Ein herausragendes Baudenkmal ist die Stiftskirche in Baden-Baden. In den nächsten beiden Jahren soll sie für fast sieben Millionen Euro in zwei Bauphasen saniert werden. Aus Rücklagen steuert die Kirchengemeinde fast 800 000 Euro bei | Foto: Kamleitner

Stiftskirche Liebfrauen

Baden-Baden: Düsteres Gotteshaus soll wieder erstrahlen

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Viele Menschen aus aller Welt schätzen die Wirkung der Baden-Badener Thermalquellen. Einem im wahrsten Sinne des Wortes herausragenden Gebäude in der Bäderstadt tun die heißen Quellen am Südosthang des Florentinerberges jedoch alles andere als gut: Die Stiftskirche Liebfrauen hat millionenschweren Sanierungsbedarf. Nicht nur der Zahn der Zeit hat dem katholischen Gotteshaus zugesetzt, sondern auch das Thermalwasser. Dessen Feuchtigkeit kriecht die Kirchenwände hoch, die Thermalwassersalze greifen Wände und Kunstwerke an.

In den 70er Jahren wurde zwar der Kirchenboden mit Waschbetonplatten versiegelt, doch der erhoffte Abdichtungseffekt stellte sich nicht wie gewünscht ein. Zudem wurde bei der Dämmung asbestähnliches Material verarbeitet. Elisabeth Lammert, beratendes Mitglied im für die Stiftskirche zuständigen Bauausschuss, verweist „auf viele Bausünden der Vergangenheit“. Besitzer von alten Immobilien wissen, wovon sie spricht: Wenn man genauer hinschaut, entdeckt man immer neuen Handlungsbedarf. Bei der Stiftskirche, die sich in der Obhut der Kirchengemeinde befindet, ist er inzwischen gewaltig. Die Sanierung ist deshalb in zwei Phasen vorgesehen: Zunächst der Turm (voraussichtlich ab Januar und bis November 2020), dann das Kircheninnere (ab Ostern 2020 bis Ende 2021).

Knapp sieben Millionen für Sanierung veranschlagt

Knapp sieben Millionen Euro haben Experten des Erzbischöflichen Bauamtes für die Auffrischung der Kirche veranschlagt. Rund 800 000 Euro steuert die Kirchengemeinde aus Rücklagen bei. Weitere 2,2 Millionen Euro sollen über Spenden, Zuschüsse bzw. Darlehen fließen. Lammert ist zuversichtlich, dass es viele Unterstützer geben wird. Die könnten damit ihre Treue zum „bedeutendsten Bauwerk der Stadt“ und der Grablege der Markgrafen dokumentieren.

Auweia: Wo etwas getan werden muss, ist auf Tafeln in der Stiftskirche in Baden-Baden schon jetzt markiert.

Stadt ist mit im Boot

„Die Stiftskirche hat durchaus ein säkulares Bein“, findet Lammert. Je geringer das erforderliche Darlehen ausfällt, umso mehr Spielraum habe die Gemeinde bei der Bewältigung künftiger Ausgaben. Größere Summen kommen zudem vom Landesdenkmalamt, von der Erzdiözese Freiburg und der Schulstiftung des Landes Baden-Württemberg. Die Stadt ist ebenfalls mit einem Anteil im Boot – als Eigentümerin des Kirchenvorplatzes und des Kruzifixes.

Zukünftige Nutzung im Blick

Mit der Sanierung, betont Lammert, bekommen nicht nur Gläubige eine schönere Kirche. Geplant sei auch künftig die Nutzung als Ort für Kirchenmusik und Konzerte. „Wir wissen nicht, wie die übernächste Generation eine Kirche nutzt, aber wir beschäftigen uns damit.“ Nicht erst seit gestern. Den Bauausschuss für die Kirchensanierung gibt es seit zweieinhalb Jahren. Sollten einmal die Hotelpläne im Neuen Schloss realisiert werden, werde davon der Marktplatz profitieren.  „Dann ist da viel mehr los“, prophezeit Lammert. In der Kirche werden nicht nur die von einem schmutzigen Grauschleier überzogenen Wände gesäubert und Kunstwerke restauriert.  Zudem sollen die Obergarden, die obere Wandfläche des Mittelschiffs, geöffnet werden und mehr Tageslicht in die Kirche lassen.

Gemeinsam werden wir die Stiftskirche wieder zum Strahlen bringen!

Der liturgische Raum wird „behutsam neu gestaltet“, heißt es im Flyer zum Millionenprojekt. „Es ist nun an der Zeit, aus einer mittlerweile düsteren Kirche mit zahlreichen Schäden wieder einen freundlichen Ort für Gottesdienste, Konzerte, Besinnung und Besichtigung zu machen“, findet Pfarrer Michael Teipel. Das Motto für die nächsten Jahre hat er schon ausgegeben: „Gemeinsam werden wir die Stiftskirche wieder zum Strahlen bringen!“

Grablege der Markgrafen

Erste Hinweise auf eine Kirche im mittelalterlichen Baden-Baden stammen aus einer kaiserlichen Urkunde aus dem Jahr 987. Sie könnte an der Stelle der heutigen Stiftskirche am Florentinerberg gestanden haben. Ab dem Jahr 1391 diente die Stiftskirche den Markgrafen von Baden als Grablege – bis zum Aussterben der Linie Baden-Baden im Jahr 1793, heißt es dazu auf der Homepage der Seelsorgeeinheit.
Hier haben 14 badische Markgrafen ihre letzte Ruhe gefunden, darunter auch Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1655–1707), der nach den siegreichen „Türkenkriegen“ auch „Türkenlouis“ genannt wurde und Bauherr des Rastatter Schlosses war. Sein Grabdenkmal ist besonders imposant.

 

Kommentar
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Wahrzeichen

Die Katholische Kirche in Deutschland hat derzeit keinen leichten Stand. Nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals haben sich viele Menschen von ihr abgewendet. Dennoch gibt es nach wie vor viele gläubige Menschen, die sich in den Kirchengemeinden engagieren. Viele Unterstützter sind auch für ein großes Vorhaben in Baden-Baden erforderlich: die millionenschwere Sanierung der Stiftskirche. Seit über 1 000 Jahren thront sie auf dem Marktplatz, der nach dem Abzug des Weihnachtsmarktes und ohne Wochenmarkt enorm an Bedeutung verloren hat. Geblieben ist das Gotteshaus als ein Wahrzeichen der Stadt. In der Öffentlichkeit wird es als solches jedoch nicht so wahrgenommen wie es seiner Bedeutung angemessen wäre.
Das könnte sich tatsächlich ändern, wenn die Stiftskirche, die bis ins Jahr 1773 unter der Obhut der Schlossherren stand, einmal in neuem Glanz erstrahlt. Derzeit wirkt sie im Innern allerdings wenig einladend, um dort neue Kraft für die Bewältigung des vielfach stressigen Alltags zu schöpfen. Kaum zu glauben ist zudem, dass die Decke des Chorraums einmal strahlend weiß gewesen sein soll. Dennoch lohnt es sich aber schon jetzt, in der Kirche einmal innezuhalten und die Stille zu genießen. Ein Stück weit ist sie auch Museum – mit ihren sakralen Kunstwerken. Als Grablege der Markgrafen ist sie zudem ein Zeugnis badischer Geschichte.    Bernd Kamleitner