Der Architekt Karl Dernfeld mit seiner Familie | Foto: Stadtarchiv Baden-Baden

BNN-Serie

150 Jahre Kurhaus-Kolonnaden in Baden-Baden

Die Kurhaus-Kolonnaden in Baden-Baden werden 150 Jahre alt. Diese Bauaufgabe ist typisch für Kurstädte des 19. Jahrhunderts, hat aber in Baden-Baden eine besondere Ausgestaltung erfahren. Verantwortlich war der junge Architekt Karl Dernfeld, der vom Spielbankpächter Edouard Bénazet den Auftrag erhielt. Diese BNN-Serie beschreibt in fünf Folgen die Baugeschichte. Die Serie ist zwischen dem 13. April und dem 9. Mai erschienen.

Folge 1: Das Vergnügen steht im Vordergrund

Was macht eine Kurstadt zu etwas Besonderem? Kurarchitektur bildet eine eigene Gattung innerhalb der Baukunst. Allerdings hat sie nicht in allen Epochen hervorragende Beispiele hervorgebracht, vielmehr konzentrieren diese sich auf die römische Kaiserzeit und das 19. Jahrhundert. Das Erscheinungsbild der Kurarchitektur ist vielfältig und wird durch zum Teil unterschiedliche Typen für gesellschaftliche Zwecke und den Badebetrieb geprägt.

Erster Höhepunkt in der Antike

Kurarchitektur wird vor allem durch ihre Aufgabe, dem Kurbetrieb zu dienen, definiert. Dieser hat seit der Antike neben dem gesundheitlichen immer auch einen gesellschaftlichen Aspekt. Deshalb gehören neben Badehäusern auch Bauwerke, die der Unterhaltung der Gäste dienen, zum Spektrum der Kurarchitektur.
In den Bädern suchten die Gäste Genesung und Entspannung in mineralischem Thermalwasser, dem bereits in der Antike eine medizinische Wirkung zugeschrieben wurde. In den Bauten für gesellschaftliche Zwecke stand das Vergnügen im Vordergrund, das weder mit der medizinischen Kur noch mit Wellness im modernen Sinne etwas zu tun hat. Vielmehr drehte sich alles um Freizeitaktivitäten wie Tanz oder Glücksspiel.

Synthese zwischen Architektur und Landschaft: die Kurstadt Baden-Baden | Foto: Ulrich Coenen

Architektur und Landschaft verschmelzen

Kurstädte des 19. Jahrhunderts zeichnen sich durch eine lockere Bebauung mit vielen Grünflächen aus. Architektur und Kurparks verschmelzen zu einer Einheit. Die in Form von englischen Gärten angelegten Parks gehen nahtlos in die freie Landschaft über. Die Kurstädte des 19. Jahrhunderts bilden geradezu eine Synthese aus Kurarchitektur und Landschaft.

Idealanlagen sind selten

Die neuen Kurgebäude des 19. Jahrhunderts entstanden in der Regel außerhalb der Altstädte. Sie sind nicht ohne ihre Einbettung in Kurparks verständlich. Dabei passen sich die Kurstädte in der Regel der Topografie und vor allem dem Quellgebiet an. Idealanlagen sind im 19. Jahrhundert die Ausnahme. Beispiele sind das 1793 gegründete Franzensbad in Böhmen, die Altstadt von Wiesbaden, die nach Plänen von Carl Florian Götz und Johann Christian Zais zwischen 1805 und 1830 mit einem Straßensystem in Form eines Fünfecks umgeben wurde, und Friedrich Weinbrenners nicht realisiertes städtebauliches Konzept für Badenweiler (1820).

Baden-Baden zählt zu den bedeutendsten Kurstädten Europas. | Foto: Ulrich Coenen

Spezielle Bautypen

Neben den städtebaulichen Besonderheiten spielen spezielle Bautypen eine wichtige Rolle. Allgemein lässt sich bei öffentlichen Bauaufgaben seit der Wende zum 19. Jahrhundert eine Differenzierung konstatieren, die in großem Umfang Bauwerke für gesellschaftliche Anlässe betraf. Neben Bauten für kulturelle Zwecke wie Theater, Oper und Museum sind Festsäle und Vereinshäuser zu nennen. An die Stelle von Gasthäusern und Herbergen traten Hotels. Sie boten nicht nur Übernachtungsmöglichkeiten und Verpflegung, sondern waren auch wichtige Orte der Kommunikation.

