Pariser Chick an der Oos: Ein Stück weit nimmt das Stadttheater Baden-Baden des Architekten Charles Derchy die nur wenige Jahre jüngere Pariser Oper vorweg. | Foto: Ulrich Coenen

BNN-Serie

150 Jahre Kurhaus-Kolonnaden in Baden-Baden

Die Kurhaus-Kolonnaden in Baden-Baden werden 150 Jahre alt. Diese Bauaufgabe ist typisch für Kurstädte des 19. Jahrhunderts, hat aber in Baden-Baden eine besondere Ausgestaltung erfahren. Verantwortlich war der junge Architekt Karl Dernfeld, der vom Spielbankpächter Edouard Bénazet den Auftrag erhielt. Diese BNN-Serie beschreibt in fünf Folgen die Baugeschichte. Die erste Folge ist am 13. April erschienen. In den nächsten Wochen werden an dieser Stelle die weiteren Folgen eingestellt. 

Folge 1: Das Vergnügen steht im Vordergrund

Was macht eine Kurstadt zu etwas Besonderem? Kurarchitektur bildet eine eigene Gattung innerhalb der Baukunst. Allerdings hat sie nicht in allen Epochen hervorragende Beispiele hervorgebracht, vielmehr konzentrieren diese sich auf die römische Kaiserzeit und das 19. Jahrhundert. Das Erscheinungsbild der Kurarchitektur ist vielfältig und wird durch zum Teil unterschiedliche Typen für gesellschaftliche Zwecke und den Badebetrieb geprägt.

Erster Höhepunkt in der Antike

Kurarchitektur wird vor allem durch ihre Aufgabe, dem Kurbetrieb zu dienen, definiert. Dieser hat seit der Antike neben dem gesundheitlichen immer auch einen gesellschaftlichen Aspekt. Deshalb gehören neben Badehäusern auch Bauwerke, die der Unterhaltung der Gäste dienen, zum Spektrum der Kurarchitektur.
In den Bädern suchten die Gäste Genesung und Entspannung in mineralischem Thermalwasser, dem bereits in der Antike eine medizinische Wirkung zugeschrieben wurde. In den Bauten für gesellschaftliche Zwecke stand das Vergnügen im Vordergrund, das weder mit der medizinischen Kur noch mit Wellness im modernen Sinne etwas zu tun hat. Vielmehr drehte sich alles um Freizeitaktivitäten wie Tanz oder Glücksspiel.

Synthese zwischen Architektur und Landschaft: die Kurstadt Baden-Baden | Foto: Ulrich Coenen

Architektur und Landschaft verschmelzen

Kurstädte des 19. Jahrhunderts zeichnen sich durch eine lockere Bebauung mit vielen Grünflächen aus. Architektur und Kurparks verschmelzen zu einer Einheit. Die in Form von englischen Gärten angelegten Parks gehen nahtlos in die freie Landschaft über. Die Kurstädte des 19. Jahrhunderts bilden geradezu eine Synthese aus Kurarchitektur und Landschaft.

Idealanlagen sind selten

Die neuen Kurgebäude des 19. Jahrhunderts entstanden in der Regel außerhalb der Altstädte. Sie sind nicht ohne ihre Einbettung in Kurparks verständlich. Dabei passen sich die Kurstädte in der Regel der Topografie und vor allem dem Quellgebiet an. Idealanlagen sind im 19. Jahrhundert die Ausnahme. Beispiele sind das 1793 gegründete Franzensbad in Böhmen, die Altstadt von Wiesbaden, die nach Plänen von Carl Florian Götz und Johann Christian Zais zwischen 1805 und 1830 mit einem Straßensystem in Form eines Fünfecks umgeben wurde, und Friedrich Weinbrenners nicht realisiertes städtebauliches Konzept für Badenweiler (1820).

Baden-Baden zählt zu den bedeutendsten Kurstädten Europas. | Foto: Ulrich Coenen

Spezielle Bautypen

Neben den städtebaulichen Besonderheiten spielen spezielle Bautypen eine wichtige Rolle. Allgemein lässt sich bei öffentlichen Bauaufgaben seit der Wende zum 19. Jahrhundert eine Differenzierung konstatieren, die in großem Umfang Bauwerke für gesellschaftliche Anlässe betraf. Neben Bauten für kulturelle Zwecke wie Theater, Oper und Museum sind Festsäle und Vereinshäuser zu nennen. An die Stelle von Gasthäusern und Herbergen traten Hotels. Sie boten nicht nur Übernachtungsmöglichkeiten und Verpflegung, sondern waren auch wichtige Orte der Kommunikation.

