Schätz den Job in der Freien Natur: Schäferin Ute Svensson-Müller. Seit über 25 Jahren übt sie diese Tätigkeit aus. Schon ihr Vater war Schäfer. Trotz der schwieriger gewordenen Rahmenbedingungen und der zunehmenden Zersiedelung der Landschaft ist die Arbeit „immer noch mein Beruf“, beteuert sie. | Foto: Kamleitner

Harter Alltag

Baden-Baden: Unterwegs mit Schäferin Ute Svensson-Müller

Anzeige

Blühende Obstbäume, wärmende Sonnenstrahlen und Lämmer, die so süß sind, dass man sie am liebsten knuddeln würde: Das Leben als Schäferin in der freien Natur und fernab der hektischen Zivilisation muss ein Traumjob sein. Ute Svensson-Müller ist Schäferin aus Leidenschaft. Von süßem Nichtstun ist ihr Alltag aber weit entfernt. Die Haltung von Weidetieren bedeutet früh aufstehen, harte Arbeit – und höchste Konzentration. Bei Tieren ist es schließlich wie beim Menschen: Da wird auch mal gezankt und Grenzen werden ausgereizt.

Zwei, die den Schafen Grenzen aufzeigen sollen, fordern die Schäferin bisweilen auch heraus und versuchen, der Chefin ein Schnäppchen zu schlagen. Ute Svensson-Müller weist einen ihren zotthaarigen Strobel zurecht. Der altdeutsche Hütehund wollte mit einem schwarzen Lamm ein Spielchen treiben – und zieht beleidigt ab. „Das sind ganz besondere Hunde. Die gibt es nur beim Schäfer“, sagt Svensson-Müller über ihre beiden treuen vierbeinigen Begleiter. Insgesamt hat die Schäferei rund 600 Muttertiere.

Zwischen Balg und Haueneberstein unterwegs

Mit 280 Schafen zieht sie an diesem Tag über Wiesen zwischen Baden-Baden-Balg und Haueneberstein. Unterwegs steht das an, was Familien mit Kindern kennen: Erziehung – und das ist mit Schafen und deren unterschiedlichen Charakteren Arbeit. Da bleibt keine Zeit, um im Schatten eines Baumes etwa ein spannendes Buch zu lesen. Die Herde einfach sich selbst überlassen und laufen lassen, das würde in einem großen Durcheinander enden. Die Schäferin muss ihre Tiere vielmehr im Blick haben.

Gibt’s da was Leckeres? Ein Schaf knabbert am Beutel der Schäferin, während diese mit dem BNN-Redakteur spricht. | Foto: Kamleitner

Einstieg ins Hütegeschäft

Hinter den Mitarbeitern der Schäferei liegen stressige Monate. Im Februar wurden rund 250 Lämmer geboren, im März noch einmal rund 140. Darunter waren zahlreiche Zwillingsgeburten, im März gab es sogar zweimal Drillinge. Viele Lämmer werden geschlachtet, das ist der Lauf der Dinge. Die Herde ist jetzt gerade dabei, sich wieder ans Unterwegssein zu gewöhnen. „Wir müssen wieder unseren Rhythmus finden“, erklärt die Schäferin und meint damit den „Einstieg ins Hütegeschäft“ nach den Wintermonaten.

Schon Vater war Schäfer

Im Jahr 1992 schloss Svensson-Müller ihre Ausbildung zur Schäferin ab. Das Schäferdasein war ihr schon zuvor nicht fremd, weil der Vater diesen Beruf ausübte. „Da musste man als Kind immer mit ran“, erzählt sie. Der Job ist trotz Elektrozaun und anderer Neuerungen nicht einfacher geworden. Svensson-Müller möchte ihn aber nicht missen. „Schäferin ist immer noch mein Beruf“, beteuert sie. „Die Natur lehrt einem sehr viel, wenn man den Blick für die Dinge drumherum nicht verliert.“

Zum Knuddeln: Fast 400 Lämmer erblickten in der Herde von Schäferin Svensson-Müller in Baden-Baden in den vergangenen beiden Monaten das Licht der Welt. | Foto: Kamleitner

Herde pflegt Grinden im Nationalpark

Doch die heile Schäferwelt gibt es nicht mehr. Gefühlt sei alles viel schwerer geworden, sagt sie und nennt Gründe: immer mehr Straßen, neue Wohngebiete und Industriebauten. Der Natur werden immer mehr Flächen entzogen: „Die Zerschneidung der Landschaft macht uns zu schaffen!“
Seit über 20 Jahren beweidet sie mit ihren Schafen auch schon die wertvollen Grindenflächen im Nationalpark Schwarzwald, den es als Schutzgebiet erst seit fünf Jahren gibt. Die baumfreien Feuchtheiden seien für sie so etwas wie eine Heimat geworden: „Faszinierend!“ Respekt hat sie vor Naturgewalten wie schweren Gewittern. „Da habe ich schon einiges erlebt.“ Stress pur für sie und die Tiere.

Tiere haben Priorität

Träumt die Schäferin dann vielleicht von Urlaub in der Südsee? Nein, winkt sie ab. Fernweh plage sie wirklich nicht. Der letzte größere Urlaub liege allerdings schon über zehn Jahre zurück. Priorität hätten eben die Tiere: „Ich habe die Natur um mich. Das erfüllt einen!“ Mehr Sorgen bereite ihr der fehlende Nachwuchs in ihrem Job. Von ihren insgesamt etwa zehn Auszubildenden seien gerade mal drei auch als Schäfer tätig. „Das ist kein Beruf im herkömmlichen Sinne. Es ist ein Leben“, sagt Ute Svensson-Müller.

 

Kommentar
Foto: ©jd-photodesign - stock.adobe.com

Schafe zählen

Manche Menschen versuchen sich mit Schäfchenzählen zu entspannen, um leichter einzuschlafen. Wer damit Langeweile verbindet und deshalb auch noch glaubt, die Tätigkeit des Hütens von Schafen sei ähnlich einzuordnen, der ist auf dem Holzweg. Wer einmal inmitten einer Schafherde gestanden ist, bekommt einen Eindruck von den vielfältigen Aufgaben, die die Schäferin bzw. den Schäfer auf Trab halten. Wer Verantwortung für Hunderte Tiere hat, muss aufmerksam sein. An sonnigen Tagen dürften viele neidisch auf den Job in der freien Natur sein. Doch gerade im Frühjahr weht zum Teil noch ein kühler Wind – und hin und wieder öffnet der Himmel seine Schleusen. Auch an solchen Tagen, die andere im warmen Büro verbringen, ist der Hirte vor Ort gefragt.
Eine Schafherde vermittelt den Eindruck ländlicher Idylle. Doch so beschaulich, wie es aussieht, ist das Schäferleben keineswegs. Der Beitrag der Tiere zur Landschaftspflege ist unbestritten, doch es gibt immer weniger Menschen, die diese wichtige Tätigkeit ausüben wollen. In Baden-Württemberg ist die Schafhaltung nach Angaben des Landesschafzuchtverbands in den vergangenen zehn Jahren um rund 30 Prozent zurückgegangen. In vielen anderen Jobs kann man sein Geld leichter verdienen und viel mehr persönliche Freiheiten genießen. Wenn diese Entwicklung weiter anhält, ist die Anzahl der hauptberuflichen Schafhalter im Land schon bald sehr überschaubar. Derzeit liegt sie noch im niedrigen dreistelligen Bereich. Themen wie die Wolfsproblematik oder die weitere Zersiedelung der Landschaft und trockene Sommer machen die Arbeit des Hirten auch nicht attraktiver.                Bernd Kamleitner