Einmalige Kulisse: Blick vom Baden-Badener Kurhaus in Richtung Altstadt. Das Kurhaus wurde 1821 bis 1824 von Friedrich Weinbrenner erbaut. | Foto: Ulrich Coenen

Architektur für Touristen

Die große Verbreitung von Gebäuden für Bildung, Kommunikation und Freizeit beschränkte sich nicht auf die Kurstädte, sondern war typisch für alle Städte der Epoche. Allerdings konzentrierten sich diese Einrichtungen gerade in den Kurorten. Der Bedarf war dort größer als in „normalen“ Städten. In Kurorten überstieg die Zahl der Gäste, die hier Erholung suchten, die der Einwohner. Für diese Touristen musste das Angebot an Gesellschaftsbauten, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen natürlich größer sein als beispielsweise in einer Industriestadt.

Kurstädte hatten also bei der Ausgestaltung der Bauwerke für gesellschaftliche Anlässe und Freizeitgestaltung im 19. Jahrhundert eine wichtige Funktion. Dort entstanden Bauaufgaben, die es nur in diesen Städten gab. Bei diesen Haupttypen der Kurarchitektur handelt es sich um Kurhaus, Trinkhalle und Kurbad/Thermalbad.

Gesamtkunstwerk

Daneben wird das Erscheinungsbild der Kurstädte schließlich auch von Landschaftsgärten, Hotels und Villen, aber auch von Theatern, Museen, Bergbahnen und diversen Aussichtstürmen bestimmt. Diese Nebentypen sind aber nicht auf die Kurstadt beschränkt, sondern im 19. Jahrhundert weit verbreitete Bauaufgaben. Die Vielfalt der genannten Bautypen macht die Kurstadt zu einem „Gesamtkunstwerk“.

Die Kurhaus-Kolonnaden in Baden-Baden sind ein Werk von Karl Dernfeld. Sie entstanden in den Jahren 1867 und 1868. | Foto: Ulrich Coenen

Folge 2: Die ersten Buden waren nur aus Holz

Was sind eigentlich Kurhauskolonnaden? Ein Blick in die Fachliteratur des 19. Jahrhunderts gibt Auskunft. Jonas Mylius und Heinrich Wagner behandeln in einem der insgesamt 143 Bände der renommierten Reihe „Handbuch der Architektur“ gemeinsam mit den Trinkhallen die „Wandelbahnen und Colonnaden“. Der Titel „Baulichkeiten für Cur- und Badeorte“ erschien 1894. Als wichtigstes Beispiel nennen die Autoren die Kolonnaden des Wiesbadener Kurhauses. Diese flankieren die Stadtseite des Kurhauses und erweitern es – obwohl freistehend – zur Dreiflügelanlage. Die sogenannte Brunnenkolonnade wurde 1823 bis 1825 von Oberbaurat Heinrich Jakob Zengler errichtet, die Theaterkolonnade folgte 1839 nach einem Entwurf von Baurat Faber.

Die Theaterkolonnaden in Wiesbaden wurden 1839 nach einem Entwurf von Baurat Faber in der unmittelbaren Nachbarschaft des Wiesbadener Kurhauses gebaut | Foto: Ulrich Coenen

Mit Trinkhallen verwandt

Formal sind Trinkhallen und Kolonnaden eng verwandt, der entscheidende Unterschied besteht im Fehlen eines Brunnens zur Entnahme von Thermalwasser in den Wandelhallen. Diese waren – wie beispielsweise in Wiesbaden – häufig mit Verkaufsständen bestückt und ähnelten in dieser Beziehung den Galerien der Kurhäuser, in denen ebenfalls Läden untergebracht waren. Eine exakte Trennung der beiden Bauaufgaben ist schwierig, weil die Grenzen fließend sind. Zusammenfassend lässt sich feststellen: Trinkhallen dienen mehr der Therapie, Wandelhallen eher der Zerstreuung.

