Muttersprache
Wie sagt man das? Deutsch zu lernen war am Anfang schwer, sagen die drei Acherner, für die jeweils beide Sprachen eine wichtige Rolle spielen. | Foto: Waltraud Grubitzsch

„Tag der Muttersprache“ in Achern

Sprache bedeutet Zugehörigkeit zu Familie und Kultur

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Die Sprache mit der man aufwächst, die, mit der man sich am besten ausdrücken kann, der man sich am nächsten fühlt: Für viele Acherner ist das Deutsch, für manche Badisch – viele andere sprechen zwar Deutsch, sind aber gleichzeitig in einer anderen Muttersprache zu Hause. Zum „Welttag der Muttersprache“ der Unesco am 21. Februar stellen wir drei Beispiele aus dem Acherner Dolmetscherpool vor.

Akinyi-Devermann Muttersprache
Die Muttersprache von Grace Akinyi-Devermann ist die kenianische Stammessprache Kiluo. | Foto: Stefanie Prinz

Grace Akinyi-Devermann wurde 1974 in Kenia geboren und spricht viele Sprachen fließend: Deutsch, Englisch, Kiswahili, die Nationalsprache ihres Heimatlandes Kenia – ihre Muttersprache aber ist Kiluo, eine von 44 kenianischen Stammessprachen. Die Sprache der früheren Kolonie ist für sie eher zweckmäßig: „Wer dort kein Englisch spricht, kommt nicht weit.“ Englisch unterrichtet sie heute in Firmen. „Am Anfang habe ich alles von Deutsch auf Englisch übersetzt, ich rechne auch auf Englisch. Kiluo bedeutet für mich ein Zugehörigkeitsgefühl zu den Menschen, die diese Sprache sprechen, zu meiner Familie, ihrer Kultur.“

„Habari“ zur Begrüßung

Kiswahili lernte sie als Kind in der Schule, die Sprache spricht sie, wenn sie in Kenia unterwegs ist, weil sie über die Stammesgrenzen hinweg verstanden wird. „Habari, wie geht’s“ sagt man zur Begrüßung, erklärt sie. Wörtlich heißt es „Geben Sie mir Ihre Nachricht“, und genau das sei gemeint: „Man will dann alles wissen: ob es geregnet hat, wie es den Kühen geht, ob jemand gestorben ist.“ In Kenia arbeitete Grace Akinyi-Devermann ehrenamtlich in einem Jugendzentrum von Missionaren, das auch deutsche und italienische Jugendliche besuchten. Aus Interesse habe sie angefangen, die Grundlagen beider Sprachen zu lernen.

Kinder sagen alles auf

Seit 2002 lebt sie in Deutschland. „Richtig gesprochen habe ich es erst hier. Nach einer Weile habe ich angefangen, auf Deutsch zu träumen.“ Ihr Mann spricht kein Kiswahili, deshalb bringe sie die Sprache den neun und zwölf Jahre alten Söhnen auch nicht aktiv bei. „Sie hören es aber, wenn ich mit meiner Familie telefoniere, und Kinder saugen alles auf.“ Man müsse sich in der Sprache des Landes, in dem man unterwegs ist, verständigen können: „Viele Probleme entstehen aus Missverständnissen.“

Naciye Celik Muttersprache
Naciye Celiks Muttersprache ist Türkisch, die auch ihre beiden Kinder von Klein auf gelernt haben. | Foto: Stefanie Prinz

„Meine Muttersprache Türkisch ist mir wichtig, denn ich bin in der Türkei geboren. Für meine Kinder wird das anders sein“, sagt Naciye Celik, die 1968 in der Türkei geboren wurde. Als sie vier Jahre alt war, kam die Familie aus der Metropole Istanbul nach Memprechtshofen – ein Kulturschock. Seit 1985 lebt sie in Achern und arbeitet als Erzieherin. Im Kindergarten bietet sie immer wieder Projekte für türkischsprachige Kinder an und war auch bei der Gründung des Dolmetscherpools beteiligt.

