In ist, wer drin ist: Nach nur vier Minuten war das Konzert von Tim Bendzko ausverkauft. | Foto: Elisa Reznicek

„Ich hasse Sam Fender“

Am Ende begeistert Tim Bendzko: So war das New Pop-Festival in Baden-Baden

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Mit dem Auftritt von Tim Bendzko endete das 25. SWR New Pop-Festival in Baden-Baden am Sonntag. Bereits an den Tagen zuvor waren im Rahmen des Festivals zahlreiche bekannte und noch nicht ganz so bekannte Acts in der Kurstadt aufgetreten. Für Bendzko bedeutete der Auftritt in gewisser Hinsicht auch eine Rückkehr zum Ausgangspunkt seiner eigenen Erfolgsgeschichte.

Von Elisa Reznicek

Nur ganze vier Minuten waren nötig – dann war das Konzert von Tim Bendzko in Baden-Baden ausverkauft. Ein Geschwindigkeitsrekord, den der 34-Jährige live bei der 25. Auflage des SWR New Pop Festivals sogar noch unterbieten kann.

Ein paar Takte genügen

Schon nach den ersten Takten fliegen dem Sympathieträger der deutschen Popmusik die Herzen im Theater zu. Genau hier legte der Macher von Songs wie „Nur noch kurz die Welt retten“ und „Keine Maschine“ 2011 selbst als Newcomer los. Mehrere Jahre und beachtliche Charterfolge später steht Mitte Oktober das neue Album „Filter“ an, aus dem bereits die Singles „Hoch“ und „Nur wegen dir“ veröffentlicht wurden.

Erste Live-Premieren erklingen exklusiv in der „New Pop City“. Bendzkos Auftritt ist zugleich Zugabe und Abschluss des Jubiläumsfestivals mit insgesamt rund 60 000 Besuchern – so viele wie noch nie.

Scherz am Rande: „Ich hasse Sam Fender“

Am Samstag war ein sattes reguläres Programm mit fünf Acts zu erleben. Neben musikalischen Darbietungen gaben die Künstler auf dem Festival auch Einblicke in ihre Person – etwa im Talk mit Moderator Pierre M. Kraus. Dabei überraschte Lewis Capaldi etwa mit folgender Aussage: „Sam Fender bringt das Blut in meinen Adern zum Kochen! Ich hasse diesen Typen wirklich.“

Doch ehe man sich überhaupt wundern kann, bricht ein ansteckendes Lachen aus dem Schotten heraus. „Wisst ihr, wir waren beide für den ‚Critics Choice Award‘ bei den Brit Awards nominiert und er hat ihn gewonnen“, erklärt Capaldi. „Außerdem sieht Sam Fender verdammt gut aus und sein Album ist der Wahnsinn.“

Der junge Bruce Springsteen?

Eine „Unverschämtheit“, von der man sich selbst ein Bild machen sollte! Sam Fender wird von den einen als „junger Bruce Springsteen“ hochgejazzt (ihn ehrt er mit einem bewegenden Cover von „Dancing In The Dark“) und von den anderen als Neuerfinder des Britpop (mit besten Grüßen an Oasis) oder gar neue Stimme einer ganzen Generation gefeiert. Dass tatsächlich jede einzelne dieser Vorschuss-Lorbeeren berechtigt ist, beweist sein Auftritt im Kurhaus, der neben Capaldi tags zuvor im Festspielhaus zu den absoluten Highlights des Festivals zählt.

Nur einen Tag nach der Veröffentlichung des lange erwarteten Debütalbums „Hypersonic Missiles“ spielt der 23-Jährige aus dem Nordosten Englands in Baden-Baden mit einer Dringlichkeit und Intensität auf, die sich kaum in Worte fassen lässt. Dabei ist es völlig unerheblich, ob er mit kompletter Band inklusive Saxofon oder mutterseelenallein auf der Bühne steht.

