und auf Warnschilder ausgewichen werden. Mithilfe einer Drehleiter konnten die Feuerwehrbeamten die Gespinste schließlich doch erreichen und absaugen.

Obwohl an den Bäumen in der Umgebung keine Gespinste gefunden wurden, ließ man die Hinweisschilder zunächst noch stehen. Während in Rheinau und Achern mechanische Verfahren angewandt wurden, hat man sich in Sasbachwalden eines ebenfalls zugelassenen biologischen Insektizids bedient, woraufhin die übrig bleibenden Hüllen der Eichenprozessionsspinner mühelos „abgepflückt“ werden konnten, wie es in einer Mitteilung der Gemeinde heißt.