Zu Hause wird Türkisch gesprochen

Bei ihren Kindern gingen die Eltern unterschiedlich vor: Mit dem heute elf Jahre alten Sohn sprach Naciye Celik am Anfang deutsch, ihr Mann türkisch, bei der sechsjährigen Tochter war es nur türkisch. Beide hätten aber schnell Deutsch gelernt, schließlich sei das die Sprache, mit der sie die meiste Zeit des Tages umgeben sind. „Aman“, ruft sie, wenn die Kinder beim Spielen zu laut werden – „jetzt reicht es“. Zu Hause spricht sie vor allem die Sprache ihres Herkunftslandes. Deutsch neu zu lernen sei sehr schwer gewesen. „Das waren zwei verschiedene Welten“, erzählt Naciye Celik.

Gefühle in der Muttersprache leichter

Heute sieht sie Deutsch zwar wie eine zweite Muttersprache, Gefühle kann sie aber besser auf Türkisch ausdrücken. Und welche Sprache in ihren Träumen gesprochen wird, hänge davon ab, wer darin vorkommt.

Yousif Haas Muttersprache
Yousif Haas hat in seiner Muttersprache Arabisch früher auch Gedichte geschrieben, | Foto: Stefanie Prinz

„Ich mag diese Sprache, viele Worte wurden auch in andere Sprachen übernommen. Sie ist reich an Ausdrücken, und früher habe ich auch gerne Gedichte geschrieben“, sagt Yousif Haas, der 1966 in Eritrea geboren wurde, über seine Muttersprache Arabisch – heute lebt er von ihr: Er berät mit seiner Agentur arabische Patienten, unterrichtet in der Volkshochschule und dolmetscht ehrenamtlich, unter anderem für Flüchtlinge, und die Polizei. „Ich bin in Eritrea geboren, bin aber Sudanese“, erklärt Yousif Haas. In den Sudan ging die Familie, als er ein kleines Kind war, sodass er kaum Erinnerungen hat.

Es geht auch darum, zu handeln

Seit 1967 lebt er in Deutschland. Die Sprache sei am Anfang schwer zu lernen gewesen, aber das sagen umgekehrt auch seine Schüler über Arabisch: Manche Buchstaben gebe es auf Deutsch nicht, zum Beispiele mehrere Laute, die alle wie das englische „th“ klingen, sich aber doch ein wenig unterscheiden. Auch Yousif Haas’ deutsche Frau spricht Arabisch, genau wie die ältesten der sieben Kinder. Im Urlaub im Sudan schickt er die Familie gern zum Einkaufen, sagt er: „Es geht nicht nur darum, dann Arabisch zu sprechen, sondern auch um das Handeln, das gibt es hier nicht.“ Bei den Kindern sei das Interesse an der Muttersprache des Vaters eine Zeit lang weg gewesen, „aber vor Kurzem waren wir wieder im Sudan, und da kam heraus, was sie früher einmal gelernt haben“.

 

Wie klingt eigentlich Kiswahili, Türkisch oder Arabisch? Drei Acherner stellen sich vor:

Mit dem „Welttag der Muttersprache“ am 21. Februar will die Unesco auf die Bedeutung des Kulturguts Sprache hinweisen, Sprachvielfalt fördern und sprachliche und kulturelle Traditionen bewusst machen.
Am 21. Februar 1952 wurde im damaligen Ost-Pakistan gegen die Einführung von Urdu als Amtssprache demonstriert – nur drei Prozent der Bevölkerung sprach Urdu, die Mehrheit sprach Bengali, so die Unesco. Die Region erklärte 1971 nach neun Monaten Bürgerkrieg die Unabhängigkeit von Pakistan, Bengali wurde die Landessprache im neuen Staat Bangladesch.