Autonom und ohne Personal überführt der Enforcement Trailer seit Juni in den Straßen von Baden-Baden Temposünder. | Foto: Michael Rudolphi

In Baden-Baden

Attacken auf Blitzer

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Er ist zum Lieblingsfeind von Rasern und Verkehrsrowdys in Baden-Baden geworden und die Täter, die ihn mit Farbschmierereien außer Gefecht setzen wollen, finden in den sozialen Medien wie Facebook auch noch Zustimmung. Der autonom arbeitende Blitzer ist  am Donnerstag in Oos mit Farbe besprüht worden. Der Baubetriebshof behob den Schaden und wenige Stunden später war der Enforcement Trailer wieder im Einsatz. Bereits in der Nacht zum Freitag ist er aber wieder beschmiert worden, diesmal in Lichtental.

Blitzer beschmiert

„Wir sind verärgert, aber nicht ratlos“, kommentiert die städtische Pressestelle die neuerliche Sachbeschädigung. Will heißen: Man hat eine Taktik, den Tätern auf die Spur zu kommen, will diese aber öffentlich nicht kundtun. Im Übrigen, so die Pressestelle, ist ausdrücklicher Wunsch im Gemeinderat und seinen Gremien, dass verstärkt im Stadtgebiet kontrolliert werden soll, nachdem die Beschwerden über Raser nicht abreißen.

Opfer von Schmierereien: der stätische Blitzer-Anhänger. | Foto: Stadt Baden-Baden

Im Herbst will die Verwaltung einen ersten Zwischenbericht über die Erfahrungen mit dem Enforcement Trailer vorlegen. Nur so viel zum Zwischenstand: Der Anfang Juni in Betrieb genommene Blitzer hat allein in den ersten 20 Tagen des August rund 2 700 Geschwindigkeitsüberschreitungen dokumentiert.
Zu seinen Vorteilen zählt, dass er vollautomatisch arbeitet, während der Überwachung also kein Personal erforderlich ist. Das prädestiniert ihn insbesondere auch für Nachteinsätze.

Nachtruhe gestört

Dass vor allem nachts das vorgeschriebene Tempo häufig überschritten wird, was wiederum zur Störung der Nachtruhe von Anwohnern führt, hatte das Gerät bereits im vergangenen Jahr aufgedeckt, als es die Stadt für eine dreiwöchige Testphase angemietet hatte.
Rund 4 600 Verstöße waren damals registriert worden. Ein Autofahrer war mit Tempo 72 durch eine Tempo-30-Zone gedonnert war. Außerdem gab es in diesen drei Wochen 103 Anzeigen und 14 Fahrverbote.
Grund genug, dem Gemeinderat die Beschaffung eines eigenen Gerätes vorzuschlagen. Die Mitglieder des Gemeinderates billigten die Anschaffung für rund 72 000 Euro bei den Haushaltsberatungen. Gleichzeitig setzte die Verwaltung die erwarteten Einnahmen bei den Bußgeldern um 200 000 Euro nach oben. Immerhin: Einheimische und Durchfahrende „stützen“ die Stadtkasse jährlich mit 1,8 Millionen Euro.
Dabei wäre es Ordnungsbürgermeister Roland Kaiser am liebsten, die Stadt würde gar nichts einnehmen, dann wären nämlich auch keine Kontrollen erforderlich und die Beschwerden wären grundlos.

Stadt: „Keine Abzocke“

Bereits bei der offiziellen Inbetriebnahme hatte der Ordnungs-Bürgermeister angekündigt, dass alle städtischen Überwachungsanlagen nicht zur „Abzocke“ eingesetzt würden, sondern an neuralgischen Punkten. Dazu zählen zum Beispiel 30er-Zonen, Schulen, Kindergärten, Altenheime und Zebrastreifen.
Der Enforcement Trailer, der sich mittels Anhängerkupplung von fast jedem Auto transportieren lässt, ermöglicht personen- und zeitunabhängige Kontrollen. Er ist mit Hochleistungsbatterien ausgestattet, die laut Stadt einen ununterbrochenen Messbetrieb über fünf Tage hinweg garantieren. Um die Messdauer zu verlängern, lassen sich die Akkus im Übrigen auch einfach tauschen.

Messungen auch nachts

Bürgermeister Kaiser bei der Inbetriebnahme: „Der autonome Betrieb erlaubt Geschwindigkeitsmessungen in der Nacht und verschafft den Mitarbeitern des Gemeinde-Vollzugsdienstes Freiräume, um verstärkt personalintensiveren Aufgaben wie etwa der Kontrolle des ruhenden Verkehrs nachzugehen.“
Unterdessen diskutieret die Facebook-Gemeinde munter weiter. Neben zustimmenden Beiträgen gibt es auch kritische Worte. Die Kosten für die Sachbeschädigungen müssten am Ende die Steuerzahler tragen.

Kommentar
Schmierfinken und Straftäter finden neuerdings auch an der Oos Zuneigung. Das jedenfalls zeigt ein Blick in die so genannten Sozialen Medien, in denen diejenigen reichlich Zuspruch finden, die den städtischen Blitzer-Anhänger mit Farbschmierereien vorübergehend außer Betrieb gesetzt haben. Ja, wo leben wir denn?
Der Enforcement-Trailer – enforcement ist englisch und heißt so viel wie Durchsetzung oder Vollstreckung – ist doch nur die logische Folge von dem, was Anwohner aus dem gesamten Stadtgebiet der Stadt seit Jahr und Tag vorjammern: Keiner hält sich an die Verkehrsregeln.
Kaum eine Sitzung der städtischen Gremien, in denen die Verwaltung nicht aufgefordert wird, mehr zu kontrollieren. Ungezählt sind die Forderungen nach der Beschaffung von weiteren Messgeräten. Dass der Antrag nach flächendeckendem Tempo 30 in der Stadt im Raum steht, muss nur am Rande erwähnt werden.
So ganz unberechtigt scheinen die Forderungen nach mehr Überwachung ja nicht zu sein. Allein der Blitzer-Anhänger hat vom 1. bis 20. August 2 700 Geschwindigkeitsüberschreitungen registriert, also 135 am Tag. Was zählt doch gleich zu den Hauptunfallursachen? 2016 waren es 135 im Jahr 2017 immerhin 87.
Wer Smileys verteilt, für strafbare Handlungen, die Sicherheit verhindern sollen, kann wohl nicht von dieser Welt sein.
Dabei ist es doch so einfach: Wer sich an Geschwindigkeitsbegrenzungen hält, braucht auch vor keinem Blitzer Angst haben.