Ihre Arbeit erledigt sie im Theater völlig unauffällig. Ihr Job ist aber wichtig: Agathe Taschke ist Souffleuse. Fotografiert haben wir sie mit Textbuch nicht in einem Kasten, sondern im Spiegelsaal des Theaters Baden-Baden.
Ihre Arbeit erledigt sie im Theater völlig unauffällig. Ihr Job ist aber wichtig: Agathe Taschke ist Souffleuse. Fotografiert haben wir sie mit Textbuch nicht in einem Kasten, sondern im Spiegelsaal des Theaters Baden-Baden. | Foto: Bernd Kamleitner

Theater Baden-Baden

Als Souffleuse ist Agathe Taschke die Hüterin der Worte

Anzeige

Wenn Schauspieler auf der Bühne einen Texthänger haben, ist sie gefragt: Agathe Taschke ist die neue Souffleuse am Theater Baden-Baden. Dass sie versteckt in einem Kasten die Aufführung verfolgt, ist ein Klischee. „Den Kasten suchen die meisten“, antwortet die Dame lachend auf die Frage, mit der sie immer wieder konfrontiert wird. Beim Schauspiel gibt es „den Kasten“ im Haus am Goetheplatz nicht mehr. 

Die Souffleuse sitzt in der Mitte der ersten Reihe – zwischen dem Publikum. „Meine Nachbarn kriegen mit, dass sie in einer echten Live-Vorstellung sitzen“, sieht Taschke darin nicht etwa ein störendes Element, sondern einen Vorteil.

Nähe zum Theater ist Voraussetzung

Ihr Vollzeitjob ist ein äußerst seltener, aber auch ein aussterbender, weil immer mehr Theater den Textflüsterer einsparen oder diesen etwa durch ein Ensemble-Mitglied an der Bühnenseite ersetzen. Eine Ausbildung gibt es für eine Hüterin der Worte nicht, aber die Nähe zum Theater ist für diese Arbeit eine Grundvoraussetzung.

Zum Job als Souffleuse kam sie zufällig

Bevor Taschke Lehramt in Karlsruhe studierte, war sie in der Theatergruppe der Kirchengemeinde St. Elisabeth in der Karlsruher Südweststadt aktiv. Zu ihrem ersten Job als Souffleuse kam sie aber zufällig – als Mitwirkende bei den Burgfestspielen in Jagsthausen im Landkreis Heilbronn.

Ich war zufällig in der Nähe, als eine gebraucht wurde

Für den „Götz von Berlichingen“ wurde für die Souffleuse eine Nachfolgerin gesucht, weil die amtierende nach 30 Jahren aufhörte. „Ich war zufällig in der Nähe, als eine gebraucht wurde“, erinnert sie sich an die Anfänge. Neun Festspielsommer half Taschke in Vorstellungen der Burgfestspiele bei Texthängern, danach drei Spielzeiten in Ulm. Jetzt ist sie aus familiären Gründen an die Oos gezogen und freut sich, „dass ich sehr gut und sehr schnell aufgenommen wurde“. In ihrer Freizeit ist sie gerne in der Lichtentaler Allee unterwegs

Das Theater in Baden-Baden.
Das Theater in Baden-Baden. | Foto: Bernd Kamleitner (Archiv)

Ihre Aufgabe am Theater erlebt sie als eine spannende: „Ich begleite das Stück von der ersten Leseprobe bis zur letzten Aufführung.“ Wie ist das, wenn der Fall der Fälle bei der Vorstellung eintritt? „Man muss den idealen Moment abpassen“, sagt die Souffleuse.

Nicht sofort reingrätschen

In der Praxis heißt das: Bei einer verdächtigen Pause auf der Bühne „nicht sofort reingrätschen“. Zumal Schauspieler ganz unterschiedliche Ansprüche an die Souffleuse stellen. Manche wollen, dass sie auf keinen Fall was flüstert, um selbst wieder den Anschluss zu finden. Andere fordern ihre Hilfe nach dem Motto „Gib’ mir rein!“ Taschke flüstert dann aber kein kurzes Allerweltswort wie etwa ein „Es“: „Das hilft überhaupt nicht!“

Ein Wort wie ein Schlüssel

Prägnant muss die geflüsterte Textunterstützung sein: ein Wort wie ein Schlüssel, der fehlt. Manchmal helfen sich die Schauspieler außerdem auf der Bühne auch gegenseitig und überbrücken gemeinsamen einen Aussetzer.

Bei der Premiere ist Texthängergefahr am größten

Texthänger im Theater sind nichts Ungewöhnliches. „Das kommt schon vor“, berichtet die Souffleuse. Gefährdet sind die Mimen vor allem in Premieren, so ihre Erfahrung. „Da sind alle nervös!“ Ihr Credo: „Das Allerwichtigste ist, dass man Zuversicht ausstrahlt und Ruhe reinbringt!“ Außerdem laufe jeder Abend am Theater ohnehin anders. Das Publikum zeige zum Teil ganz unterschiedliche Reaktionen, weiß die Souffleuse.

Passagen kennt auch die Souffleuse auswendig

Auch wenn Taschke bei einem Stück von Anfang an dabei ist, auswendig kennt sie den Text dennoch nicht. Passagen sind ihr auf jeden Fall geläufig, aber ein komplettes Textbuch? „Ich hab’s noch nicht ausprobiert“, antwortet sie auf diese Frage.

Ich möchte nicht so oft blättern

In der Vorstellung hafter ihr Blick jedenfalls auf dem Textbuch – Zeile für Zeile. Damit sie nicht so oft umblättern muss, hat sie den Text in breiteren Zeilen auf den Blättern und mit weniger Leerzeichen. Das kompakte Format macht für sie Sinn, weil sie damit Rücksicht auf die Sitznachbarn in der ersten Reihe nimmt: „Ich möchte nicht so oft blättern“, erklärt Taschke.

Das falsche Textbuch, das wäre der Alptraum

Gibt es für eine Souffleuse auch so etwas wie eine Super-Panne? Sie nickt: Ja! Das falsche Textbuch in der Hand zu halten, das wäre ein Alptraum. Passiert ist es Taschke aber zum Glück noch nie. Die Gefahr, ein Textmanuskript daheim zu vergessen, besteht nicht: Die Bücher werden im Theater gelagert.