Einmalige Kulisse: Blick vom Baden-Badener Kurhaus in Richtung Altstadt. Das Kurhaus wurde 1821 bis 1824 von Friedrich Weinbrenner erbaut. | Foto: Ulrich Coenen

Architektur für Touristen

Die große Verbreitung von Gebäuden für Bildung, Kommunikation und Freizeit beschränkte sich nicht auf die Kurstädte, sondern war typisch für alle Städte der Epoche. Allerdings konzentrierten sich diese Einrichtungen gerade in den Kurorten. Der Bedarf war dort größer als in „normalen“ Städten. In Kurorten überstieg die Zahl der Gäste, die hier Erholung suchten, die der Einwohner. Für diese Touristen musste das Angebot an Gesellschaftsbauten, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen natürlich größer sein als beispielsweise in einer Industriestadt.

Kurstädte hatten also bei der Ausgestaltung der Bauwerke für gesellschaftliche Anlässe und Freizeitgestaltung im 19. Jahrhundert eine wichtige Funktion. Dort entstanden Bauaufgaben, die es nur in diesen Städten gab. Bei diesen Haupttypen der Kurarchitektur handelt es sich um Kurhaus, Trinkhalle und Kurbad/Thermalbad.

Gesamtkunstwerk

Daneben wird das Erscheinungsbild der Kurstädte schließlich auch von Landschaftsgärten, Hotels und Villen, aber auch von Theatern, Museen, Bergbahnen und diversen Aussichtstürmen bestimmt. Diese Nebentypen sind aber nicht auf die Kurstadt beschränkt, sondern im 19. Jahrhundert weit verbreitete Bauaufgaben. Die Vielfalt der genannten Bautypen macht die Kurstadt zu einem „Gesamtkunstwerk“.

Die Kurhaus-Kolonnaden in Baden-Baden sind ein Werk von Karl Dernfeld. Sie entstanden in den Jahren 1867 und 1868. | Foto: Ulrich Coenen

Folge 2: Die ersten Buden waren nur aus Holz

Was sind eigentlich Kurhauskolonnaden? Ein Blick in die Fachliteratur des 19. Jahrhunderts gibt Auskunft. Jonas Mylius und Heinrich Wagner behandeln in einem der insgesamt 143 Bände der renommierten Reihe „Handbuch der Architektur“ gemeinsam mit den Trinkhallen die „Wandelbahnen und Colonnaden“. Der Titel „Baulichkeiten für Cur- und Badeorte“ erschien 1894. Als wichtigstes Beispiel nennen die Autoren die Kolonnaden des Wiesbadener Kurhauses. Diese flankieren die Stadtseite des Kurhauses und erweitern es – obwohl freistehend – zur Dreiflügelanlage. Die sogenannte Brunnenkolonnade wurde 1823 bis 1825 von Oberbaurat Heinrich Jakob Zengler errichtet, die Theaterkolonnade folgte 1839 nach einem Entwurf von Baurat Faber.

Die Theaterkolonnaden in Wiesbaden wurden 1839 nach einem Entwurf von Baurat Faber in der unmittelbaren Nachbarschaft des Wiesbadener Kurhauses gebaut | Foto: Ulrich Coenen

Mit Trinkhallen verwandt

Formal sind Trinkhallen und Kolonnaden eng verwandt, der entscheidende Unterschied besteht im Fehlen eines Brunnens zur Entnahme von Thermalwasser in den Wandelhallen. Diese waren – wie beispielsweise in Wiesbaden – häufig mit Verkaufsständen bestückt und ähnelten in dieser Beziehung den Galerien der Kurhäuser, in denen ebenfalls Läden untergebracht waren. Eine exakte Trennung der beiden Bauaufgaben ist schwierig, weil die Grenzen fließend sind. Zusammenfassend lässt sich feststellen: Trinkhallen dienen mehr der Therapie, Wandelhallen eher der Zerstreuung.