Großes Kino

Titel wie „Dead Boys“, „Play God“, „Will We Talk?“ und „White Privilege“ verpacken Hoffnungen, Ängste und jede Menge kluge Beobachtungen zum Zeitgeist in Musik. Die Rede ist beispielsweise von der Realitätsflucht in Bars oder virtuellen Welten (auf die Spitze getrieben in der Textzeile „I wanna be anybody but me“), „alten Säcken, die den Brexit verkackt haben“, hohen Selbstmordraten unter jungen Männern, neuen Begegnungen und schweren Abschieden. Das ist weit mehr als Rock von einem schluffigen Typen in seiner Sturm-und-Drang-Phase: Das ist ganz großes Kino!

Der Tag wird von Christopher im Festspielhaus eröffnet. Der „Bilderbuch-Skandinavier“ ist in Nordeuropa bereits eine große Nummer und beschließt mit seinem Auftritt zugleich seine Sommertour. Hierzulande läuft der Däne noch weitgehend unter dem Radar, wie er mit einer gesunden Prise Selbstironie sogar höchstpersönlich einräumt. „Keine Sorge, wenn ihr meine Songs noch nicht kennt“, erklärt der 31-Jährige mit der strahlenden, hohen Gesangsstimme. „Es ist nur Popmusik. Das habt ihr spätestens nach dem zweiten Refrain drauf.“

Es ist nur Popmusik

Mit Songs wie „High“ oder der Hitsingle „Irony“ zeigt er, dass tatsächlich etwas an seinen Worten dran ist. Die Titel sind modern, gehen ins Ohr und sind überaus tanzbar. Dem Publikum gefällt’s! Der andere Act, dem die Ehre zu Teil wird, in der größten Festival-Location beim New Pop zu spielen, sind The Faim. Zuvor schaut die Gruppe um Sänger Josh Raven aber noch bei Pierre M. Krause vorbei, wo sie die beiden Ohrwürmer „Humans“ und „Summer Is A Curse“ (später im Festspielhaus ein echtes Brett) mit kleinem Besteck performt.

Während die jungen Australier nachmittags tatsächlich noch sehr jugendlich wirken und bei jedem Kalauer des Moderators in schallendes Gelächter ausbrechen, rocken sie im Festspielhaus mit viel Power durchaus amtlich.

Und was ist mit der Frauenquote?

Das Kontrastprogramm folgt im Anschluss: oftmals feingliedrige, immer tiefgründige Musik von der einzigen weiblichen Künstlerin im regulären Programm. „Wir sind dieses Jahr mit dem Festival schon nachhaltig unterwegs, da können wir uns nicht gleichzeitig auch noch um die Frauenquote kümmern“, scherzt Pierre M. Krause angesichts der Tatsache, dass das Booking 2019 derart viel Testosteron in sich trägt. Wenigstens tritt Freya Ridings (Gesang, Klavier, Gitarre) zur Primetime um 21 Uhr und in der vielleicht stimmungsvollsten Location, dem Theater Baden-Baden, auf.

Die Britin scheint in vielen ihrer Songs auf wunderbare Weise aus der Zeit gefallen zu sein und erinnert in Titeln wie „Lost Without You“, „Castles“ und dem ihrer Mutter gewidmeten „You Mean The World To Me“ an eine Mischung aus Tori Amos, Lana Del Rey und Birdy. Die stimmigen wie stimmungsvollen Arrangements inklusive Cello-Melodien machen die Sache rund.

Dermot Kennedy mit Abstrichen

Nicht ganz so überzeugen kann Dermot Kennedy. Mit „Power Over Me“ hat der Ire einen weltweiten Hit gelandet, was den introvertiert wirkenden 27-Jährigen wohl am meisten selbst überrascht. Sein sehr laut abgemischter Sound im Kurhaus wird zwar in eine aufwendig-theatralische Licht-Inszenierung eingebettet, die viel hermacht, kommt aber auf Dauer ziemlich eintönig und elegisch daher. Da hilft auch die persönliche Note in Songs wie „The Corner“ und „All My Friends“ nicht viel weiter.