Formal verwandt sind Trinkhallen und Kolonnaden. Das Foto zeigt die Trinkhalle in Baden-Baden, die Heinrich Hübsch 1839 bis 1841 erbaute. | Foto: Ulrich Coenen

Neue Lösung in Baden-Baden

Kolonnaden im eigentlichen Sinne gibt es in Baden-Baden nicht. Der Begriff aus der architektonischen Formenlehre bezeichnet nämlich einen lang gestreckten Säulengang, wie er seit der Antike üblich war. Im Gegensatz zur Arkade mit ihren aneinandergereihten Rundbögen, tragen die Säulen einer Kolonnade ein Gebälk, also einen geraden Abschluss. Die Kurhaus-Kolonnaden in Wiesbaden sind ein typisches Beispiel aus dem 19. Jahrhundert. In Baden-Baden ging man einen neuen Weg. Als formal völlig anderes Angebot für die Kurgäste errichtete Karl Dernfeld als Nachfolger von hölzernen Buden die heutigen Boutiquen vor dem Kurhaus. Sie orientieren sich nicht am Vorbild antiker Kolonnaden.

Hölzerne Buden standen zu Beginn des 19. Jahrhunderts an der Stelle der heutigen Kurhaus-Kolonnaden in Baden-Baden. Das Skizzenbuch von Urban Keller aus dem Jahr 1814, das im Stadtmuseum Baden-Baden erhalten ist, zeigt den Zustand des frühen 19. Jahrhunderts. | Foto: Stadtmuseum Baden-Baden

Vorgängerbauten aus Holz

Dernfelds Boutiquen haben eine längere Vorgeschichte. Acht hölzerne Läden gab es bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts vor dem Promenadehaus. Das war der Vorgängerbau des linken Seitentraktes des heutigen Kurhauses, in dem sich die Gastronomie befindet. Ein Plan im Generallandesarchiv Karlsruhe von 1816 zeigt die von Buden gerahmte Kastanienallee. 1817 baute Oberingenieur Dyckerhof sie neu. Vermutlich waren sie baufällig geworden. Allerdings konnten die neuen Buden das Publikum nicht begeistern. Der Großherzogliche Baudirektor Friedrich Weinbrenner errichtete bereits 1818 für 3 200 Gulden zwölf neue Buden. Später kamen vier weitere hinzu. 1839 waren es insgesamt 25 Läden.
Die Mehrzahl stand beiderseits der Kastanienallee, also vor dem zum 1821 bis 1823 von Weinbrenner zum südlichen Seitenpavillon des Kurhauses erweiterten Promenadenhaus. Fünf Buden erhoben sich an der Zufahrt zum nördlichen Seitenpavillon.

Architektenwettbewerb

Bevor Dernfelds Projekt zum Zuge kam, wurde bereits 1864 ein Architektenwettbewerb zum Neubau der Verkaufsboutiquen ausgeschrieben. Die Unterlagen blieben im Generallandesarchiv Karlsruhe erhalten. Josef Durm, der spätere Baudirektor des Großherzogtums Baden, gewann den ersten Preis. Der damals noch unbekannte Architekt war von 1862 bis 1864 Mitarbeiter des Architekten Konrad Kraus in Mainz. Durms Plan wurde nicht ausgeführt. Die Kunsthistorikerin Ulrike Grammbitter berichtet in ihrer 1984 erschienen Dissertation, die Josef Durm gewidmet ist, über dieses Projekt.

Den Wintergarten des Kurhauses Baden-Baden im Stil Louis XVI schuf der Architekt Charles Séchan gemeinsam mit den anderen Sälen des Spielcasinos in den Jahren 1853 bis 1855. | Foto: Ulrich Coenen

Folge 3: Pariser Chick für die Stadt an der Oos

Im 19. Jahrhundert waren Kurstädte eine urbane Sonderform. Sie entwickelten sich zum Treffpunkt eines internationalen Publikums aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen. Zu nennen sind insbesondere Adel, Großbürgertum und Künstler. Typisch für das Freizeitangebot ist, wie der Historiker Ulrich Rosseaux in seinem Vortrag beim Unesco-Workshop 2008 in Baden-Baden festgestellt hat, die Verbindung von Unterhaltung, Kultur, Erholung, Landschaftserlebnis und balneologischer Therapie. Diese manifestierte sich in der Architektur. Obwohl die Industrialisierung voran schritt, wurden die Handwerksbetriebe aus den Kurstädten verdrängt. In diesen Orten war kein Platz für Fabriken und Arbeitersiedlungen. Für die Bevölkerungsschichten, die es sich leisten konnten, entstand in den Kurorten ein Asyl, in dem sie für eine bestimmte Zeit fernab von den Zwängen der Gegenwart Zerstreuung fanden. Kurstädte sind also in gewisser Weise ein Gegenentwurf zur Industriestadt.