Formal verwandt sind Trinkhallen und Kolonnaden. Das Foto zeigt die Trinkhalle in Baden-Baden, die Heinrich Hübsch 1839 bis 1841 erbaute. | Foto: Ulrich Coenen

Neue Lösung in Baden-Baden

Kolonnaden im eigentlichen Sinne gibt es in Baden-Baden nicht. Der Begriff aus der architektonischen Formenlehre bezeichnet nämlich einen lang gestreckten Säulengang, wie er seit der Antike üblich war. Im Gegensatz zur Arkade mit ihren aneinandergereihten Rundbögen, tragen die Säulen einer Kolonnade ein Gebälk, also einen geraden Abschluss. Die Kurhaus-Kolonnaden in Wiesbaden sind ein typisches Beispiel aus dem 19. Jahrhundert. In Baden-Baden ging man einen neuen Weg. Als formal völlig anderes Angebot für die Kurgäste errichtete Karl Dernfeld als Nachfolger von hölzernen Buden die heutigen Boutiquen vor dem Kurhaus. Sie orientieren sich nicht am Vorbild antiker Kolonnaden.

Hölzerne Buden standen zu Beginn des 19. Jahrhunderts an der Stelle der heutigen Kurhaus-Kolonnaden in Baden-Baden. Das Skizzenbuch von Urban Keller aus dem Jahr 1814, das im Stadtmuseum Baden-Baden erhalten ist, zeigt den Zustand des frühen 19. Jahrhunderts. | Foto: Stadtmuseum Baden-Baden

Vorgängerbauten aus Holz

Dernfelds Boutiquen haben eine längere Vorgeschichte. Acht hölzerne Läden gab es bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts vor dem Promenadehaus. Das war der Vorgängerbau des linken Seitentraktes des heutigen Kurhauses, in dem sich die Gastronomie befindet. Ein Plan im Generallandesarchiv Karlsruhe von 1816 zeigt die von Buden gerahmte Kastanienallee. 1817 baute Oberingenieur Dyckerhof sie neu. Vermutlich waren sie baufällig geworden. Allerdings konnten die neuen Buden das Publikum nicht begeistern. Der Großherzogliche Baudirektor Friedrich Weinbrenner errichtete bereits 1818 für 3 200 Gulden zwölf neue Buden. Später kamen vier weitere hinzu. 1839 waren es insgesamt 25 Läden.
Die Mehrzahl stand beiderseits der Kastanienallee, also vor dem zum 1821 bis 1823 von Weinbrenner zum südlichen Seitenpavillon des Kurhauses erweiterten Promenadenhaus. Fünf Buden erhoben sich an der Zufahrt zum nördlichen Seitenpavillon.

Architektenwettbewerb

Bevor Dernfelds Projekt zum Zuge kam, wurde bereits 1864 ein Architektenwettbewerb zum Neubau der Verkaufsboutiquen ausgeschrieben. Die Unterlagen blieben im Generallandesarchiv Karlsruhe erhalten. Josef Durm, der spätere Baudirektor des Großherzogtums Baden, gewann den ersten Preis. Der damals noch unbekannte Architekt war von 1862 bis 1864 Mitarbeiter des Architekten Konrad Kraus in Mainz. Durms Plan wurde nicht ausgeführt. Die Kunsthistorikerin Ulrike Grammbitter berichtet in ihrer 1984 erschienen Dissertation, die Josef Durm gewidmet ist, über dieses Projekt.

Den Wintergarten des Kurhauses Baden-Baden im Stil Louis XVI schuf der Architekt Charles Séchan gemeinsam mit den anderen Sälen des Spielcasinos in den Jahren 1853 bis 1855. | Foto: Ulrich Coenen

Folge 3: Pariser Chick für die Stadt an der Oos

Im 19. Jahrhundert waren Kurstädte eine urbane Sonderform. Sie entwickelten sich zum Treffpunkt eines internationalen Publikums aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen. Zu nennen sind insbesondere Adel, Großbürgertum und Künstler. Typisch für das Freizeitangebot ist, wie der Historiker Ulrich Rosseaux in seinem Vortrag beim Unesco-Workshop 2008 in Baden-Baden festgestellt hat, die Verbindung von Unterhaltung, Kultur, Erholung, Landschaftserlebnis und balneologischer Therapie. Diese manifestierte sich in der Architektur. Obwohl die Industrialisierung voran schritt, wurden die Handwerksbetriebe aus den Kurstädten verdrängt. In diesen Orten war kein Platz für Fabriken und Arbeitersiedlungen. Für die Bevölkerungsschichten, die es sich leisten konnten, entstand in den Kurorten ein Asyl, in dem sie für eine bestimmte Zeit fernab von den Zwängen der Gegenwart Zerstreuung fanden. Kurstädte sind also in gewisser Weise ein Gegenentwurf zur Industriestadt.

