Das Vinccentiushaus in Baden-Baden wird abgerissen. An seiner Stelle entstehen so genannte Stadtvillen. | Foto: Ulrich Coenen

Trotz Architekturpreis

Abrissbagger schreibt letztes Kapitel des Vincentiushauses in Baden-Baden

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Der Abrissbagger schreibt das letzte Kapitel des Vincentiushauses in Baden-Baden. Weil das Gebäude aus der Zeit um 1900 nicht auf der Denkmalliste steht, ist es formal und juristisch in Ordnung, das Haus durch einen Neubau zu ersetzen. Dass viele Baden-Badener den Abbruch bedauern, ist aber nachvollziehbar. Jetzt soll auf dem Vincentiusgelände in der Scheibenstraße der „Jardin du Soleil“ (Sonnengarten) mit 35 hochpreisigen Wohnungen in vier sogenannten Stadtvillen entstehen. In der Mitte der 1970er Jahre rettete das Konzept des Baden-Badener Architekten Heinz-Josef Knapp das Vincentiushaus. Ein zweites Mal konnte es diesem Schicksal nun nicht mehr entgehen.

Bagger reißt Lücke

In Baden-Baden stehen mehr als 1 000 Bauwerke unter Denkmalschutz. Der Vergleich mit diesen Objekten verdeutlicht, dass das Vincentiushauses nicht in der ersten Liga der Baden-Badener Architektur spielt und sich selbstverständlich nicht mit der Trinkhalle oder dem Friedrichsbad vergleichen lässt. Dennoch ist die Architektur des Vincentiushauses anspruchsvoll und hat das städtebauliche Umfeld nachhaltig geprägt. Der Bagger reißt also eine schmerzhafte Lücke ins Stadtbild.

Neugotische Formen

Das Vincentiushaus hat eine lange Geschichte. Es entstand ab 1882 am Rand des Annabergs in neugotischen Formen unter der Bauherrschaft des katholischen Vincentiusvereins auf dem Gelände der Brauerei und Gaststätte „Grüner Hof“. Inschriftlich war der inzwischen verschwundene Giebel an der Gartenseite ins Jahr 1899 datiert. Das Erscheinungsbild des repräsentativen viergeschossigen Bauwerks an der Scheibenstraße, das in mehreren Bauabschnitten errichtet wurde, wurde durch einen mächtigen Seitenrisalit mit Giebel bestimmt. An der Rückseite erstreckte sich ein kleiner Park, der bis zur Hardstraße reichte.

Vernachlässigtes Hotel

Die Katholische Gesamtkirchengemeinde der Stadt erwarb das Gebäude, das nach dem Zweiten Weltkrieg als Familienhotel diente, in der ersten Hälfte der 1970-er Jahre. An der Stelle des vernachlässigten Hotels sollte ein modernes Altenheim mit Pflegestation entstehen. Der Baden-Badener Architekt Heinz-Josef Knapp überzeugte die Bauherrschaft, den Altbau zu erhalten und entwickelte ein Konzept für die Umgestaltung der historischen Bausubstanz.

Gartenseite des Vincentiushauses in Baden-Baden | Foto: Ulrich Coenen

Preisgekrönter Umbau

Der Umbau erfolgte in den Jahren 1975 und 1976 und wurde 1984 vom Bund Deutscher Architekten (BDA) mit der Hugo-Häring-Auszeichnung prämiert. Diese wird seit 1969 vergeben und ist der bedeutendste Architekturpreis in Baden-Württemberg. In Baden-Baden erhielten in den vergangenen viereinhalb Jahrzehnten nur 18 Bauwerke den renommierten Preis.

Neue Interpretation

Knapps Entwurf für die Fassadengestaltung ist eine Neuinterpretation des historistischen Baus. Neugotische Zierformen an der Hauptfassade wurden vereinfacht, der Haupteingang von der Straßen- an die Gartenseite verlegt. Das baufällige Satteldach ersetzte Knapp durch ein neues mit Blech verkleidetes Mansarddach, das im bisher ungenutzten Dachgeschoss zusätzlich Platz für 14 Altenheimbetten schuf. Das Vincentiushaus, das 1983 bis 1984 entlang der Scheibenstraße in östlicher Richtung nach Plänen eines anderen Architekten um einen Anbau erweitert wurde, war in allen drei Geschossen klar gegliedert und wurde jeweils durch einen Mittelkorridor erschlossen und zusammengefasst. Die Ein- bis Dreibettzimmer galten zuletzt als nicht mehr zeitgemäß.

Neubau statt Anpassung

Statt einer Anpassung an die aktuellen Ansprüche setzte der Eigentümer auf einen Neubau. Das Vincetiushaus ist ein frühes Beispiel für Wertschätzung der Baukunst des Historismus, die nach 1945 als Kitsch abgelehnt und massenhaft abgerissen wurde. Nur so ist es zu erklären, dass die originale Ausmalung des Friedrichsbades in den 1950-er Jahren übertüncht wurde. Willy Weyres, Professor für Baugeschichte und Denkmalpflege an der RWTH Aachen und in Personalunion Dombaumeister in Köln, hat mit seinen Publikationen und denen seiner Mitarbeiter Albrecht Mann und Ingeborg Schild ein Umdenken eingeleitet. Als denkmalwürdig gilt die Architektur des Historismus aber in der Regel erst seit den 1980er Jahren. Knapps Umbau von 1975 ist also ein Protoyp für die verdiente Achtung eines noch nicht denkmalgeschützten Gebäudes.

Originalsubstanz ging verloren

Die Veränderungen, die der Architekt vorgenommen hat, um das Vincentiushaus der neuen Aufgabe anzupassen, wurden dem Gebäude später zum Verhängnis. Weil Originalsubstanz verloren ging, gab es keinen Eintrag in die Denkmalliste. Das ist schade, denn das Vincentiushaus war ein Musterbeispiel für Bauen im Bestand und den respektvollen Umgang mit dem historischen Erbe der Zeit um 1900, als man diese in den deutschen Denkmalämtern noch für wertlos hielt