Glücksspiel hatte große Bedeutung

Ein wesentlicher Aspekt des Kurwesens im 19. Jahrhundert ist das Glücksspiel, das 1837 in Frankreich und 1872 in Deutschland verboten wurde. Diese Verbote hatten erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklung der Kurorte. Nach dem Glücksspielverbot in Frankreich übernahmen erfolgreiche französische Casinobetreiber die wichtigsten Spielbanken in Deutschland, zum Beispiel Baden-Baden, Homburg und Wiesbaden.

Der Salon Pompadour ist der kleinste der französischen Säle im Kurhaus,. Séchan schuf ihn in den Formen des Louis XV. | Foto: Ulrich Coenen

Spielbankpächter als Mäzene

Die Spielbankpächter waren als Mäzene und Bauherren von großer Bedeutung. Dies gilt insbesondere für die Familie Bénazet in Baden-Baden, aber auch für die Gebrüder Blanc in Homburg. Die von ihnen errichteten oder erweiterten Kurgebäude dienten ausschließlich der Unterhaltung oder kulturellen Zwecken, in jedem Fall aber der Freizeitgestaltung. Einrichtungen für therapeutische Zwecke spielten nur eine untergeordnete Rolle. Alfred de Musset erwähnt die Bäder Baden-Badens in seinem Gedicht „Une bonne fortune“ 1834 mit keinem Wort: „Wasser – ich habe keins, als dort ich war, entdeckt. Doch dass es welches gibt, leugne ich in keiner Weise.“

Jacques Bénazet (1778-1848) ist der Begründer der französischen Dynastie der Spielbankpächter in Baden-Baden. Das Portrait von Louis-Charles Auguste Couder (das Foto zeigt einen Ausschnitt) befindet sich im Besitz der Spielbank. | Foto: pr

Vorbilder aus Frankreich

Mit den französischen Spielbankpächtern hielt ein neubarocker Architekturstil, der sich an Pariser Vorbilden orientierte, Einzug in die deutschen Kurstädte. Die bedeutendsten Beispiele finden sich in Baden-Baden. Die Motive für das Raumprogramm der Kurhauserweiterung 1853 bis 1855 unter der Bauherrschaft der Bénazets entlehnte der Architekt Charles Séchan beispielsweise den Schlössern Versailles, Marly und Trianon. Darauf hat die Bochumer Kunstgeschichte-Professorin Monika Steinhauser 1974 im Aufsatz „Das europäische Modebad des 19. Jahrhunderts“ hingewiesen. Das 1862 eröffnete, im neobarocken Stil erbaute Theater in Baden-Baden des Architekten Charles Derchy ist ein weiteres Beispiel für den Einfluss der Bénazets als Bauherren.

Pariser Chick an der Oos: Ein Stück weit nimmt das Stadttheater Baden-Baden des Architekten Charles Derchy die nur wenige Jahre jüngere Pariser Oper vorweg. | Foto: Ulrich Coenen

Wellness als Ersatz für Unterhaltung

In den wichtigsten deutschen Kurstädten wird erst im Zusammenhang mit dem Glücksspielverbot 1872 in Thermalbäder investiert. In Baden-Baden wurden beispielsweise innerhalb von nur zwei Jahrzehnten drei große Badehäuser errichtet. Um für die Gäste attraktiv zu bleiben, musste die Stadt nach der Schließung der Spielbank in ein Angebot investieren, das man heute als „Wellness“ bezeichnet. Vor 1872 gab es in Deutschland nur in kleineren Kurorten bedeutende Thermalbäder. Weil es dort, ebenso wie in Frankreich seit 1837, kein Glücksspiel gab, wurde in diesen Orten wesentlich früher in therapeutische Einrichtungen investiert. Dadurch erlangten Bauwerke wie das Graf-Eberhards-Bad in Wildbad (heute Palais Thermal) eine Vorbildfunktion.

Kolonnaden unter Pariser Einfluss

Die Kurhauskolonnaden in Baden-Baden gehören noch der vom französischen Geschmack beeinflussten Epoche an, in der die Unterhaltung des Publikums im Mittelpunkt stand. Bauherr Edouard Bénazet hat die Ausgestaltung der Boutiquen maßgeblich beeinflusst. Der französische Spielbankpächter schickte den Baden-Badener Bezirksbauinspektor Karl Dernfeld zu einer Studienreise nach Paris, um Anregungen für den Entwurf zu erhalten. Eine von französischen Einflüssen geprägte Architektur war – wie bei allen Projekten der Spielbankpächter – das erklärte Ziel.

