Impfbuch
Erst mit der wichtigen zweiten Impfung ist der Schutz gegen Masern auch wirksam – sonst herrscht weiterhin Ansteckungsgefahr. In Baden-Baden gab es in diesem Jahr bereits fünf Masernmeldungen. | Foto: Marius Becker

Neun von zehn Kindern geimpft

Baden-Baden verfehlt Masern-Impfquote knapp

Anzeige

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verteidigt die von ihm geforderte Masernimpfpflicht gegen Kritik. Doch wie ist die Meinung in Baden-Baden?

Im Zuständigkeitsgebiet des Gesundheitsamts Rastatt, das auch für Baden-Baden verantwortlich ist, gab es im laufenden Jahr 2019 bereits fünf Masernmeldungen, wie Jan Ulrich Krahl, Leiter des Gesundheitsamts, bestätigt. Im vergangenen Jahr habe es insgesamt nur drei Meldungen gegeben. Auch in Karlsruhe und Landau hat es in diesem Jahr bereits Fälle von Masernerkrankungen gegeben.
Das weltweit gesteckte Ziel einer 95-prozentigen Impfquote (für Masern also zwei erfolgreiche Impfungen) verfehle die Kurstadt wie fast jede Region in Deutschland: In Baden-Baden hätten im vergangenen Jahr 93,3 Prozent aller Kinder die zweite Masern-Impfung erhalten, so Krahl.
Nach Spahns Forderungen sollen insbesondere Kinder in Schulen und Kitas, aber auch Pflegepersonal und Erzieher einen lückenlosen Impfschutz nachweisen müssen. Kinder mit unzureichendem Impfschutz sollen vom Kita-Besuch ausgeschlossen werden, bei Schulkindern ist aufgrund der Schulpflicht ein Bußgeld geplant.

Impfpflicht immer wieder Gesprächsthema

Im evangelischen Kindergarten Friedrich Oberlin gibt es derzeit noch keine Impfpflicht. Die sei jedoch immer wieder Gesprächsthema, wie Kita-Leiterin Bärbel Hartlieb bestätigt. Bei etwa 105 Kindern sind jährlich ein bis zwei Kinder dabei, die nicht geimpft seien. „Bei der Aufnahme erhalten die Eltern eine Impfempfehlung zur Aufklärung von uns, die sie unterschreiben müssen. Die meisten Eltern zeigen sich da auch einsichtig“, erläutert Hartlieb. Sie selbst schwankt noch in ihrer Bewertung der geforderten Impfpflicht. „Impfen ist eine emotionale Entscheidung. Einige Eltern wägen die Risiken durch die Impfung selbst anders ab, die Gefahreneinschätzung durch die Krankheit selbst ist da geringer. Aber auch für diese Eltern steht immer die Sorge ums Kind im Vordergrund.“ Ob ein Bußgeld jedoch den gewünschten Effekt haben werde, bezweifelt sie.

Pflicht für alle?

Dass Masern nicht zu unterschätzen sind, weiß der Arzt Christoph Irtel von Brenndorff. Er ist der Obmann der Kinder- und Jugendärzte in Baden-Baden/ Rastatt und uneingeschränkter Unterstützer der geplanten Masern-Impfpflicht. „Ich glaube, wir werden an einer solchen Impfpflicht nicht vorbeikommen, wenn wir das Ziel haben, Masern langfristig auszurotten“, sagt Brenndorff und vergleicht die Situation mit der Ausrottung der Pocken; auch hier habe letztlich eine Impfpflicht zum Erfolg geführt. Brenndorff beobachtet mit Sorge, dass auch immer mehr junge Erwachsene nicht ausreichend geimpft sind. Eine Pflicht nur für Kinder hält er daher für unzureichend. „Stellen Sie sich mal folgendes Schreckensszenario vor: Ein junger Erwachsener erkrankt an Masern. Bis die Krankheit entdeckt wird, könnte er zum Beispiel in der S-Bahn ein Kleinkind unter einem Jahr anstecken, das aufgrund seines Alters noch nicht geimpft werden konnte“, so Brenndorff. „Weder das Kind noch die Eltern können dafür etwas. Wir tragen doch Verantwortung für uns als Gesellschaft.“ Auch Menschen mit einer angeborenen Immunschwäche oder Patienten nach einer Organtransplantation könnten so angesteckt werden.

Politik am Zug

Doch ist eine Impfpflicht wirklich der richtige Weg? Brenndorff ärgert, dass weiterhin nur Aufklärung gefordert werde. „Die Aufklärung ist eine der Hauptaufgaben niedergelassener Kinderärzte. Was müssen die noch alles tun?“ Jetzt sei die Politik am Zug, betont der Kinderarzt.

Service
Die zweite Impfung kann problemlos nachgeholt werden. Eine erneute Impfung im Zweifelsfall schadet nicht. Bei einem Masernfall in der Familie sollten alle nicht oder nicht vollständig geimpften Mitglieder am besten innerhalb von drei Tagen mit einer sogenannten Riegelungsimpfung nachgeimpft werden. Für Kitas und Schulen kann das Gesundheitsamt ein Betretungsverbot für Nicht-Geimpfte von bis zu 29 Tagen verordnen.

Foto: PK

Höheres Gut
Masern gelten leider immer noch als Kinderkrankheit. Dabei handelt es sich nach Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bei mehr als der Hälfte der Masernfälle um Jugendliche über zehn Jahren oder Erwachsene. Die Folgen einer jahrelangen Impfmüdigkeit werden nun deutlich sichtbar.
Ein wissenschaftlicher Zusammenhang zwischen Masern-Impfung und Autismus oder Morbus Crohn wurde bis heute nicht erbracht. Die 1998 in England veröffentlichte Studie, die diesen Zusammenhang beschrieb, wurde gefälscht und als nicht wissenschaftlich zurückgezogen. Das Gerücht hält sich dennoch hartnäckig. Dabei stehen wir kurz vor der Ausrottung: Bei einer Impfquote von 95 Prozent würde das Masern-Virus nicht mehr genug Opfer finden, um sich weiter zu verbreiten. Mit 93,3 Prozent geimpfter Kinder ist Baden-Baden nicht mehr weit davon entfernt. Und so ein kleiner Piecks ist doch – verglichen mit einer gefährlichen Krankheit, deren Langzeitschäden unberechenbar und vor allem quasi unheilbar sind – wahrlich ein geringes Risiko. Bedenkt man, dass Masern hochgradig ansteckend sind, stellt die Verantwortung, die jeder einzelne gegenüber seinen Mitmenschen trägt, doch das höhere Gut dar.