Glücksspiel hatte große Bedeutung

Ein wesentlicher Aspekt des Kurwesens im 19. Jahrhundert ist das Glücksspiel, das 1837 in Frankreich und 1872 in Deutschland verboten wurde. Diese Verbote hatten erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklung der Kurorte. Nach dem Glücksspielverbot in Frankreich übernahmen erfolgreiche französische Casinobetreiber die wichtigsten Spielbanken in Deutschland, zum Beispiel Baden-Baden, Homburg und Wiesbaden.

Der Salon Pompadour ist der kleinste der französischen Säle im Kurhaus,. Séchan schuf ihn in den Formen des Louis XV. | Foto: Ulrich Coenen

Spielbankpächter als Mäzene

Die Spielbankpächter waren als Mäzene und Bauherren von großer Bedeutung. Dies gilt insbesondere für die Familie Bénazet in Baden-Baden, aber auch für die Gebrüder Blanc in Homburg. Die von ihnen errichteten oder erweiterten Kurgebäude dienten ausschließlich der Unterhaltung oder kulturellen Zwecken, in jedem Fall aber der Freizeitgestaltung. Einrichtungen für therapeutische Zwecke spielten nur eine untergeordnete Rolle. Alfred de Musset erwähnt die Bäder Baden-Badens in seinem Gedicht „Une bonne fortune“ 1834 mit keinem Wort: „Wasser – ich habe keins, als dort ich war, entdeckt. Doch dass es welches gibt, leugne ich in keiner Weise.“

Jacques Bénazet (1778-1848) ist der Begründer der französischen Dynastie der Spielbankpächter in Baden-Baden. Das Portrait von Louis-Charles Auguste Couder (das Foto zeigt einen Ausschnitt) befindet sich im Besitz der Spielbank. | Foto: pr

Vorbilder aus Frankreich

Mit den französischen Spielbankpächtern hielt ein neubarocker Architekturstil, der sich an Pariser Vorbilden orientierte, Einzug in die deutschen Kurstädte. Die bedeutendsten Beispiele finden sich in Baden-Baden. Die Motive für das Raumprogramm der Kurhauserweiterung 1853 bis 1855 unter der Bauherrschaft der Bénazets entlehnte der Architekt Charles Séchan beispielsweise den Schlössern Versailles, Marly und Trianon. Darauf hat die Bochumer Kunstgeschichte-Professorin Monika Steinhauser 1974 im Aufsatz „Das europäische Modebad des 19. Jahrhunderts“ hingewiesen. Das 1862 eröffnete, im neobarocken Stil erbaute Theater in Baden-Baden des Architekten Charles Derchy ist ein weiteres Beispiel für den Einfluss der Bénazets als Bauherren.

Wellness als Ersatz für Unterhaltung

In den wichtigsten deutschen Kurstädten wird erst im Zusammenhang mit dem Glücksspielverbot 1872 in Thermalbäder investiert. In Baden-Baden wurden beispielsweise innerhalb von nur zwei Jahrzehnten drei große Badehäuser errichtet. Um für die Gäste attraktiv zu bleiben, musste die Stadt nach der Schließung der Spielbank in ein Angebot investieren, das man heute als „Wellness“ bezeichnet. Vor 1872 gab es in Deutschland nur in kleineren Kurorten bedeutende Thermalbäder. Weil es dort, ebenso wie in Frankreich seit 1837, kein Glücksspiel gab, wurde in diesen Orten wesentlich früher in therapeutische Einrichtungen investiert. Dadurch erlangten Bauwerke wie das Graf-Eberhards-Bad in Wildbad (heute Palais Thermal) eine Vorbildfunktion.

Kolonnaden unter Pariser Einfluss

Die Kurhauskolonnaden in Baden-Baden gehören noch der vom französischen Geschmack beeinflussten Epoche an, in der die Unterhaltung des Publikums im Mittelpunkt stand. Bauherr Edouard Bénazet hat die Ausgestaltung der Boutiquen maßgeblich beeinflusst. Der französische Spielbankpächter schickte den Baden-Badener Bezirksbauinspektor Karl Dernfeld zu einer Studienreise nach Paris, um Anregungen für den Entwurf zu erhalten. Eine von französischen Einflüssen geprägte Architektur war – wie bei allen Projekten der Spielbankpächter – das erklärte Ziel.

Die Kurhauskolonnaden Baden-Baden säumen eine Kastanienallee. | Foto: Ulrich Coenen