Die Kurhauskolonnaden Baden-Baden säumen eine Kastanienallee. | Foto: Ulrich Coenen

Folge 4: Die Vorbilder stehen in großen Metropolen

Karl Dernfeld fand das Vorbild für die Baden-Badener Kurhaus-Kolonnaden nicht in der Antike, sondern in den Passagen in den großen Städten des 19. Jahrhunderts. Diese interpretiert Johann Friedrich Geist, früherer Professor für Geschichte und Theorie der Architektur an der Universität der Künste in Berlin, in seiner gleichnamigen Dissertation als Abwandlung der Kolonnaden. „Arcade“ und „Colonnade“ sind im Englischen übliche Bezeichnungen für Passagen. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass für die Baden-Badener Boutiquen immer wieder die Bezeichnung Kolonnaden verwandt wird, obwohl dies nicht ganz zutreffend ist.

Architektur der Illusion

Geist sieht das in seiner Dissertation folgendermaßen: Grundsätzlich stellt die Passage, deren frühestes Beispiel die „Galeries de Bois“ aus dem späten 18. Jahrhundert im Palais Royal in Paris sind, einen Verbund einzelner Läden dar, die dem Detailhandel dienen. Passagen haben ein illusionistisches Element: Der Außenraum wird zum Innenraum, indem die Fassaden der Geschäfte ins Innere des Gebäudes gezogen werden. Im Unterschied zu einer Einkaufsstraße ist die Passage mit einem Glasdach gedeckt; die Boutiquen, die den imaginären Straßenraum rahmen, sind völlig gleichförmig.

Vorbilder sind Passagen in Paris

Der Wandaufriss der Läden, die Dernfeld vor dem Baden-Badener Kurhaus errichtete, orientiert sich am Untergeschoss der Passagen. Das Konzept der Baden-Badener Boutiquen wird durch das Fehlen der oberen Stockwerke, in denen Büros, Werkstätten oder Wohnungen untergebracht waren, und des Glasdachs bestimmt. Konkrete Vorbilder gibt es nicht. Rechteckige Schaufenster, die durch Pilaster rhythmisch gegliedert werden, waren in Paris aber bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts üblich. Beispiele, die Geist beschreibt, sind die Passage de l’ Opéra (1822 – 23) und Galerie Vivienne (1825). Die Entwicklung der Verglasung ist aber in Baden-Baden bereits weiter fortgeschritten. Die in der Frühphase der Passagen üblichen, durch Sprossen in kleine quadratische Felder aufgeteilten Schaufenster sind durch Vollverglasungen ersetzt.

Weinbrenner legte Grundriss fest

Die Grundrissform der Gesamtanlage in Baden-Baden legte bereits Friedrich Weinbrenner mit seinen bereits in Folge 2 dieser Serie beschriebenen hölzernen Vorgängerbauten fest. Dernfeld ersetzte die beiden langen Reihen der hölzernen Buden durch eineinhalbgeschossige Bauwerke mit großen rechteckigen Schaufenstern an der Vorder- und Rückseite. Weit ausladende Vordächer aus Eisen, die vollständig um beide Flügel herumgeführt sind, schützen die Gäste vor Wettereinflüssen. Die beiden lang gestreckten, mit flachen Satteldächern gedeckten Baukörper sind lediglich zwei Fensterachsen breit . Sie sind der Topografie angepasst und steigen in Richtung Kurhaus an.

Das Vordach der Kurhauskolonnaden in Baden-Baden schützt die Besucher vor dem Wetter. | Foto: Ulrich Coenen

Große Schaufenster

Die großen Schaufenster und die schmalen Türen der einzelnen Läden mit jeweils zwei Fensterachsen werden durch kräftige Pilaster (Wandvorlagen) mit dorischen Kapitellen, die ein Gebälk auf Konsolen tragen, gerahmt. Fast gleichzeitig wie in Baden-Baden fand der durch Pilaster gerahmte rechteckige Schaufenstertyp übrigens bei einer großstädtischen Passage, der Königin-Augusta-Halle in Köln, Verwendung (1863). Die äußeren Boutiquen sind jeweils als Eckpavillons ausgebildet und werden durch flache Giebel akzentuiert. Der dem Kurhaushaus zugewandte Eckpavillon der nördlichen Kolonnade wurde von August Stürzenacker gemeinsam mit der Erweiterung des Kurhauses (1912 bis 1916) durch eine Konzertmuschel ersetzt.

