Ausgewachsene Hochlandrinder wie die von Axel und Christine Baumann sind vor dem Wolf einigermaßen sicher, nicht aber Schafe und Ziegen. Die Grünlandbewirtschafter fürchten deshalb, dass viele Betriebe aufgeben werden. Damit wären aber die Bemühungen um die Freihaltung der Landschaft am Ende.
Ausgewachsene Hochlandrinder wie die von Axel und Christine Baumann sind vor dem Wolf einigermaßen sicher, nicht aber Schafe und Ziegen. Die Grünlandbewirtschafter fürchten deshalb, dass viele Betriebe aufgeben werden. Damit wären aber die Bemühungen um die Freihaltung der Landschaft am Ende. | Foto: Kappler

Arbeitskreis Baden-Badener Landwirte: Alarm bei Wolfsansiedlung

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Im Moment sind Christine und Axel Baumann noch einigermaßen sicher. Zumindest an ihre ausgewachsenen Highland-Rinder dürfte sich ein einzelner Wolf wohl kaum herantrauen. Aber: Axel Baumann ist auch Vorsitzender und Sprecher des Arbeitskreises Baden-Badener Landwirte, dem rund ein Dutzend Grünlandbewirtschafter aus der Kurstadt angehören. Diese wiederum sind von Sorgen nur so geplagt.

Wie soll ein sicherer Herdenschutz gewährleistet werden, so die bange Frage. Dem AK-Sprecher schwant dabei eine düstere Zukunft: „Das trifft vor allem die Schaf- und Ziegenhalter mit voller Wucht. Das Ende wird sein, dass viele aufhören werden.“ Die Folgen liegen auf der Hand: Nachdem seit Jahrzehnten die Offenhaltung der Landschaft durch Schaf- und Ziegenhaltung propagiert worden sei, werde dies wie ein Kartenhaus zusammenfallen, die Landschaft noch schneller versteppen.

Aufwändige Umrüstung

Pure Augenwischerei sei das Versprechen der Politik, die Tierhalter bei der Umrüstung der Zäune mit 90 Prozent der Kosten zu unterstützen und Schäden, die von Wölfen verursacht werden, zu ersetzen. In der Praxis, so Baumann, sehe das ganz anders aus, weil sich hinter dem Versprechen der Politik einerseits ein immenser bürokratischer Aufwand verberge und weil andererseits die Materialkosten höchstens 20 Prozent des Gesamtaufwandes beim Zaunbau ausmachen würden.

Förderprogramm ist der Sargdeckel.

Baumann: „Das Förderprogramm ist der Sargdeckel.“ Schon immer ständen Schaf- und Ziegenhalter in der Landwirtschaft auf der untersten Stufe der Einnahmemöglichkeiten. Weitere Lohnaufwendungen seien deshalb nicht zu verkraften. Vor allem die Hobby-Tierhalter seien heute schon weit unterhalb jedes Mindestlohnes angekommen, so der Sprecher der Grünlandbewirtschafter.

Bau auf eigene Rechnung

Für jeden Weidezaun ist im Übrigen eine Baugenehmigung erforderlich. Und: Für den Antrag auf Zuschüsse ist wiederum eine saubere Kalkulation aller benötigten Materialien vorzulegen. Der Bau erfolgt dann auf eigene Rechnung und muss dokumentiert werden.

Wolf und Bürokratie

Kommt es dann trotzdem zu einem Riss durch den Wolf, legt die Bürokratie erst richtig los: Der Wildtierbeauftragte muss den Fall untersuchen, die zuständige Stelle der forstlichen Versuchsanstalt wird eingeschaltet. Entpuppt sich nach Auswertung von DNA-Spuren ein Wolf als Täter, gibt es eine Entschädigung. Aber: Ein Anspruch besteht nur dann, wenn bei der Untersuchung des Zaunes festgestellt wird, dass dieser in Ordnung war und unter einer Spannung von mindestens 4 000 Volt gestanden hat.

Unüberwindbare Hürde.

Axel Baumann: „Der Tierhalter hat also 365 Tage im Jahr eine Bringschuld, muss die Ordnungsmäßigkeit seiner Zäune nachweisen.“ Für Axel Baumann selbst eine unüberwindbare Hürde, denn seine extensiven Weideflächen für die rund 120 Hochlandrinder werden von rund 50 Kilometer Zaun umgeben. Tägliche Kontrolle? – unmöglich.

Unerreichbare Spannungswerte

Nächstes Problem: die geforderte Spannung von 4 000 Volt. Bei einem trockenen Sommer wie in diesem Jahr sei dieser Wert oft gar nicht zu erreichen, weil in dem knochentrockenen Boden keine Erdung möglich ist. Ohne Erdung keine Spannung und ohne Spannung keine Entschädigung im Fall des Falles.

Alternative: Litzen-Zäune

Als sicherste Methode, Wolf und Herde voneinander getrennt zu halten, gelten die sogenannten Litzen-Zäune. Dabei werden insgesamt fünf Drähte im Abstand von 20 Zentimeter bis in eine Höhe von 1,20 Meter übereinander gespannt und unter Strom gesetzt. Die Weidetiere können nicht entweichen und der Wolf bekommt beim Versuch, einzudringen eine „gewischt“.

Zäune, die Wölfe von Herden abhalten sollen, sind aus Sicht von Axel Baumann für die Tierhalter nicht finanzierbar.
Zäune, die Wölfe von Herden abhalten sollen, sind aus Sicht von Axel Baumann für die Tierhalter nicht finanzierbar. | Foto: Kappler

Das Problem: Schafe und Ziegen fressen das Gras direkt unter dem untersten Draht nicht, weil sie sonst Gefahr laufen, selbst einen Stromschlag zu erleiden. Mithin muss der Landwirt dieses Gras abmähen, um Kurzschlüsse und damit einen Spannungsabfall zu verhindern.

Mähen wird schwierig

Axel Baumann hat sich dafür eigens einen Rotationsmäher angeschafft, der ähnlich funktioniert wie die Maschinen der Straßenmeistereien, die unter Leitplanken das Gras mähen. Bei Rindern kein Problem, denn da kann der unterste Draht auch auf 35 Zentimeter über Grund platziert werden. So ist genug Platz für den Rotationsmäher. Bei 20 Zentimeter funktioniert das aber nicht. Dann bleibt nur noch die Motorsense. Folge: Zusatzkosten und das Hindernis, überhaupt Arbeitskräfte für diese Arbeit zu finden.

Sorge um künftige Folgen

Sollten Risse durch Wölfe zunehmen, sieht Axel Baumann noch ein weiteres Problem. Schäden, die durch ausgebrochene Tiere verursacht werden, werden im Moment noch durch Versicherungen abgedeckt. Was passieren könnte, wenn solche Schäden häufiger werden sollten, will er sich im Moment noch gar nicht ausmalen. Sein Fazit: „Beim Thema Wolf stehen wir an der Wand.“