Gegensatz zu Wiesbaden

Dernfelds Boutiquen stehen im deutlichen Gegensatz zu den in Folge 2 vorgestellten Wiesbadener Kurhauskolonnaden mit ihren streng klassizistischen Formen. Die eineinhalbgeschossigen Boutiquen in Baden-Baden rahmen eine vierreihige Kastanienallee, die zum südlichen Seitenpavillon des Kurhauses führt, und haben mit ihren Geschäften eine ähnliche Aufgabe wie die Verkaufstische in den Wiesbadener Kolonnaden.

Formen der Neurenaissance

Stilistisch orientierte sich Dernfeld an der in den 1860er Jahren weit verbreiteten Formensprache der Neurenaissance und folgte damit dem Beispiel der Passagen in den Großstädten. Deren Fassaden spiegeln stets die Entwicklung der Geschäftshäuser in den Einkaufsstraßen. Der Unterschied besteht darin, dass der Prospekt einer Boutique in den städtischen Passagen in einer langen Reihung wiederholt wird. Das Motiv der Reihung findet sich auch in den Baden-Badener Kolonnaden, allerdings wird der Innenraum der Passage, der nur Außenraum simuliert, in Baden-Baden – wie in einer normalen Einkaufsstraße – wieder zum Außenraum. An die Stelle der Illusion einer Straße rückt die echte Kastanienallee.

Architektur des Adels

Der 1975 gestorbene Bonner Kunstgeschichte-Professor Günther Bandmann leitet den Typus der Passagen übrigens 1966 in einem Aufsatz über die Galleria Vittorio Emanuele II in Mailand von den Galerien der Schlösser ab, die vor allem im 16. und 17. Jahrhundert in Frankreich eine weite Verbreitung fanden. Wie bei zahlreichen anderen kurstädtischen Bauaufgaben gibt es also auch bei den Boutiquen eine Beziehung zu Bauformen des Adels .

Folge 5: Großer Auftrag für jungen Architekten

Wer war der Architekt der Baden-Badener Kurhaus-Kolonnaden? Der zu diesem Zeitpunkt relativ unbekannte Karl Dern­feld erhielt 1868, also im Jahr der Vollendung der Kolonnaden, den Planungsauftrag für sein Hauptwerk: das Friedrichsbad. Nach dem plötzlichem Tod des Großherzoglichen Baudirektors Friedrich Theodor Fischer 1867 war der Bezirksbauinspektor für die Regierung sicherlich eine Verlegenheitslösung. Im Großherzogtum stand kein Architekt zur Verfügung, dem die Leitung der Baudirektion zugetraut wurde, so dass nach den renommierten Behördenchefs Weinbrenner, Hübsch und Fischer nun ein Kollegium gemeinsam die Verantwortung übernahm. Diesem gehörten Karl Joseph Berckmüller, Heinrich Lang und Heinrich Leonhard an. Das Triumvirat an der Spitze der Baudirektion hatte nicht den Einfluss seiner Vorgänger. Den wichtigen Auftrag für den Neubau des Bades in Baden-Baden erhielt auf diese Weise ein Bezirksbauinspektor, der sich durch seine Zusammenarbeit mit Fischer bei den durch diesen initiierten Versuchsreihen qualifiziert hatte.

Das Friedrichsbad in Baden-Baden ist das Hauptwerk von Karl Dernfeld. | Foto: Ulrich Coenen

Über die Biografie Dernfelds ist wenig bekannt. Eine biografische Skizze hat der Autor dieser Serie für den Aufsatz „Baden in Baden-Baden“, der 2001 im Jahrbuch des Historischen Vereins für Mittelbaden (Die Ortenau) erschienen ist, erarbeitet. Die folgenden Angaben folgen diesem Aufsatz.

Blick in den Hauptbadesaal des Friedrichsbades | Foto: Carasana

Der am 21. April 1831 in Gerlachsheim als Sohn eines Domänenrates geborene Architekt erhielt seine Ausbildung nach der Gymnasialzeit in Heidelberg am Poly­technikum in Karlsruhe bei Heinrich Hübsch und Friedrich Eisenlohr. Nach Studienreisen, die Dernfeld ab 1851 unter anderem nach Berlin, Mün­chen und Italien führten, trat er in den badischen Staatsdienst und kam nach Stationen in Hei­delberg und Konstanz 1863 als Bezirksbauinspektor nach Baden-Baden. Dernfeld, der seit 1876 verheiratet war, starb dort am 16. Oktober 1879. Die Sterbeurkunde blieb in der Personengeschichtlichen Sammlung des Stadtarchivs Baden-Baden erhalten. Zu seinen Werken in Baden-Baden zählen die 1866/67 entstandenen Boutiquen vor dem Südflügel des Kurhauses. Dernfeld lieferte auch den Entwurf für die neuro­manische Pfarrkirche St. Bonifa­tius im Stadtteil Lichten­tal (1865-69), im benach­barten Bühl errichtete er die neu­gotische Pfarrkirche St. Pe­ter und Paul (1872-77) und baute das Gottes­haus des 16. bis 18. Jahrhun­derts in der Formen­sprache der Neure­naissance zum Rat­haus um (1879-82). Die ebenfalls neugotische Pfarr­kirche Un­serer Lie­ben Frau in Waibstadt (Rhein-Neckar-Kreis) entstand 1865-68. Au­ßerdem war Dernfeld am Bau des Marmorbades und des zugehörigen Freibades in Ba­den­weiler 1874/75 beteiligt, das ver­antwortlich von Heinrich Leonhard geplant wurde. Unter den Entwurfsskizzen Leonhards für dieses Pro­jekt finden sich auch vier von Dernfeld si­gnierte Pläne.

Die Pfarrkirche St. Peter und Paul und das Rathaus (rechts) in Bühl sind Werke von Karl Dernfeld. | Foto: Ulrich Coenen

Neben seinem unbe­strittenen Hauptwerk, dem Friedrichsbad in den For­men der italie­nischen Hochrenais­sance, ragt die neugotische Pfarrkir­che St. Peter und Paul in Bühl hervor, die fast gleichzeitig ent­stand. Vor­bild für den Turm der dreischiffigen Basilika aus rotem Sandstein ist das Frei­burger Münster.

Dern­feld bereitete sich seit 1868 intensiv auf die Entwurfsarbeiten für das Friedrichsbad vor. Gemeinsam mit Medizinalrat Carl Frech besichtigte er im Auftrag der Regierung bedeutende Badehäuser. Die Planunterlagen für das Friedrichsbad sind verschollen, die einzige Quelle, die Auskunft über die Reise Dernfelds und Frechs gibt, ist deshalb ein Aufsatz in den „Aerztlichen Mitteilungen aus Baden“, der im Jahr der Eröffnung 1877 erschienen ist. Der anonyme Autor berichtet, Dernfeld und Frech hätten „die besuchtesten Badeorte Deutschlands und Frankreichs, sowie hauptsächlich auch unter den Badeanstalten größerer Städte solche in Wien, Ofen-Pesth und Berlin eingehend besichtigt.“ Johann Loeser wiederholt diese Angaben in seiner  Stadtgeschichte von 1891 lediglich.  In der modernen Fachliteratur werden diese Ausführungen ohne Angaben von Quellen präzisiert oder ausgeschmückt. So ist von den „bedeutendsten Kurstädten Deutschlands, Frankreichs und Österreich-Ungarns“ und den „bekanntesten Heil- und Stadtbadeanstalten Europas“ die Rede.

Der Innenraum wird zum Außenraum: Die überachten Geschäftspassagen der Großstädte im 19. Jahrhundert werden in Baden-Baden in eine Kastanienallee versetzt. | Foto: Ulrich Coenen

Der Aachener Stadtbaumeister Joseph Stübben besuchte 1880 als Vorbereitung für einen unrealisierten Entwurf für das Quirinusbad in Aachen zwölf Badeorte in Deutschland, der Schweiz und Frankreich. Im Gegensatz zu Dernfelds Reise ist die Stübbens hervorragend dokumentiert, weil der Stadtbaumeister nach seiner Rückkehr ein Büchlein über seine Eindrücke verfasste. Man darf davon ausgehen, dass die Bäder im französischsprachigen Raum, die Stübben in besonderer Weise beeindruckten, auch von Dernfeld besucht wurden. Zu nennen sind die Anlagen in Spa, Aix-les-Bains und Plombières.